Um Minderheiten in der Diaspora zu verstehen, muss man ihre Herkunftskultur verstehen. Der Einführungsvortrag von Dr. Marit Cremer auf der Tagung „Zwischen Ankunft und Abschiebung. Tschetschenische Geflüchtete in Europa“ gab daher einen Einblick in Geschichte und Wertesystem, das Spannungsverhältnis von Gewohnheitsrecht und Scharia und die Gleichzeitigkeit verschiedener Rechtssysteme im heutigen Tschetschenien. In die Diaspora mitgebracht, ergeben sich für tschetschenische Geflüchtete daraus konfliktreiche Folgen für die Bewältigung der neuen Lebensbedingungen in den europäischen Aufnahmeländern. Eine negative Rolle spielt zudem die in den letzten Jahren sich zuungunsten der Geflüchteten veränderte, stark restriktive Asylgesetzgebung in zahlreichen europäischen Ländern, wie Inna Sangadzhieva vom Norwegian Helsinki Committee und Akhmed Gisaev vom Human Rights Analysis Centre in Oslo bemerkten. Die Diaspora sei bei weitem nicht homogen, und insbesondere die in jüngster Zeit Geflüchteten hätten deutlich größere Schwierigkeiten, in der neuen Umgebung zurecht zu kommen, stellte Prof. Aude Merlin von der Université libre de Bruxelles fest. Wie bei anderen Migrantengruppen auch ließe sich zudem eine innere Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach dem Erhalt einer tschetschenischen Identität und der gewollten Teilhabe an der neuen Lebensumgebung feststellen. Erfolgreiche Integration könne selbst im lange Jahre von den Freiheitlichen unter Jörg Haider regierten Kärnten gelingen, stellte der Psychologe Siegfried Stupnig fest, dessen von ihm gegründeter 1. FC Tschetschenien bestens in die österreichische Gesellschaft integrierte Neubürger hervorgebracht habe. In Tschetschenien selbst hingegen nehme das repressive Regime Ramzan Kadyrovs insbesondere der jungen Generation die Luft zum Atmen. Ekaterina Sokirianskaia warnte daher vor einer bevorstehenden Welle des Widerstandes gegen das Regime. Die staatlich verordneten repressiven Maßnahmen zur Radikalismusprävention führten eher zur gegenteiligen Wirkung. Die Diskussionsrunde zur Verfolgung von homosexuellen Tschetschen*innen mit Igor Kochetkov vom Russian LGBT Network, der Berliner Anwältin Barbara Wessel und Konstantin Sherstyuk von Quarteera e.V. rief heftige Reaktionen seitens der anwesenden Berliner Tschetschen*innen hervor. Ebenso emotional wurden die Aufrufe von Svetlana Gannushkina von Memorial Moskau und der Frauenrechtlerin Lipkan Bazaeva aus Grozny aufgenommen, die für das Recht von Tschetschen*innen plädierten, ihre Community mit deren traditionellen Verhaltensregeln verlassen und nach selbstgewählten Regeln leben zu dürfen. Klare Worte fand die Anwältin für Familienrecht, Christina Clemm, die aufräumte mit unter Tschetschen*innen verbreiteten Vorstellungen von einem deutschen Staat, der ihnen bei familiären Konflikten sofort die Kinder wegnähme. Kindeswohlgefährdung sei allerdings ausnahmslos inakzeptabel und würde zur Intervention seitens des Jugendamtes führen. Das Erlernen von Methoden gewaltfreier Erziehung sei daher unumgänglich und Voraussetzung für den Erhalt der Familie.

Aus den zahlreichen positiven Rückmeldungen der über einhundert Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland sowie den anwesenden Journalist*innen ließ sich erkennen, wie groß die Nachfrage nach Wissen über Tschetschenien und seine Geflüchteten ist.

Einen russischsprachigen Beitrag der Deutschen Welle zur Tagung können Sie hier nachhören und nachlesen, die Übersetzung ins Deutsche finden Sie » hier.

Weitere russischsprachige Beiträge:

OstWest TV

RTVi

Am Sonntag, den 28.10.2018 fanden in mehreren Städten Russlands sowie vor der Russischen Botschaft in Helsinki Solidaritätsaktionen für die verhafteten Mitglieder der Gruppierungen „Novoe Velitschie“ und „Set“[Aktivisten der Antifaschistischen Bewegung] statt. Zu den Aktionen hatte das „Eltern-Netz“ der in beiden Verfahren Verhafteten unter der Losung „Für unsere und eure Kinder: Umzug zum Schutz der neuen Generation“ aufgerufen.

Lev Ponomarev, Vorsitzender der Bewegung Für Menschenrechte, sprach für Moskau, wo die Aktion auf der Lubjanka vor dem Gebäude des FSB stattfand, von rund 2000 Teilnehmern. Da die Aktionen in Moskau und in St. Petersburg nicht genehmigt worden waren, hatten die Veranstalter dazu aufgerufen, auf Plakate und Transparente zu verzichten, um niemanden einem unnötigen Risiko auszusetzen.

Im Zuge der Aktionen kam es zu rund 60 Verhaftungen. So wurden in Moskau 18 Personen verhaftet, einige davon wieder auf freien Fuß gesetzt, einige verbrachten die Nacht auf der Polizeiwache. Gegen alle wurde ein Protokoll wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht aufgenommen. In Petersburg wurden 40 Personen festgenommen, unter ihnen ein Journalist des unabhängigen Fernsehsenders Doshd. Ein Großteil verbrachte die Nacht ebenfalls auf der Polizeiwache. Unter den Verhafteten in Petersburg befanden sich auch sieben Minderjährige, fünf von ihnen wurden inzwischen wieder freigelassen. In Rostov am Don wurde ebenfalls ein Aktivist verhaftet und wieder auf freien Fuß gesetzt.

Wir erinnern, dass Memorial die Verhafteten im Verfahren „Novoe Velitschie“ als politische Gefangene betrachtet. Den Festgenommenen der Organisation „Set“ wurden, wie wir bereits berichteten, Waffen untergeschoben, ihre Geständnisse durch massive Folter erpresst.

29. Oktober 2018

Nachdem die Moskauer Behörden letzte Woche die ursprüngliche Genehmigung für die jährliche Aktion „Rückgabe der Namen“ zurückgezogen hatten, zeigten sie sich heute kompromissbereit: Die Aktion kann nun doch, wie geplant, am 29. Oktober 2018 von 10 bis 20 Uhr am Solowezki-Stein stattfinden.

Die Ende letzter Woche kurzfristig bei Memorial eingegangene Widerruf der schon erteilten Genehmigung war mit Bauarbeiten begründet worden – tatsächlich ist das Gelände dort seit einigen Tagen teilweise aufgerissen.

Die Vereinbarung mit den Behörden über die Durchführung der Aktion kam heute Nachmittag zustande, nicht zuletzt auf Grund der heftigen öffentlichen Proteste, die die Ablehnung ausgelöst hatte.

22. Oktober 2018

 

 

Wie jedes Jahr, sollte auch in 2018 am 29. Oktober am Solowezki-Stein auf dem Lubjanka-Platz in Moskau die „Rückgabe der Namen“ stattfinden – die Lesung der Namen von Personen, die im Zuge der Säuberungen in Moskau erschossen wurden. Alle erforderlichen Genehmigungen dazu hatte MEMORIAL bereits erhalten. Ein lakonisches Schreiben vom 18. Oktober, das am 19. Oktober einging, erklärt eine am 15. Oktober erteilte Verwaltungsnweisung, die Aktion zu unterstützen, aufgrund „neu eingetretener Umstände“ für ungültig und untersagt die Aktion an diesem Standort.

Es folgt die Erklärung von MEMORIAL International aus diesem Anlass.

 

Moskauer Behörden vereiteln die traditionelle Aktion „Rückkehr der Namen“

In den letzten elf Jahren wurde jährlich an der Lubjanka am 29. Oktober, dem Vortag des „Tages der Opfer politischer Verfolgungen“, die Gedenkaktion „Rückgabe der Namen“ durchgeführt. Den ganzen Tag, zwölf Stunden lang, konnten Intessierte die Namen von Menschen verlesen, die in Moskau erschossen worden sind.

Diese Aktion sollte auch in diesem Jahr stattfinden. In den Verhandlungen mit den Moskauer Behörden war seit dem Frühjahr immer wieder zugesagt worden, dass die Bauarbeiten der Aktion nicht im Wege stehen würden.

Memorial hatte bereits alle erforderlichen Genehmigungen von den Sicherheits- und Verwaltungsbehörden sowie dem Innenministerium erhalten. Heute allerdings, am 19. Oktober 2018, also zehn Tage vor der geplanten Aktion, wurde die Genehmigung vom Moskauer Bürgermeisteramt widerrufen.

Das ist empörend, und das nicht nur, weil damit die mehrmaligen ausdrücklichen Zusagen der Moskauer Behörden nicht eingehalten wurden. Die Beamten haben es nicht einmal für nötig befunden, sich in irgendeiner Form zu entschuldigen, weder bei den Organisatoren noch bei den Tausenden von Menschen, die an dieser Aktion teilnehmen und sie unterstützen.

Der Solowezki-Stein ist landesweit das älteste Denkmal für die Opfer des totalitären Regimes. Er wurde am 30. Oktober 1990 auf dem Lubjanka-Platz aufgestellt. Zivilgesellschaft, öffentliche Organisationen sowie städtische und staatliche Behörden hatten hier zusammengewirkt. Der Lubjanka-Platz wird per se mit der Erinnerung an den staatlichen Terror assoziiert. Die Aktion „Rückgabe der Namen“ hängt unlösbar mit dem Solowezki-Stein zusammen.

Deshalb ist das Ansinnen, die „Rückgabe der Namen“ an die „Mauer der Trauer“ am Sacharov-Prospekt zu verlegen, für uns nicht akzeptabel, ebensowenig wie man das Niederlegen von Blumen am Grab des Unbekannten Soldaten am Alexander-Garten durch irgendein anderes Ritual ersetzen könnte.

Die „Rückgabe der Namen“ ist schon lange keine Aktion mehr, die nur mit Memorial zu tun hat. Sie ist zu einem wichtigen Ereignis der ganzen Stadt geworden. Nach Eingang der Genehmigungen wurde die diesjährige Aktion schon breit bekannt gemacht. Außerdem wissen viele Menschen verschiedener Altersgruppen ohnedies, dass man am 29. Oktober zum Lubjanka-Patz kommen, eine Kerze erhalten und Namen ermordeter Moskauer und die eigener verfolgter Angehörige verlesen kann. Viele werden sich in jedem Fall zur Lubjanka begeben, da sie nichts davon wissen, dass das Bürgermeisteramt sein Versprechen gebrochen hat.

Die gesamte Verantwortung für die Vereitelung der Aktion tragen die Moskauer Stadtbehörden.

Der Vorstand von Memorial International

19. Oktober 2018

 

MEMORIAL Deutschland e.V., Bürgerhilfe (Moskau) und Women for development (Grozny) in Kooperation mit dem Norwegian Helsinki Committee (Oslo) laden ein zur Konferenz:

„Zwischen Ankunft und Abschiebung. Tschetschenische Geflüchtete in Europa“

Ort: Berlin-Wedding, Paul-Gerhardt-Stift, Müllerstr. 56-58, 13349 Berlin

Zeit: 08.11.2018, 08:30 bis 21:00 Uhr

Welche Gründe veranlassen Tschetschen*innen bis heute zur Flucht nach Europa? Wie reagieren europäische Asylbehörden darauf? Und wie reagiert die tschetschenische Diaspora auf die europäische Asyl- und Migrationspolitik?

Zu diesen Fragen geben Expert*innen aus Deutschland, Österreich, Norwegen, Türkei, Russland, Polen und Belgien Auskunft. Sie diskutieren über die aktuelle soziale und rechtliche Situation tschetschenischer Geflüchteter und stellen sich den Fragen des Publikums.

» Programm und Anmeldung

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Am 10. Oktober wurde dem Menschenrechtsrat beim Präsidenten eine Petition mit dem Aufruf übermittelt, einen Gefangenenaustausch von russischen und ukrainischen Gefangenen vorzunehmen. Im Laufe von vier Monaten wurden für diese Petition 60.000 Unterschriften gesammelt.

Autor der Petition ist Alexander Rekubratskij, zu den Unterzeichnern zählen auch Konstantin Kotov und Julia Samojlova, die die Einzelmahnwachen für die Freilassung Oleg Sentsovs und anderer ukrainischer Gefangener organisieren. Diese werden fortgesetzt, auch nachdem Sentsov seinen Hungerstreik beendet hat.

Die Petition wurde von dem Historiker und Journalisten Nikolaj Svanidse entgegengenommen, der dem Menschenrechtsrat angehört und der die Ziele der Petition ebenfalls unterstützt: „Das ist eine zutiefst humanistische Position – alle gegen alle auszutauschen. Wir werden alles tun, was von uns abhängt.“

Dass in vier Monaten ohne jegliche Unterstützung durch die Medien etwa 60.000 Unterschriften gesammelt werden konnten, ist für Konstantin Kotov ein Beleg dafür, „dass ein bedeutender Anteil an russischen Bürgern einen Gefangenenaustausch unterstützt. Wir waren der Auffassung, dass die russische Regierung wissen muss, dass wir, Bürger Russlands, einen Austausch wünschen. Wir möchten die russischen und ukrainischen Gefangenen in Freiheit sehen.“

11. Oktober 2018

 

 

Für den derzeit in Groznyj inhaftierten Ojub Titiev nahm Alexander Tscherkassov in Straßburg den Václav-Havel-Preis entgegen. Er verlas dabei die Titievs nachstehend dokumentierte Erklärung:

Verehrte Damen und Herren,

erlauben Sie mir, mich für die Nominierung für den so hohen Preis zu bedanken, der den Namen Vaclav Havels trägt – eines Freiheitskämpfers, Schriftstellers und Philosophen. Mein kurzer Auftritt wird sich kaum an seinen Texten messen lassen können - allenfalls hinsichtlich der Absurdität der Situation: Ich selbst kann aus bekannten Gründen in diesem Saal nicht dabei sein. Aber ich hoffe, dass meine Freunde und Kollegen Ihnen meine Botschaft übermitteln.

Übrigens hat das bereits Tradition – drei der früheren Havel-Preisträger, die mir die Ehre und das Vertrauen erwiesen und mich für die Auszeichnung nominiert haben, konnten den Preis seinerzeit auch nicht persönlich entgegennehmen. Sie befanden sich ebenfalls im Gefängnis. Ist das nicht schon eine absurde Tradition? Havel lächelt uns traurig zu...

Tschetschenische Polizeibeamte haben mich im Januar dieses Jahres verhaftet. Man beschuldigte mich, Drogen aufzubewahren, die sie mir selbst untergeschoben hatten. Allerdings hat der tschetschenische Regierungschef Ramzan Kadyrov festgehalten, dass es für meine, für unsere Arbeit in der Tat keinen Platz gebe – man darf die Rechte derer, die die Machthaber bekämpfen, nicht verteidigen, und man darf keine Informationen nach außen weitergeben, sondern nur an die Behörden, und wer es doch tut, ist ein „Feind des Volkes“. Jetzt, vor Gericht, kommen Dutzende von Polizeibeamten dem Wunsch des Regimes nach und belasten mich, den „Feind des Volkes“, mit Falschaussagen. Sie versuchen, die falsche Anklage zu beweisen - die meisten tun dies offensichtlich widerwillig, einige dagegen ausgesprochen bereitwillig. Alle kommen durcheinander, widersprechen sich gegenseitig und sich selbst. Um dieses absurde Schauspiel könnte einen Havel selbst beneiden. Übrigens, auch Sie können bei dieser Show dabei sein – im Gericht der tschetschnischen Kleinstadt Schali, jeden Montag und Dienstag. Die Vorführung geht noch einige Wochen weiter. Der Saal ist klein, aber Sie sind eingeladen!

Von meinen persönlichen Umständen kann ich leicht zur Hauptsache überleiten – zur Arbeit der letzten 18 Jahre, zur Arbeit von Memorial und all jener, die sich nicht nur als „Menschenrechtler“ bezeichnen, sondern versuchen, etwas zu tun.

In meiner Heimat, in Tschetschenien, sind gesetzwidrige Verhaftungen und die Fabrizierung von Straftaten schon lange die Norm. Mein eigenes Verfahren ist ein Bespiel dafür, und glauben Sie mir, nicht das schlimmste: In der Regel geht eine solche fabrizierte Strafsache mit Drohungen und Foltern einher.

Mitunter sind dies Racheakte an Journalisten und Aktivisten – mein Verfahren wegen „Drogen“ ist in Tschetschenien nicht das erste. Aber generell ist die Fälschung von Straftatbeständen schon lange System. Die Haftbedingungen im russischen Strafvollzugssystem sind derart, dass auch Personen, die möglicherweise schuldig sind, sie nicht verdient haben. Wir haben, soweit möglich, darüber recherchiert und veröffentlicht sowie versucht, Folteropfern und Opfern von fabrizierten Strafverfahren zu helfen.

Aber es handelt sich hier um keine Eigeninitiative der tschetschenischen Polizei und Regierung, wenn sie auch sehr kreativ dabei sind.

Vor fünfzehn Jahren hat die russische Zentralregierung den tschetschenischen Behörden die Vollmacht erteilt, gesetzwidrige Gewalt anzuwenden, um im Krieg den Sieg davonzutragen.

Im Krieg, in dem seit Mitte der 1990er Jahre Zigtausende tschetschenische Einwohner ums Leben kamen und viele Tausend verschwunden sind. „Verschwunden“ – das bedeutet, sie fielen den „Todesschwadronen“ der Regierung zum Opfer, sie wurden gesetzwidrig verhaftet, in Geheimgefängnisse gebracht, gefoltert, ermordet, und ihre Leichen wurden versteckt oder in Massengräbern verscharrt. Nach unseren Schätzungen waren das seit 1999 zwischen drei- bis fünftausend Menschen.

Mit Recherchen dazu war meine Kollegin Natalja Estemirova befasst, die auch mich zu Memorial gebracht hat. Am 15. Juli 2009 wurde sie selbst Opfer dieses Systems, sie wurde entführt und ermordet.

Aber die Arbeit – die Suche nach „Verschwundenen“, nach geheimen Grabstätten, der Einsatz für Gerechtigkeit und Rechtsprechung, für die Bestrafung der Verantwortlichen – geht weiter. Leider gelingt das in Russland nicht besonders gut.  Auf tausend Fälle gewaltsamen Verschwindens fallen vier Verurteilungen. 99,9 % der Fälle bleiben ungeahndet. In Straßburg ist es etwas besser: über 250 „tschetschenische“ Fälle von Verschwundenen wurden untersucht. Aber das Europäische Gericht für Menschenrechte nennt die Schuldigen nicht, es verpflichtet nur den Staat, dies zu tun. Und nicht eine einzige dieser 250 Straßburger Ermittlungen hat zur Bestrafung der Schuldigen geführt.

Das Fehlen einer auf dem Gesetz basierenden Gerechtigkeit, der fehlende Respekt vor dem Gesetz – ob es sich nun um die Europäische Konvention, das russische Recht, die Scharia oder ungeschriebene Gesetze der Bergvölker, das Adat, handelt – ist eines unserer größten Probleme. Heute herrscht stattdessen das Recht der Gewalt, ausschlaggebend sind die Entscheidungen der Machthaber ohne jegliche gesetzliche Grundlage.

In Tschetschenien und in Russland besteht nicht nur ein System der Straflosigkeit - ich würde es als Kette der Straflosigkeit zu bezeichnen: Wer für Verbrechen in einem Krieg nicht bestraft wurde, nimmt an allen weiteren Kriegen teil und begeht immer neue Verbrechen. Und die in Tschetschenien festgenommenen Personen „verschwinden“. Im vorletzten Winter sind Dutzende Personen „verschwunden“. Wir sind sicher, dass sie insgeheim und ohne Gerichtsverfahren hingerichtet wurden. Die Behörden behaupten, sie hätten sich in den Krieg nach Syrien begeben.

Vaclav Havel hat geschrieben und war aktiv, nachdem sowjetische Panzer vor einem halben Jahrhundert der Prager Frühling unterdrückt haten. Meine kleine Heimat wurde zweimal von Panzerketten umgepflügt, um dort die derzeitigen Machthaber zu etablieren.

Ich weiß nicht, welche unserer Nachforschungen der Anlass für meine Verhaftung war. Jetzt ist unser Büro in Groznyj geschlossen. Das Memorial-Büro im benachbarten Inguschetien wurde anderthalb Wochen nach meiner Verhaftung in Brand gesteckt. Nach einigen Wochen wurde der Leiter unseres Dagestaner Büros brutal niedergeschlagen.

Aber eines weiß ich: Die Menschenrechtsarbeit in Tschetschenien und in Russland muss weitergehen. Und die internationale Solidarität kann dabei helfen.

Jetzt sehe ich im Gerichtssaal Dutzende meiner Kameraden und Kollegen, die von weither mit dem Flugzeug kommen, um mich zu unterstützen. Sie werden von derselben Devise geleitet – „für eure und unsere Freiheit“ – wie die sowjetischen Dissidenten, die vor einem halben Jahrhundert gegen den Truppeneinmarsch in die Tschechoslowakei protestiert hatten.

Und man muss etwas tun, etwas tun, um die Verschwundenen zu finden, damit jeder sein Grab bekommt, das seine Angehörigen aufsuchen können. Um zu erreichen, dass Personen, die an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren, bestraft, und dass Unschuldige befreit werden.

Und das letzte. Alles hat irgendwann ein Ende. Ich habe gelesen, dass es in der Tschechoslowakei, der Heimat von Vaclav Havel, eine Redewendung über die Regierung der Kommunisten gab: „Für ewige Zeiten. Aber nicht einen Tag länger!“ Ich hoffe, in diesem Saal noch persönlich erscheinen und Ihnen allen danken zu können.

8. Oktober 2018

 

 

Der diesjährige Václav-Havel-Menschenrechtspreis wird an Ojub Titiev, Leiter des Memorial-Büros in Tschetschenien, verliehen. Mit dem Preis werden alljährlich Einzelpersonen oder Institutionen ausgezeichnet, die für Zivilcourage und herausragende Leistungen im Bereich der Menschenrechte stehen.

Die Verleihung fand am 8. Oktober in Straßburg statt. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieser Preis ist eine Anerkennung der Arbeit, die er [Titiev] und Memorial leisten. Es ist auch eine Botschaft an alle, die in der Region arbeiten, die Prinzipien der Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte zu bekräftigen. Halten Sie die gute Arbeit aufrecht, Sie können auf unsere Unterstützung zählen.“ Außenminister Maas bezeichnet in einer Pressemitteilung die historische Aufklärungsarbeit von Memorial und Titievs beharrlichen Einsatz für die Menschenrechte in Tschetschenien als beispielhaft und von unschätzbarem Wert.

Den Preis für Ojub Titiev, der weiterhin in Haft sitzt, nahm Alexander Tscherkassov, Vorstand von Memorial International und Leiter des Menschenrechtszentrums Memorial, entgegen. In einem zu diesem Anlass von Tscherkassov vorgetragenen Brief Titievs beklagt dieser, den Mangel an Gerechtigkeit, die auf dem Gesetz beruhe und den fehlenden Respekt vor dem Gesetz als eines der Hauptprobleme; stattdessen dominierten das Recht der Gewalt und die Entscheidungen von Herrschern, die nicht auf den Gesetzen beruhen, so Titiev. Und weiter: „Die Arbeit zum Schutz der Menschenrechte in Tschetschenien und in Russland muss weitergeführt werden. Und die internationale Solidarität kann dabei helfen.“

9. Oktober 2018

 

Bereits seit dem 25. September kommt es in Inguschetien zu zahlreichen Protesten. Seit dem 4. Oktober findet im Zentrum der Stadt Magas eine unbefristete Protestaktion statt. Die Teilnehmer erklären die Unzulässigkeit der Ratifizierung eines Grenzabkommens durch das Parlament der Republik Inguschetien, welches von den Oberhäuptern beider Subjekte der Russischen Föderation, der Republik Inguschetien und der Republik Tschetschenien, unterzeichnet worden ist.

Ohne die Frage der Grenze und der Neuverteilung von Territorien zu berühren, weisen wir auf folgendes hin. Die Zuspitzung der Situation in Inguschetien wurde vor allem und in erster Linie provoziert durch das Schweigen der Behörden. Am Vorabend der Unterzeichnung des Grenzabkommens haben es die Behörden der Republiken bewusst vermieden, dieses wichtige Thema zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Diskussion zu machen. Und nach der Unterzeichnung erhielt die Öffentlichkeit von den Behörden der Republiken keine klare und vollständige Information zu allen Fragen, die mit der Grenzmarkierung in Zusammenhang stehen. Die Situation wurde verschärft durch die Mitteilung mehrerer Abgeordneter über eine Fälschung der Abstimmungsergebnisse zum Grenzabkommen im Parlament der Republik Inguschetien. Danach änderte sich der Charakter der Protestaktion: Zur Ablehnung der Demarkation der Verwaltungsgrenze kam der Kampf für die Einhaltung der Normen der Gesetzmäßigkeit hinzu, für die Einhaltung der Rechte und für die Achtung der Würde der Einwohner der Republik.

Wir fordern die Behörden aller Ebenen dazu auf, keinesfalls Gewalt gegen die Menschen anzuwenden, die ihre gesetzlichen Rechte schützen, Transparenz bei den Vorgehensweisen der Machthabenden fordern sowie die Bestrafung der Falsifikatoren.

Wir fordern die föderalen Behörden Russlands auf, sich bewusst zu werden, dass die Verantwortung für die weitere Entwicklung der Situation in der Republik nun vor allem bei ihnen liegt.

Es ist unabdingbar,

  • die Öffentlichkeit zu allen Fragen erschöpfend zu informieren, die mit der Demarkation der Verwaltungsgrenze in Zusammenhang stehen.
  • sofort eine Untersuchung zu der Meldung einer Fälschung [der Abstimmungsergebnisse zum Grenzabkommen] im Parlament der Republik Inguschetien einzuleiten.
  • die strikte Einhaltung der Gesetzgebung der Russischen Föderation sowie der Republik Inguschetien bei Entscheidungen über die administrative Grenze zwischen den Republiken sicherzustellen.

Wir rufen die Protestierenden auf, Beharrlichkeit und Geduld zu zeigen, sich nicht auf Provokationen einzulassen und keinerlei Gewalt im Verlauf des Kampf um eine öffentliche und gesetzgemäße Entscheidung der Grenzfrage zuzulassen.

5. Oktober 2018

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