„Wenn wir nicht in die Kunst investieren, können wir wieder verlieren.“ Matvij Vajsberg
 

Denys Volocha


Die Bilder des Künstlers Matvij Vajsberg illustrieren unser neues Buch über Mariupol. Er spricht davon, dass der Krieg für ihn zu einer Phase höchster Produktivität geworden ist, klagt über den städtischen Raum und ist der Meinung, dass wir mehr dafür tun müssen, um die zeitgenössische ukrainische Kunst in der Welt bekannt zu machen.

Warum ist das Buch „Stimmen des Krieges. Mariupol“ wichtig für Sie? 

Das Buch ist wichtig für mich als Mensch und als Ukrainer, weil die Geschichte mit Mariupol unsere gemeinsame Geschichte ist. Sie ist sehr schmerzhaft. Mir ist klar, dass wir nicht so reagieren können, wie die Menschen, die dort waren, tatsächlich reagiert haben. Aber ich erinnere mich immer noch an meine Reaktion auf die Ereignisse. So kam es, dass ich eine ganze Serie gemacht habe: „Die feine rote Linie“, die ich den Geschehnissen in Mariupol gewidmet habe. Seit dem 24. Februar geschieht ständig etwas. Ich denke, das ist mein kleiner Beitrag für die gemeinsame Sache. Ich habe die Menschen gesehen, deren Stimmen in diesem Buch zu hören sind, habe es gelesen. Das ist ziemlich erschreckend.

 

 
Denys Volocha / Charkiver Menschenrechtsgruppe

 

Inwieweit hat der Krieg Ihr Schaffen beeinflusst? 

Der Krieg hat meine Kunst insgesamt beeinflusst. Ich habe sofort Anfang März 2022angefangen zu zeichnen. Das konnte nicht jeder. Denn die Menschen haben unterschiedliche Nervensysteme. Ich kenne meines einfach schon seit 2014, ich habe schon meine Erfahrung damit gemacht, als ich „Die Mauer“, gemalt habe, „Die Mauer“ des Maidan. Ich habe einfach angefangen zu zeichnen und habe mich schlicht damit gerettet. Habe mich mit meinem „Reisetagebuch“ gerettet. Und andererseits schien es mir, als hätten die Menschen auf diese meine Arbeiten gewartet. Das war für manchen wichtig, das hat man mir später gesagt. Es war eine nervöse Arbeit: Jeden Tag malte ich etwas, und selbst, wenn es Bäume waren, ging es trotzdem um den Krieg.

 

 
Die feine rote Linie 2022. © Matvij Vajsberg / Flickr


 
Reisetagebuch 2022. © Matvij Vajsberg / Flickr

 

Ich glaube, ich kann mich an eine solche Menge an Arbeit, geschweige denn an Ausstellungstätigkeiten, wie in diesen 512 – 513 Tagen, nicht erinnern. So viele Auktionen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und so weiter. Höchstens in der Jugend vielleicht. Es passierten sogar so erstaunliche Dinge wie zum Beispiel die Ausstellung des „Tagebuches“ in Den Haag im Justizministerium. So vieles, das kann man jetzt gar nicht mehr alles aufzählen. Ich habe riesige Wandbilder in Babyn Jar gemacht. Ich weiß nicht, vielleicht haben Sie die gesehen. Den „Engel der Ukrainischen Streitkräfte“ und so weiter. Einige Bücher kamen heraus, das „Reisetagebuch“ und Ihr Buch hier. Es soll noch ein Buch erscheinen. Es wird einiges verwendet, das heißt, ich werde gebraucht, ich bin von Nutzen. Klar, dass fast alle diese Sachen freiwillig und unentgeltlich entstehen. 

Es gab sogar eine sehr eigentümliche Ausstellung auf der Biennale in Venedig im Rahmen von „Künstler, die nach dem 24. Februar malen“. Eigentlich ist das so ein geschlossener Klub, ich bin dort nicht hingegangen. Aber da ging es auch um den Krieg und um die Ereignisse bei uns.

Die Künstler haben tatsächlich unterschiedlich auf diese tragischen Ereignisse reagiert. Einige sind völlig frustriert... 

Nun, ich kann Ihnen sagen, dass man hier niemanden verurteilen darf. Das Nervensystem ist bei jedem anders. Es gibt Menschen, die einfach losgezogen sind, um zu kämpfen. Künstler genau wie andere: Ein Künstler ist genauso ein Mensch, genauso ein Mann oder eine Frau wie jeder. Es gibt welche, die einfach auf rein ehrenamtlicher Basis arbeiten. Und es gibt solche, die angefangen haben zu malen und das ist normal. Meine Freunde, ich und so weiter. 

Zu Beginn war das eine tägliche Arbeit. Mittlerweile erlaube ich mir schon, ein bisschen auszuruhen. Da ist auch eine physische Erschöpfung nach diesen riesigen Wandbildern, 120 m² immerhin in 8 bis10 Tagen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so etwas machen würde. Wir haben zusammen mit einem litauischen Freund, der die Ausstellung „Die Reisen des Moses“ mitbrachte, in Babyn Jahr ausgestellt. Wenn ich mich nicht täusche, war das die erste Internationale Ausstellung seit dem 24. Februar in dem Sinn, dass 'etwas zu uns gebracht wurde'.

 

 
Der Engel der Ukrainischen Streitkräfte, Denkmal in Babyn Jar, 2023. © Matvij Vajsberg / Flickr

 

Es gab noch so eine Serie, von der habe ich vergessen, zu erzählen, „Die Karawane“. Sie ist einer Getreide-Karawane gewidmet. Ich war nach Odesa gefahren, hatte überhaupt nicht daran gedacht, das Meer zu malen, warum hätte ich das malen sollen, es ist doch Krieg. Plötzlich sah ich Schiffe am Horizont. Und da kam eine völlig andere Geschichte mit dieser „Karawane“ heraus. Vielleicht mache ich sie irgendwie noch weiter, jetzt ist das besonders aktuell.

 

 
Die Karawane, 2022. © Matvij Vajsberg / Flickr


 
© Matvij Vajsberg / Flickr

 

Welche Arbeiten ukrainischer Künstler haben Sie während des Krieges besonders beeindruckt? Sofern es solche gibt.

 Die gibt es, das sind die Arbeiten meiner Künstlerfreunde. Die Arbeiten von Achra Adschyndschal, Olena Predyvalova, Oleksij Apollonov uns Sjeva Scharko. Es gibt viele Arbeiten, schwer alle aufzuzählen, viele Menschen arbeiten an ihnen. Katja Lisova ist eine Entdeckung für sich, sie macht sehr interessante Sachen.

Slavik Schereschevskyj malt sehr viel zum  Krieg, es sind sehr starke Werke dabei. Sie sind etwas ironisch: Eine Arbeit, wie er auf den sinkenden Kreuzer „Moskva“ schaut, wobei der Kreuzer in diesem Moment noch nicht untergegangen ist. Nun, ich habe ihn in meinem „Reisetagebuch“ früher schon untergegangen gemalt.

 

 
Der Kreuzer „Moskva“, 2022. © Matvij Vajsberg / Flickr

 

Über die Arbeiten von Sascha Schyvotkov möchte ich gesondert sprechen, sehr starke Sachen. Das ist diese Technik des Autors, ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll - Skulptur, Malerei. Die Ausstellung im Ukrainischen Haus war stark und, ich würde sagen, sehr eindringlich. 

Was war Ihre emotional anstrengendste Arbeit in dieser Zeit?

Wahrscheinlich das „Reisetagebuch“, weil ich mir die Aufgabe gestellt hatte, jeden Tag ein kleines Bild zu malen, sie sind alle im DIN A4-Format. Ich musste auf diese Zustände reagieren. Aber wie sollte ich darauf reagieren, wenn ich mich selbst darin befand? Das war eine ungeheure und wir mir scheint sehr wichtige Arbeit, für mich wahrscheinlich die wichtigste.

Überhaupt ist es schwierig, etwas herauszuheben, denn jetzt etwas zu malen, das ist die äußerste Erschöpfung. Weil alles ehrlich sein muss. In diesen Zeiten kann man nichts einfach mit halber Kraft tun. 

Jetzt wird viel darüber gesprochen, dass der Staat 28 Millionen Hrywnja bereit stellt, um an der Mutter-Heimat-Statue Hammer und Sichel durch den Dreizack zu ersetzen, wofür die Ukrainer in der Dija-App gestimmt hatten. Was halten Sie von dieser Entscheidung? 

Normal finde ich das, soll sie etwa mit Hammer und Sichel dastehen? Das ist eine sehr komische Geschichte mit diesem Weib, wie wir sie nennen. Aber wissen Sie, dass ist wie auf dem Maidan mit diesen grässlichen Bauten, die Omeltschenko [1999 – 2006 Bürgermeister von Kyjiv] hat errichten lassen: Sie wurden zu Geschichte nach dem Maidan. Jetzt gibt es einen neuen Hype, gestern oder vorgestern fing das an in Bezug auf ein Museum in Odesa. Dass man Drohnen kaufen muss und nicht Geld in ein Museum stecken soll. Nun, es ist offensichtlich, dass man Drohnen kaufen muss, aber auch etwas in die Kunst investieren, wenn die Möglichkeit besteht. Denn wir könnten wieder verlieren. 

Unsere Kultur wird von Russland vereinnahmt.

Das Land der Aggressoren gibt nicht umsonst hunderte Millionen Dollar für das alles aus. Ich habe diese Ausstellungen von ihnen gesehen, schrecklich. Ich kann solche Begriffe wie „russische Avantgarde“ nicht hören. Das ist eine Aneignung. Aber wir haben Sachen ... . Erstens, Malevytsch gehört in jedem Fall zu uns. Zweitens, solche Phänomene wie der Bojtschukismus und so weiter, das sind globale Phänomene, in die man Geld investieren muss. Wie in die moderne Kultur übrigens auch. Denn jetzt haben verschiedene westliche Institutionen angefangen, in die Museen einzuladen. Der Louvre zum Beispiel hat das Chanenko-Museum gebeten, eine byzantinische Ikone mitzubringen und es wäre nicht verkehrt, wenn sie neben der byzantinischen Ikone auch moderne ukrainische Künstler einladen würden. Ich sage das erstens als Mensch, der daran ein Interesse hat. Und zweitens wird das überall auf der Welt so gemacht. Ich habe viele solcher Ausstellungen gesehen. Sie sollen zeigen, dass es eine Verbindung zwischen den Zeiten gibt, dass das eine moderne Kunst ist, die tatsächlich eine Tradition hat. Und sie ist es in der Tat wert, dass man sie jetzt auf der Welt zeigt. Das ist offensichtlich, selbst von meiner geringen Erfahrung ausgehend.

 

 
Die Mauer, 2014. © Matvij Vajsberg / Flickr

 

Sie wissen schon, eine Ausstellung in Den Haag oder sonst wo. Als meine „Mauer“ im polnischen Parlament gezeigt wurde, hat das funktioniert. Und der Staat muss sich darum kümmern. Aber leider haben wir eine solche Tradition nicht. Ich will keine Namen nennen, das ist eine undankbare Angelegenheit. Aber ich weiß, von wem ich spreche. Sie verstehen einfach nicht, warum das wichtig ist. Aber das ist wichtig. Das ist der Eingang in einen anderen Club. Die ganze Welt fährt zu Ausstellungen, die ganze Welt schaut sich Werke an. Dort ist die Einstellung Menschen gegenüber, die Kunst lieben oder herstellen, eine andere. Und die Ukraine würde aufhören, und hat schon aufgehört, das Land der weiten Pumphosen, der Schlagermusik oder von sonst was zu sein. Endlich hat die Ukraine begonnen, als kulturelles Subjekt in der Welt zu existieren und das muss der Staat auf staatlicher Ebene unterstützen. 

Sie laufen jeden Tag durch diese Straßen. Verärgert Sie als Künstler der städtische Raum?

In dieser Werkstatt habe ich zwanzig Jahre durch das Fenster den Himmel gemalt. Sie können nachsehen, was dort jetzt ist. Ich weiß nicht, ob diese Häuser wieder bewohnt sein werden. Von hier aus konnte man die Sophienkathedrale sehen. Das ist einfach eine schreckliche Art der Bebauung, ich glaube, sie setzt sich seit den Zeiten der Sowjetmacht fort, aber nicht mehr in dem Ausmaß. Vor allem zeichneten sich darin der verstorbene Bürgermeister Omeltschenko und der nicht verstorbene Bürgermeister Ljonja Kosmos [Leonid Tschernovezkyj] aus. Nun, Ljonja kam einfach wie ein Marodeur, Omeltschenko hat das alles gemacht, hat diese Pyramide gebaut. Und nun geht das weiter.

 

 
© Denys Volocha / Charkiver Menschenrechtsgruppe

 

Was kann ich sagen... Wenn Sie nach diesen Dingen fragen, ich habe an vielen Aktionen teilgenommen, aber es ist offensichtlich, dass es uns nicht gelungen ist, irgendetwas zu retten. Nicht den Sinnyj-Markt, nicht das Künstleratelier am Andreassteig und so weiter. Gierig sind sie alle. Wie es in Odesa heißt, Gier ist die Mutter aller Laster.

In der Zeitschrift Esquire gab es so eine Rubrik: „Lebensregeln“. Welche Lebensregeln hat Matvij Vajsberg? 

Ich habe einige Prinzipien. 

Sind das Lebensregeln?

Wahrscheinlich schon. Sagen wir mal, ich biete mich niemals an, das habe ich schon gesagt. Niemals. Das zweite Prinzip widerspricht dem ersten schon etwas, ich laufe vor Angeboten nicht davon. Ich biete nicht an, aber laufe auch nicht davon. Tu, was du tun kannst und lebe wie du lebst. Lebe nach Möglichkeit irgendwie richtig, handle richtig. Was für Regeln kann es denn noch geben?

 

 
Die feine rote Linie 2022. © Matvij Vajsberg / Flickr

 

Wissen Sie, es gibt eine Geschichte über die Begegnung zweier jüdischer Weiser, wohl so ungefähr im 7. Jahrhundert. Und der eine sagt zum anderen: „Erkläre mir das Wesen des Judentums, solange ich auf einem Fuß stehen kann.“ Ich sage gleich, dass ich kein gläubiger Mensch bin. Der andere spricht: „Das ist einfach! Tu keinem anderen an, was du nicht willst, dass er dir antut“. Das war's. Das ist die Regel. Die Grundregel.

 

Das Buch „Stimmen des Krieges. Mariupol“ mit den Bildern von Matvij Vajsberg und den Fotografien von Jevhen Sosnovskyj ist erhältlich im Buchladen E https://book-ye.com.ua/catalog/zhurnalistyka-reportazhi/golosy-vijny-mariupol/ sowie direkt bei der Charkiver Menschenrechtsgruppe: https://khpg.org/en/

 

Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker

 

Das Video-Interview mit Matvij Vajsberg finden Sie hier.

 

Das Projekt wird vom People in Need gefördert. Informationen zum Projekt finden Sie hier.


3. April 2024

 

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