Sechs der im Rahmen der Moskauer Prozesse Verurteilten, Sergej Surovzev, Eduard Malyschevskij, Maksim Martinzov, Kirill Shukov, Vladislav Siniza und Jegor Lesnych befinden sich nach wie vor unter zum Teil unerträglichen Bedingungen in Straflagern, nachdem sie 2019 gegen die Nichtzulassung unabhängiger Kandidaten zur Moskauer Dumawahl protestiert hatten. 

Einer von ihnen, Jegor Lesnych, war der Gewaltanwendung gegen einen Nationalgardisten (§ 318.1 StGB RF) am 27. Juli 2019 für schuldig befunden und zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt worden, Nach Angaben der Ermittler soll er damals einen Mitarbeiter der Nationalgarden zu Boden geworfen und getreten haben. Lesnych hat seine Schuld vor Gericht nicht anerkannt und erklärt, er sei empört über das Vorgehen der Sicherheitskräfte gewesen, die auf dem Boden liegende Personen mit Schlagstöcken traktiert hatten und habe diesen helfen wollen. Eine Berufung gegen seine Verurteilung wurde abgelehnt, obwohl sein Anwalt im Prozess ein Video vorgelegte, aus dem hervorging, dass Lesnych niemanden angegriffen hatte. 

Im November 2020 wurde das Urteil gegen ihn abgemildert und Lesnych in eine sogenannte Ansiedlungsstrafkolonie nach Leninsk überführt. Im Januar 2021 verfügte das Gericht eine vorzeitige Haftentlassung auf Bewährung, gegen diese Verfügung ging die Staatsanwaltschaft wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Kleiderordnung und Fluchtgefahr unmittelbar in Berufung. Der Anwalt Lesnychs ist gegen diesen Vorstoß der Staatsanwaltschaft in Revision gegangen, eine Entscheidung steht noch aus. 

Jegors Lebensgefährtin, Dascha Blinova, berichtet nun von den unmenschlichen Haftbedingungen in Leninsk; wir bringen ihren Bericht leicht gekürzt.

„Jegor und ich haben das Gefühl, dass er … mit Absicht dorthin überführt worden ist. Diese Ansiedlungsstrafkolonie gilt als eine der brutalsten in jeder Hinsicht. Die Haftbedingungen sind dort mitunter wesentlich schlimmer, als in einer Strafkolonie mit allgemeinem oder sogar strengem Regime.“ [2014 hatte ein Unterinspektor des Lagers einen Häftling mit dem Schlagstock derart verprügelt, dass dieser anschließend verstorben war. Zuvor hatte man ihm medizinische Hilfe verweigert.] 

„Das Wissen, dass in dem Lager derart schreckliche Dinge vor sich gehen, übt auch Druck auf Jegor aus, obwohl niemand physische Gewalt gegen ihn anwendet“, sagt Dascha. An schlimmsten jedoch seien die Arbeitsbedingungen: „Von Mai an herrschen in Leninsk Temperaturen nicht unter 30 Grad, manchmal steigen sie in der Sonne auf bis zu 45 Grad an. Die Verurteilten dort arbeiten hauptsächlich auf den Feldern: Entweder ernten sie irgendwelches Gemüse, jäten Unkraut oder gießen. Manchmal arbeiten sie ohne freien Tag unter der sengenden Sonne, Schutzdächer gibt es dort keine. Das sind absolut unmenschliche Arbeitsbedingungen. Ein Arbeitstag beginnt um sieben Uhr morgens, gegen eins oder zwei gibt es eine Mittagspause und erst um sechs, sieben Uhr abends bringt man sie zurück ins Lager. Ein solcher Zeitplan erschöpft sehr stark. Jegor hat seit einigen Wochen sehr starke Schmerzen im unteren Rückenbereich, letzte Woche an einem Sonntag sagte er, er könne physisch einfach nicht mehr zur Arbeit gehen. Er jätet derzeit Unkraut, da muss man sich den ganzen Tag bücken oder auf den Knien über die Erde kriechen. Man brachte ihm zum Sanitäter und gab ihm Schmerzmittel. Aber hier braucht es keine Schmerzmittel, sondern wenigstens einfach mal die Möglichkeit, sich ein bisschen auszuruhen.“ 

Dascha ist sich aber sicher, dass Jegor durch das Schild der Öffentlichkeit geschützt ist. Das Gefängnispersonal fürchte Öffentlichkeit und übe daher „nur“ psychischen Druck aus und keine körperliche Gewalt. 

„Kurze Besuche dürfen bis zu vier Stunden dauern, aber bei uns kam es vor, dass sie nur 30 – 40 Minuten dauerten. Diese Woche waren Jegors Vater und seine Schwester zu Besuch, man gewährte ihnen nur eine Stunde.“ Dascha berichtet auch von ständigen Problemen bei der Übergabe von Büchern, die Jegor nicht erreichen, aber auch nicht an die Angehörigen zurückgegeben werden. „Doch auch, wenn es insgesamt um Jegor nicht so schlimm steht, wie um andere Verurteilte, so sind weder er noch ich bereit, uns damit abzufinden, was mit ihm geschieht.“

19. August / 30. September 2021

 

 

 

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