Ein Nachruf von Uta Gerlant 

 

Sergej Kowaljow ist am 9. August 2021 im Alter von 91 Jahren gestorben. Zehn Jahre seines Lebens musste er in Gefängnis, Lager und Verbannung verbringen – von 1974 bis 1984.

Sergej Kowaljow war ein unbeugsamer, ein kluger und solidarischer Mensch. Ein Dissident zu Sowjetzeiten, blieb er Menschenrechtler sein Leben lang. Ein Intellektueller, der selber dachte, selber handelte und selbst den Preis dafür zahlte. Er wird uns in Erinnerung bleiben als einer, der die Welt zu einem besseren Ort machte. 

Seine Reserviertheit gegenüber dem sowjetischen System drückte sich bereits in der Wahl der Studienrichtung aus: Naturwissenschaft statt Geistes- oder Gesellschaftswissenschaft. So wurde Sergej Kowaljow Biophysiker, promovierte, leitete ein Labor und veröffentlichte über 60 wissenschaftliche Arbeiten. Mitte der 60er Jahre wandte er sich gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern gegen Lysenko, der allgemein anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse insbesondere der Genetik leugnete und in der Sowjetunion großen Einfluss ausübte. Der Protest war erfolgreich, denn nach der Absetzung Chrustschows 1964 hatte Lysenko seinen Beschützer verloren. 

Bald danach begann Sergej Kowaljow, Protestbriefe gegen die Verfolgung von Dissidenten zu unterzeichnen. 1969 war er Mitbegründer der „Initiativgruppe zur Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR“, 1974 trat er der ebenfalls von Dissidenten gegründeten sowjetischen Sektion von amnesty international bei. Seit Anfang 1972 arbeitete er bei der Herausgabe der „Chronik der laufenden Ereignisse“ mit, die unzensiert über Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion berichtete. Und er sorgte für den Informationsaustausch mit dem litauischen samizdat (Selbstverlag). Über seine Motivation für dieses riskante Engagement schrieb Sergej Kowaljow in seiner Autobiographie „Der Flug des weißen Raben“ (Berlin 1997): „Was wir taten, taten wir in allererster Linie für uns selbst, um uns von der für einen erwachsenen Menschen erniedrigenden Gängelung durch unsere Obrigkeit zu befreien. In allererster Linie wollten wir selbst frei werden, nicht  andere befreien.“

Im Dezember 1974 wurde Sergej Kowaljow nach einer Hausdurchsuchung verhaftet und ein Jahr später in Vilnius zu sieben Jahren Lager strengen Regimes und drei Jahren Verbannung verurteilt. Andrej Sacharow sagte am 18. Dezember 1975 – sechs Tage nach der Verurteilung Sergej Kowaljows -  in einer unabhängig organisierten Pressekonferenz ausländischen Korrespondenten: „Vor allem möchte ich betonen, dass Kowaljow dafür verurteilt wurde, dass er seinem Gewissen folgend andere Menschen verteidigte, die nach seiner tiefen Überzeugung Opfer von Ungerechtigkeit geworden sind. Weder das Ziel, die sowjetische Macht zu untergraben noch eine verleumderische Tätigkeit konnte die Beschuldigung beweisen. Das Gericht war herausfordernd ungesetzlich – ohne Transparenz, ohne Plädoyers, ohne Verteidigung des Angeklagten, ohne sein letztes Wort.“

Die Haft verbüßte Sergej Kowaljow in den Lagern im Gebiet Perm und – wegen „Verletzung der Regularien“ – im Gefängnis Tschistopol. Zur anschließenden Verbannung wurde er nach Matrosowo im Gebiet Magadan gebracht, wo er als Arbeiter und später als Laborant arbeitete. Da er nach der Haft nicht in Moskau wohnen durfte, lebte er dann in Kalinin (heute Twer). 

Nachdem Sergej Kowaljow 1987 nach Moskau zurückgekehrt war, engagierte er sich in mehreren Vereinigungen, so auch in der 1989 wiedergegründeten Moskauer Helsinki-Gruppe. Er war Mitbegründer und Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Memorial. Als Abgeordneter zunächst des Obersten Sowjets und dann der Staatsduma setze er sich für die Freilassung der letzten sowjetischen politischen Gefangenen ein, arbeitete an den Regeln für die Rehabilitierung ehemaliger politischer Gefangener mit und engagierte sich für die Rechte von Strafgefangenen. Als Menschenrechtsbeauftragter beim Präsidenten der Russischen Föderation arbeitete er mit seiner ganzen Kraft gegen den ersten Tschetschenienkrieg an und legte im Januar 1996 aus Protest gegen diesen Krieg sein Amt nieder.

Als ich Ende der 90-er Jahre mit Sergej Kowaljow in der Berliner U-Bahn fuhr, erkannte ihn eine russischsprachige Frau: „Sind Sie nicht der große Menschenrechtler?“ Das hat ihn gefreut.

11. August 2021

Den Nachruf von Alexander Tscherkasov finden Sie im Original hier und in Übersetzung (leicht gekürzt) hier.

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