Neben vielen anderen Künstlern und Schriftstellern hat sich auch Ljudmila Ulizkaja im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen Jurij Dmitriev zu Wort gemeldet – sie richtet einen eindringlichen Appell an die Staatsanwaltschaft und das Gericht in Petrozavodsk.

Sehr geehrter Herr Staatsanwalt! Sehr geehrte Richterin!

Ich bin noch nie in eine Situation gekommen, dass ich mich meiner Auszeichnngen hätte rühmen wollen, aber in diesem Fall füge ich eine entsprechende Liste an – in der Hoffnung, Gehör zu finden.

Das Verfahren gegen Jurij Dmitriev bewegt die gesamte russische Gesellschaft, und nicht nur jene, die sein fast dreißigjährigen heroisches und segensreiches Wirken kennen. Ich gehe davon aus, dass Ihnen von Berufs wegen klar sein muss, in welchem Maße sämtliche Anschuldigungen gegen ihn ohne Beweisgrundlage und erfunden sind.

Gerade deshalb entsteht bei allen vernünftigen Personen der Eindruck, dass Sie Gefangene einer schwierigen Situation sind, in der Sie genötigt sind, als botmäßige Angestellte zu agieren und nicht als unabhängige Bürger, die die Wahrheit über einen Menschen sagen können, der kein einziges der Verbrechen begangen hat, die man ihm vorwirft. Ich kann nur mutmaßen, wie weit ihre Abhängigkeit von Ihren Vorgesetzten geht und wie schwierig Ihre Lage ist, wenn man Sie auffordert, etwas zu tun, was negative Folgen für Ihre weitere Karriere haben kann.

Die letzten Jahre denke ich oft darüber nach, dass jeder Mensch seine persönliche Grenze für die Angst, für den Schmerz und für die Scham hat, und es ist sehr wichtig, dass sich der Mensch diese Grenzen bewusst macht.

Dennoch wende ich mich an Sie in der Hoffnung, dass Sie mir Gehör schenken: Von ihrer persönlichen Redlichkeit, dem Gefühl für Ihre eigene Würde hängt nicht nur das Schicksal Jurij Dmitrievs ab, eines der würdigsten und großartigsten Menschen unserer Zeit in unserem Land, sondern auch Ihre eigene Reputation. Ihre Entscheidung kann jener Indikator werden, den Sie nie wieder loswerden können. Ihre Kinder werden sich ihrer schämen und leiden, ebenso wie heute die Nachkommen der Täter leiden, die in den dreißiger Jahren Unschuldige erschossen haben.

Schenken Sie dem Gehör, was ich Ihnen jetzt sage. Wir leben nur ein einziges Leben. Ich weiß nicht, ob Sie in ansatzweise an ein Höheres Gericht, an ein Leben nach dem Tod, an die Idee einer höheren Gerechtigkeit, die sich jenseits unseres Erdenlebens vollzieht, glauben, und erst recht nicht davon, ob Sie ahnen, mit welcher Gewissenslast Sie all die Jahre leben werden, die Ihnen noch bevorstehen.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Sie mir Gehör schenken – nicht nur um Jurij Dmitrievs willen, sondern um unserer aller willen, denen das Schicksal Russlands am Herzen liegt.

26. Oktober 2017
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