Im Januar dieses Jahres, kurz vor dem zunächst im Februar erwarteten Ende des Prozesses gegen Jurij Dmitriev, wurde nachstehende Petition an Präsident Putin gerichtet, unterzeichnet von über 100 Personen. Wir bringen die deutsche Übersetzung.

 

Sehr geehrter Herr Präsident,

wir möchten hiermit unsere ernsthafte Sorge aus Anlass des Strafverfahrens gegen Jurij Dmitriev zum Ausdruck bringen. Der Historiker aus Karelien ist durch seinen herausragenden Beitrag zur Bewahrung der Erinnerung an die Opfer stalinistischer Repressionen bekannt geworden. Parallel zu dem Verfahren gegen Dmitriev gibt es Versuche, die Geschichte des Gedenk-Friedhofs Sandarmoch umzuschreiben.

Jurij Dmitriev hat als Historiker mehrere große Grabstätten aus der Zeit des Stalinschen Terrors ausfindig gemacht und mit immenser Arbeit das Schicksal der Menschen erforscht, die dort verscharrt wurden. Dmitriev hat etliche Jahre darauf verwendet, Gedenkbücher zusammenzustellen, in denen die Namen der Opfer politischer Repressionen aufgeführt sind.

Den heute bekanntesten dieser Orte, Sandarmoch, entdeckte Dmitriev 1997. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass dort eine Gedenkstätte entstanden ist. Dokumente belegen, dass die Geheimpolizei NKWD 1937-38 hier über 6.000 Menschen erschossen hat. Dank Dmitriev sind die Namen und Schicksale dieser Menschen heute bekannt.

2016 kam in Karelien die Behauptung auf, in Sandarmoch seien nicht Opfer des sowjetischen Terrors begraben, sondern Rotarmisten, die von Finnen erschossen wurden. Dafür gibt es keinerlei Belege. Im Dezember 2016 wurde Jurij Dmitriev verhaftet und der Anfertigung kinderpornographischen Materials sowie des illegalen Waffenbesitzes bezichtigt. Diese Anschuldigungen hatten nicht nur schwere Folgen für ihn selbst, sondern auch für seine Pflegetochter, die aus ihrem familiären Umfeld herausgerissen und einer extremen psychischen Belastung aussetzt wurde. Im Laufe des Prozesses gegen Dmitriev erwiesen sich die Anschuldigungen als haltlos, im April 2018 wurde er freigesprochen.

Doch bereits im Juni 2018 wurde Dmitriev erneut verhaftet, nun wurden ihm noch schwerere Verbrechen vorgeworfen. Zwei Monate danach begannen in Sandarmoch Ausgrabungen, bei denen nach den sterblichen Überresten von Rotarmisten gesucht werden sollte. Im folgenden Jahr wurden diese Arbeiten fortgesetzt. Gleichzeitig läuft das Verfahren gegen Jurij Dmitriev. Da der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, gibt es keine Möglichkeit zu beurteilen, ob es sich um ein faires Verfahren handelt. Allerdings gibt bereits die Tatsache Anlass zur Sorge, dass nach zweijährigen Ermittlungen und Gerichtsverhandlungen unmittelbar nach dem Freispruch plötzlich neue Beschuldigungen auftauchten.

Die zugänglichen Informationen über die Anklage und den Prozess haben uns zu der Überzeugung gelangen lassen, dass Dmitriev unschuldig ist und er wegen seiner Arbeit als Historiker verfolgt wird.

Jurij Dmitriev ist 64 Jahre alt. Sein Gesundheitszustand hat sich in den drei Jahren, die er bereits in Untersuchungshaft sitzt, erheblich verschlechtert. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft. Damit wäre nicht nur seine Arbeit für immer beendet. Es wäre ein Todesurteil.

Das Schicksal seiner Pflegetochter gibt ebenfalls Anlass zu großer Sorge. Sie hat ein zweites Mal ihre Familie verloren und musste erleben, wie ein ihr nahestehender Mensch öffentlich erniedrigt und diffamiert wurde. Sollte Jurij Dmitriev verurteilt werden, wird sie unwiderruflich ihr gesamtes Leben darunter leiden.

Wir hoffen, dass Sie unsere Sorgen und Befürchtungen zur Kenntnis nehmen und alles in Ihrer Macht stehende tun werden, um der gezielten Verfolgung des Historikers ein Ende zu setzen und eine gerechte Entscheidung des Gerichts sicherzustellen.

 

  1.   Aglaé Achechova, Abteilungsleiterin für russische Literatur in der Universitätsbibliothek für Sprachen und Zivilisationen (BULAC), Paris. Frankreich
  2.   Galia Ackerman, Schriftstellerin, Historikerin. Frankreich
  3.   Svetlana Aleksievitsch, Schriftstellerin, Nobelpreisträgerin für Literatur (2015), Belarus
  4.   Petras Austrevicius, Politiker, Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Litauen
  5.   Gilles Authier, Philologe, Forschungsdirektor für Sprache und Literatur des Kaukasus an der Hochschule für praktische Studien (Paris). Frankreich
  6.   Nicole Bacharan, Historiker, Politologe. Frankreich
  7.   Anton Batagov, Komponist, Musiker, Russland
  8.   Marieluise Beck, Politikerin, Mitglied der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“, Mitgründerin des „Zentrums Liberale Moderne“. Deutschland
  9.   Bérénice Bejo, Schauspielerin, César-Preisträgerin 2012, Oskar-Nominierung. Frankreich
  10.   Prof. Dr. Dietrich Beyrau, Prof. emer., Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde Universität Tübingen, Deutschland
  11.   Petr Blažek, Historiker, Institut für die Erforschung totalitärer Regime. Tschechien
  12.   Reinhard Bütikofer, Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Deutschland
  13.   Štěpán Černoušek, Gründer von „Gulag.cz“. Tschechien
  14.   Nikolaj Chalezin, Regisseur, Dramaturg, Direktor des Belarussischen Freien Theaters. Belarus
  15.   Yves Cohen, Historiker, Direktor des Zentrums für historische Forschungen an der Hochschule für Sozialwissenschaften (EHESS, Paris). Frankreich
  16.   Daniel Marc Cohn-Bendit, Politiker, einer der Wortführer der 1968er Proteste in Frankreich, Mitgründer der „Grünen“ im Europäischen Parlament. Frankreich, Deutschland
  17.   Viola von Cramon-Taubadel, Mitglied der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“, Abgeordnete des Europäischen Parlaments. Deutschland
  18.   François Croquette, französischer Botschafter für Menschenrechte. Frankreich
  19.   György Dalos, Schriftsteller, Historiker. Deutschland
  20.   Luboš Dobrovský, erster tschechoslowakischer ziviler Verteidigungsminister nach 1989, Leiter der Präsidialverwaltung Václav Havels und ehemaliger Botschafter der Tschechischen Republik in der Russischen Föderation. Tschechien
  21.   Michel Eltchaninoff, Philosoph, Chefredakteur der Zeitschrift “Philosophie magazine”. Frankreich
  22.   Rev. Father John Erikson, Professor emer. für Kirchengeschichte und ehem. Dekan des Theologischen Hl. Vladimir-Seminars, Chrestwood, New York. USA
  23.   Philippe Frison, Übersetzer. Frankreich
  24.   Ralf Fücks, Politiker, seit 1982 Mitglied in der Partei „Die Grünen“, ehem. Bürgermeister von Bremen, Zentrum Liberale Moderne. Deutschland
  25.   Prof. Dr. Caroline von Gall, Institut für osteuropäisches Recht und Rechtsvergleichung der Universität Köln. Deutschland
  26.   Tomáš Glanc, Philologe, Professor für Slavistik an der Universität Zürich. Tschechien
  27.   Romain Goupil, Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor. Frankreich
  28.   Raphaël Glucksmann, Schriftsteller, Journalist, Regisseur, Dokumentarfilmer. Preisträger des Europäischen Parlaments. Frankreich
  29.   Prof. Dr. Rainer Goldt, Professor, Institut für Slavistik, Mainz. Deutschland
  30.   Heidi Hautala, Abgeordnete und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Vorsitzende der Arbeitsgruppe des EP für Responsible Business Conduct (verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln). Finnland
  31.   Michel Hazanavicius, Regisseur, Oskar-Preisträger 2012, Schauspieler, Regisseur. Frankreich
  32.   Prof. Dr. Heiko Haumann, Prof. emer. für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte, Universität Basel. Schweiz
  33.   Agnieszka Holland, Regisseurin, Schauspielerin. Polen
  34.   Anne Le Huérou, Soziologin, Russland-Expertin, Dozentin an der Universität Paris-Nanterre. Frankreich
  35.   Rasa Juknevičienė, Politikerin, seit 1996 Mitglied des Seimas der Litauischen Republik, litauische Verteidigungsministerin, Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Litauen
  36.   Dr. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Deutschland
  37.   Prof. Dr. Andreas Kappeler, emer. Universitätsprofessor der Universität Wien. Österreich
  38.   Lucie Kempf, Politologin, Russland-Expertin, Forscherin u. Dozentin, Universität Nancy. Frankreich
  39.   Tomasz Kizny, Photograph, Journalist, Forscher. Polen
  40.   Freya Klier, Schriftstellerin, Dokumentarfilmerin. Deutschland
  41.   Gerd Koenen, Historiker, Schriftsteller, Spezialist für die Geschichte des Kommunismus und deutsch-russische Beziehungen. Deutschland
  42.   Petr Kolář, Diplomat, ehemaliger Berater Václav Havels und Botschafter der Tschechischen Republik in der Russischen Föderation. Tschechien
  43.   Natalja Koljada, künstlerische Leiterin des Belarussischen Freien Theaters. Belarus
  44.   Maja Komorowska, Schauspielerin. Polen
  45.   Bernard Kouchner, Arzt, Diplomat, 2007-2010 französischer Außenminister, Mitgründer von „Ärzte ohne Grenzen“. Frankreich
  46.   Andrius Kubilius, Politiker, 1999-2000 und 2008-2012 litauischer Premierminister, Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Litauen
  47.   Bruno Laplane, Richter, Vorsitzender des Obersten Gerichts von Dijon. Frankreich
  48.   Magdalena Lazarkiewicz, Filmregisseurin. Polen
  49.   Bernard-Henri Lévy, Philosoph, Schriftsteller, Dramaturg, Regisseur. Frankreich
  50.   Jonathan Littell, Schriftsteller, ausgezeichnet mit dem Prix-Goncourt (2006). USA, Frankreich
  51.   Pavel Litvinov, Physiker, Aktivist der Menschenrechtsbewegung in der UdSSR, politischer Emigrant. USA
  52.   Prof. Dr. Otto Luchterhandt, Rechtswissenschaftler, Professor emer. für Öffentliches Recht und Ostrecht an der Universität Hamburg. Deutschland
  53.   Jan Machonin, Philologe, Tschechien
  54.   Alena Machoninová, Philologin. Tschechien
  55.   Martin Malek, Politologe, Wien. Österreich
  56.   Aušra Maldeikienė, Politikerin, Ökonomin, Lehrerin, Schriftstellerin, Abgeordnete des Europäischen Parlaments. Litauen
  57.   André Markowicz, Übersetzer. Frankreich
  58.   Rachel Mazuy, Historiker, Zeithistoriker, Centre national de la recherche sientifique (CNRS). Frankreich
  59.   Liudas Mazylis, Politiker, Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Litauen
  60.   Pascal Mélani, Universität Bordeaux-Montaigne. Frankreich
  61.   Aude Merlin, Dozentin für politische Wissenschaften, Russland-Expertin, ULB
  62.   Adam Michnik, Politiker, Journalist, Chefredakteur der „Gazeta Wyborcza“, Polen
  63.   Herta Müller, Schriftstellerin, Nobelpreisträgerin für Literatur 2009. Deutschland
  64.   Norman M. Naimark, Historiker, Spezialist für Osteuropäische Geschichte, Genozid-Forscher, Professor der Universität Stanford, USA
  65.   Dr. Maria Nooke, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Deutschland
  66.   Daniel Olbrychski, Schauspieler, Schriftsteller. Polen
  67.   Bernard Outtier, Forschungsleiter im Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschungen (Centre national de la recherche sientifique, CNRS). Frankreich
  68.   Michel Parfenov, Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber. Frankreich
  69.   Josef Pazderka, Journalist, Chefredakteur von „Aktualne.cz“. Tschechien
  70.   Marie Pierre Rey, Historikerin, Spezialist für russische und sowjetische Geschichte, Universität Paris-1 Panthéon-Sorbonne (Paris). Frankreich
  71.   Thomas Piketty, Ökonom, Professor an der Hochschule für Sozialwissenschaften (EHESS) und der Hochschule für Ökonomie in Paris. Frankreich
  72.   Petr Pithart, Politiker, ehem. Premierminister und Präsident des Senats in Tschechien, Dissident, Unterzeichner der Charta 77. Tschechien
  73.   Petr Placák, Schriftsteller, Historiker. Tschechien
  74.   Gerd Poppe, ehem. Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung. Deutschland
  75.   Martin Putna, Philologe, Professor an der Karls-Universität, ehemaliger Direktor der Václav-Havel-Bibliothek. Tschechien
  76.   Marina Razbezhkina, Filmregisseurin, Produzentin, Mitglied der Europäischen Filmakademie, Russland
  77.   Stefan Rohdewald, Professor, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität, Gießen. Deutschland
  78.   Anna Šabatová, Politikerin, ehemaliger Sprecherin der Charta 77. Tschechien
  79.   Prof. Dr. Martin Sabrow, Historiker, Politologe, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Deutschland
  80.   Silvia Serrano, Russland-Expertin, Professorin an der Sorbonne. Frankreich
  81.   Isabel Santos, Politikerin, Abgeordnete des Europäischen Parlaments. Portugal
  82.   Karl Schlögel, Professor emeritus, Osteuropäische Geschichte, Berlin
  83.   Susanne Scholl, Schriftstellerin, langjährige Russlandkennerin. Österreich
  84.   Dr. Anna Schor-Tschudnowskaja, Assistenzprofessorin, Sigmund-Freud-Universität Wien. Österreich
  85.   Jiřina Šiklová, Soziologin, Teilnehmerin an der Untergrund-Sektion der Charta 77. Tschechien
  86.   Dominique Simonnet, Schriftsteller, Journalist. Frankreich
  87.   Prof. Dr. Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
  88.   Karel Schwarzenberg, Politiker, ehem. Außenminister. Tschechien
  89.   Nicolas Tenzer, Politologe, Schriftsteller, Gründer und Präsident des Zentrums für politische Aktion (Centre d’étude et de réflexion pour l’action politique, CERAP). Frankreich
  90.   Laure Thibonnier, Forscherin und Dozentin in der Sektion für slavistische und germanistische Studien im Institut für Sprachen und Kulturen Europas, Amerikas, Asiens und Australiens (Section d'études slaves et germaniques, Fakultät für Fremdsprachen), Grenoble. Frankreich
  91.   Olga Tokarczuk, Schriftstellerin, Booker Prize 2018, Nobelpreisträgerin für Literatur (2018). Polen
  92.   Nikoloz Tokhwadze, Berlin. Deutschland
  93.   Jáchym Topol, Schriftsteller, Programmatischer Leiter der Václav-Havel-Bibliothek in Prag. Tschechien
  94.   Prof. Dr. Stefan Troebst, Professor am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig, Deutschland
  95.   Boris Tschernyj, Professor an der Universität Cannes. Frankreich
  96.   Petr Uhl, Journalist, 1989 Mitglied des (1989 kurzzeitig bestehenden) Prager Zweigs der sowjetischen Gesellschaft Memorial. Tschechien
  97.   Cécile Vaissié, Professorin an der Universität Rennes (Frankreich), Historikerin, Politologin, Russland-Expertin, Autorin von „Für eure und unsere Freiheit! Die Dissidentenbewegung in Russland“. Frankreich
  98.   Dominique Vidal, Journalist, Historiker. Frankreich
  99.   Nicolas Werth, Historiker, Leitender Direktor im Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschungen (Centre national de la recherche sientifique, CNRS). Frankreich
  100. Roger Wiltz, Journalist, Übersetzer. Frankreich
  101. Krystyna Zachwatowicz-Wajda, Schauspielerin, Regisseurin, Polen
  102. Mohammed Zaher, Lehrer, Frankreich.
  103. Krzysztof Zanussi, Filmregisseur, Drehbuchautor, Produzent. Polen
  104. François Zimeray, Politiker, Anwalt, Menschenrechtler, ehem. französischer Botschafter für Menschenrechte (2008). Frankreich
  105. Anna Zonová, Schriftstellerin. Tschechien

Januar 2020

 

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