Interview mit Anatolij Razumov

 

Im Juni soll der nächste Verhandlungstag im Verfahren gegen Jurij Dmitriev,  Leiter von Memorial Karelien, stattfinden, dessen Verfolgung nach der Meinung vieler internationaler Organisationen in Zusammenhang mit seiner professionellen Tätigkeit steht und für dessen sofortige Freilassung sich russische und internationale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie Wissenschaftler derzeit ebenso einsetzen wie die Europäische Union und Großbritannien. Anatolij Razumov, Historiker, Leiter des Zentrums 'Vosvraschtschennye imena' [Zurückgegebene Namen] und Zeuge der Verteidigung im Prozess spricht im Interview mit der Deutschen Welle über das Verfahren gegen Jurij Dmitriev und darüber, warum die Regierung eine Wiederherstellung der Erinnerung an die Opfer der Repressionen nicht will. Wir bringen das am 1. Juni bei der Deutschen Welle erschienene Interview in Übersetzung.

 

Wann haben Sie Jurij Dmitriev kennengelernt? 

Das war vor 20 Jahren im Frühjahr 2000. Ich wusste natürlich schon vorher von Jurij Dmitriev und seiner Arbeit, weil ich die Entstehung eines „Gedenkbuchs“ im neuen Russland verfolgte und auch wusste, welche Orte von Gräueltaten - begangen durch die sowjetische Regierung - er gefunden hatte. Nachdem Ende der 80er Jahre die Erschießungsstätte Kurapaty für großes Aufsehen gesorgt hatte, die man bei Minsk gefunden hatte, begann man, ähnliche Orte in der Nähe von großen Städten zu suchen. Und ich wusste natürlich, dass 1997 in Karelien Sandarmoch bei Medveshegorsk und Krasnyj Bor bei Petrozavodsk gefunden worden war. Vor 20 Jahren dann fuhr ich nach Petrozavodsk, weil man ein internationales Projekt zur Errichtung einer allgemeinen Datenbank und dem Schreiben eines einheitlichen Erinnerungsbuches für die Opfer politischer Repressionen gestartet hatte. Dieses Projekt erhielt bald den Namen „'Vosvraschtschenniye imena' [Zurückgegebene Namen] und Kollegen baten mich, die Leitung für Nord-West Russland übernehmen. Ich wusste, dass in Petrozavodsk vor allem Jurij Dmitriev an diesem Thema arbeitete. Wir machten uns bekannt und Jura brachte mich damals nach Sandarmoch. 

Während einer vorangegangenen Anhörung im Fall Dmitriev traten Sie als Zeuge der Verteidigung auf. Erzählen Sie, wie war die Lage bei diesen Sitzungen, was haben Sie dort gesagt und hat die Anklage Ihre Aussagen zur Kenntnis genommen? 

Ich wurde im Juni 2017 als erster Zeuge der Verteidigung angehört. Ich war natürlich aufgeregt. Ich fing damit an, dass Jurij Aleksejevitsch einer der bemerkenswertesten Menschen ist, die ich im Leben getroffen habe. Und dann sprach ich davon, warum meiner Meinung nach dieses Verfahren eingeleitet worden ist. Die Situation war die: Die Staatsanwältin Elena Askerova versuchte mich beim ersten Prozess auf jedwede Weise zu unterbrechen und sagte einmal sogar: „Womöglich waren Sie beide gemeinsam beteiligt?“ Können Sie sich das vorstellen? Aber die Richterin Marina Nosova ließ mich zu meiner Verwunderung zu Ende sprechen. Und ich sprach mich völlig aus, sagte alles, was ich über diesen Prozess denke, warum er entstanden ist, warum es diese Haltung Jurij gegenüber gibt, warum die Situation im Land so ist, dass man eine so wichtige Arbeit nicht unterstützt. Und ich sagte noch folgendes: Jurij Dmitriev sitzt wegen Sandarmoch. Will sagen für seine Arbeit. Und da das erste Verfahren gegen Jurij 2018 mit einem Freispruch endete, habe ich keinen Grund zu denken, dass meine Aussagen nicht berücksichtigt wurden. Im zweiten Prozess sagte ich in diesem Jahr aus. Da war ich auch sehr aufgeregt, sagte alles, was ich konnte. Und Richter Aleksandr Merkov ließ mich ebenfalls alles bis zu Ende sagen. Aber inwieweit das gehört wurde, wird man erst nach dem Urteil sagen können.

Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die öffentliche Unterstützung für Jurij Dmitriev in Karelien? Was sagen diejenigen über ihn, mit denen Sie gesprochen haben?

Die gesellschaftlichen Aktivisten aus Petrozavodsk und anderen Städten, die zu jedem Verhandlungstag kommen, um Jurij zu sehen und ihn zu ermutigen, unterstützen ihn natürlich sehr. Übrigens sind Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen ihm gegenüber solidarisch, und das ist äußerst bewegend. Ich habe drei, vier Mal an Einzelkundgebungen zur Unterstützung Jurij Dmitrievs in Petrozavodsk teilgenommen. Ich stand da mit Fotografien, Plakaten und seinen Büchern. Und währenddessen traten die unterschiedlichsten Leute an mich heran – von Schülern bis zu älteren Menschen. Und ich bezeuge, dass ich nicht von einem Menschen auch nur ein böses Wort über Jurij gehört habe. Einer kannte ihn und bat, ihm auszurichten, dass er ihm Gesundheit und alles alles Gute wünsche und dass er durchhalten solle. Ein anderer hörte das erste Mal von ihm und erfuhr mit Verwunderung, dass bei uns so etwas vor sich geht und warum dieser Mensch sitzt. Und sehr viele baten, ihm Grüße auszurichten. Und noch eins: Während der Vorbereitung zu dem Buch „Ort der Erinnerung Sandarmoch“ war ich als Experte des Menschenrechtsrats [beim Russischen Präsidenten] für die Entwicklung der Zivilgesellschaft bei Sitzungen in Medveshegorsk und Petrozavodsk, wo Mitarbeiter der Museen, Bibliotheken und des Nationalarchivs Kareliens teilnahmen. Und alle begegnen der Arbeit Jurijs mit großer Hochachtung.

Das Thema der Wiederherstellung der historischen Wahrheit über die politischen Repressionen, mit dem Sie, Jurij Dmitriev und Mitarbeiter verschiedener regionaler Abteilungen von Memorial sich beschäftigen, steht bei den föderalen und örtlichen Machthabern offensichtlich nicht in hohen Ehren. Wie können Sie unter diesen Bedingungen arbeiten?

Formal sieht das nicht ganz so aus, bei uns ist ja alles hybrid und zwiespältig. Einerseits gereicht diese Arbeit sehr wohl zur Ehre und nimmt eine bedeutende Stellung ein. Es gibt in Medveshegorsk eine Arbeitsgruppe, die die Umsetzung des Konzepts der staatlichen Politik zur Bewahrung der Opfer politischer Repressionen koordiniert. Und es gibt das Konzept für diese Politik. Aber es gibt auch eine andere Seite. Die derzeitige russische Regierung gibt an, dass sie über alle Probleme Bescheid weiß, dass die Antworten auf alle Fragen schon fertig sind: Es reicht, wir haben schon alles gesagt, wir wissen alles darüber, es ist jetzt alles gut und Zeit aufzuhören. Tatsächlich gibt es eine Menge ungeklärter Fragen, hunderttausende, man kann sogar ohne Übertreibung sagen, Millionen Repressierte wurden noch nicht öffentlich mit Namen genannt.

Und was für mich das Wichtigste ist: Die Verwandten dieser Menschen können derzeit keine genauen Angaben über das Schicksal ihrer Angehörigen bekommen, obwohl es diese Angaben gibt. Und das eine wie das andere existiert nebeneinander. Das heißt, formal ist unsere Arbeit erlaubt, aber in Wirklichkeit arbeiten wir unter sehr großen Schwierigkeiten. Aber auch unter diesen Bedingungen werden sowohl ich als auch meine Kollegen unsere Tätigkeit fortsetzen. Ebenso wenig die Machthaber nicht aufhören, ihre eigene hybride Geschichte zu schaffen, werden auch wir nicht aufhören. Wir werden die Orte der Gräueltaten des Roten Leninschen Terrors und des Großen Terrors in Orte der Erinnerung verwandeln.

12. Juni 2020

 

 

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