Jurij Dmitriev unter den Preisträgern

 

Unter den diesjährigen Preisträgern des Jegor Gajdar Preises ist Jurij Dmitriev, Leiter von Memorial Karelien. Wir erinnern, dass Dmitriev nach seinem Freispruch von dem Vorwurf der Pornographie am 27. Januar 2018 aus der Untersuchungshaft entlassen worden war und am 27. Juni 2018 erneut verhaftet wurde, diesmal wegen angeblicher gewaltsamer sexueller Handlungen gegen Minderjährige. Seither befindet er sich in Petrozavodsk in Haft. Am Verhandlungstag am 26.11.2019 gelang es Unterstützern Dmitrievs, darunter Irina Flige, sich mit der Urkunde für den verliehenen Preis so zu positionieren, dass Dmitriev von der Verleihung Kenntnis nehmen konnte. Die nächsten Verhandlungstage im Verfahren sind für den 12., 13. und 20. Dezember angesetzt.

 

Zur diesjährigen Verleihung des Jegor Gajdar Preises

Am 15. November fand in Moskau im Staatstheater der Nationen die 9. Verleihung des Jegor Gajdar Preises statt. Sieger in der Kategorie „Für Tätigkeiten, die zur Bildung der Zivilgesellschaft beitragen“, wurde das Projekt Sandarmoch. Wobei - weniger als von einem Projekt - hier von den Aktionen einiger Initiativgruppen sowie einzelner Forscher gesprochen werden sollte, die das Bestreben verbindet, die Erinnerung an diesen Ort der Massenerschießungen zu bewahren, den Ort Sandarmoch, einem Erschießungsplatz des NKWD bei Medvezhegorsk in Karelien, der vor 22 Jahren zur Gedenkstätte wurde.

Unter den Preisträgern ist auch Jurij Dmitriev, Leiter von Memorial Karelien und Teilnehmer der ersten Expedition, der im Jahr 1997 dort Massengräber entdeckte. Vor drei Jahren wurde Jurij Dmitriev nach einer anonymen Anzeige verhaftet, seither erlangte die Bewahrung der Erinnerung an Sandarmoch besondere Bedeutung. Der wahre Grund aber für die Verhaftung Dmitrievs ist nach der Ansicht des Menschenrechtszentrums Memorial seine Tätigkeit als Historiker und Forscher sowie seine aktive zivilgesellschaftliche Position, die sich vor allem in der Bewahrung der Erinnerung an die politischen Repressionen zeigt. Gleichzeitig zur Verhaftung Dmitrievs tat man auf offizieller Ebene systematisch alles, um die Erinnerung an die Zeit der Repressionen in Karelien zu tilgen, wo Sandarmoch zum wichtigsten und bekanntesten Ort geworden war.

Die Pseudo-Untersuchungen in Sandarmoch über Erschießungen von sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Finnen und die Organisation einer Expedition der „Gesellschaft für Militärgeschichte“ zur Erforschung der dort angeblich begrabenen Rotarmisten sind offensichtliche Schritte hin zu einer Politik des erzwungenen Vergessens. Der Widerstand dagegen - in Aufrechterhaltung der Tradition des offenen Gedenkens an die Repressionen, durch Fortsetzung der Erforschung und neue Initiativen zur Bewahrung der Erinnerung – verbindet drei der diesjährigen Preisträger:

Anatolij Razumov, Petersburger Historiker und Leiter des Zentrums „Vosvraschtschennye Imena“ [Zurückgegebene Namen] bei der Russischen Nationalbibliothek, Herausgeber des Leningrader Martyrologiums, Mitherausgeber der sich in Arbeit befindlichen Ausgabe des Buches „Gedenkstätte Sandarmoch“.

Irina Flige, Direktorin des Wissenschaftlichen Informationszentrums Memorial in St. Petersburg, Autorin des Buches „Sandarmoch. Dramaturgija smyslov.“ [Dramaturgie der Bedeutungen] St. Petersburg 2019. In Zusammenarbeit mit Veniamin Iofe und Jurij Dmitriev Organisatorin und Teilnehmerin der ersten Expedition nach Medvezhegorsk (1997), Initiatorin der Tradition eines Internationalen Gedenktages in Sandarmoch alljährlich am 5. August.

Maksim Ljalin, Organisator der Freiwilligenbewegung „Sandarmoch. Rückgabe der Namen“, die Denkmäler für Menschen installiert, die in Sandarmoch erschossen wurden.

Noch mehr allerdings verbindet diese Preisträger das Bestreben, Gerechtigkeit und Freiheit für den vierten Preisträger zu erlangen – für Jurij Dmitriev. „Das für uns derzeit Wertvollste ist die Freiheit von Jurij Alekseevitsch [Dmitriev]. Wir werden mit unserer Arbeit nicht aufhören. Er wird frei sein, er und alle, die derzeit verfolgt werden. Wir stehen zusammen“, sagte Anatolij Razumov bei der Preisverleihung.

 

Jurij Dmitriev, karelischer Historiker und Forscher, Teilnehmer der ersten Forschungsexpedition der Erschießungsstätte bei Medvezhegorsk (1997), Gründungsinitiator der Gedenkstätte „Sandormoch“ (2000), Initiator und ständiger Teilnehmer des internationalen Gedenktages in Sandarmoch am 5. August, Verfasser des Erinnerungsbuches „Erschießungsstätte Sandarmoch“ (Petrozavodsk 1999) sowie einer ergänzenden Ausgabe von „Gedenkstätte Sandarmoch“ (an der Ausgabe arbeitet Dmitriev im Untersuchungsgefängnis in Petrozavodsk), politischer Gefangener.

 

November 2019

 

 

 

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