Ljudmyla Husejnova verbrachte drei Jahre in russischer Gefangenschaft: Unerträgliche Bedingungen, Unterbringung im „Glas“ und zur „Unterhaltung“ russischer Soldaten geholt werden – Die Geschichte einer Gefangenen des Kreml.
(Oleksandr Vasyljev)
Als 2014 die russische Aggression gegen die Ukraine begann, lebte ich in der Stadt Novoasovsk. Damals hörte ich von Kindern eines aufgelösten Internats, die auf dem besetzten Gebiet zurückgeblieben waren. Sie lebten in Familien, die nicht für sie aufkommen konnten. Ich erzählte meinen Journalisten-Freunden in Kyjiv von dieser Geschichte. Eine von ihnen, meine enge Freundin Olha Musafirova fuhr nach Novoasovsk. Obwohl die Stadt zum Teil besetzt war, konnte Olga hinfahren und den Kindern Neujahrsgeschenke bringen.
Wir besuchten diese Kinder, sahen sie und verstanden, dass wir sie nicht zurücklassen konnten. Wir trafen die Entscheidung, dass ich im besetzten Gebiet bleiben und Olja nach Kyjiv fahren würde, um bei ihren Freunden und Bekannten Sachen zu sammeln und mir zu schicken. Ich sollte sie jenseits der Demarkationslinie abholen und den Kindern übergeben. Unter den Paketen waren Postkarten, auf denen ukrainisch geschrieben worden war, und ukrainische Bücher.
Ich wollte den Kindern vermitteln, dass sie Bürger der Ukraine sind, dass dies unser Land ist und dass die Ukraine sie nicht vergessen hat.
Als ich über die Demarkationslinie nach Mariupol fuhr, um die Pakete zu holen, versuchte ich auch, unsere Soldaten zu unterstützen, die die Stadt verteidigten. Ich wollte ihnen zeigen, dass es in den besetzten Gebieten Menschen gab, die auf die Befreiung warteten.
Als man mir eine ukrainische Flagge schenkte, auf der das Bataillon „Lviv“ mit guten Wünschen an die Patrioten von Novoasovsk unterschrieben hatte, war das für mich die höchste Auszeichnung. Ich konnte diese Flagge retten, sie ist bis heute an einem sehr sicheren Ort in Novoasovsk versteckt. Das wird mein Ansporn sein, so lange zu leben bis unser komplettes Territorium und meine Stadt befreit sind.
Ich bin 2019 neben meinem Haus festgenommen worden, mit einem Sack über dem Kopf und in Handschellen brachten sie mich wer weiß wohin. Dann warfen sie mich in eine Zelle, wo eine junge Frau mir sagte, dies hier sei die „Isoljazija“ - die russische Folterkammer von Donezk.
Das war ein Schock. Ich hörte menschliche Schreie und mir wurde klar, dass mir jederzeit dasselbe passieren konnte.
In diesem Albtraum verbrachte ich 50 Tage. Da gab es alles Mögliche. Ich möchte nicht ins Detail gehen, denn diese Erinnerungen sind sehr traumatisierend. Die allgemeinen Bedingungen waren wie folgt: Von sechs Uhr früh bis um zehn Uhr abends muss man stehen. Man darf sich nicht setzen, bei jeglichen Geräuschen im Korridor, Klopfen oder beim Öffnen des „Suppenfensters“ wird man gezwungen, sich einen Sack über den Kopf zu ziehen und mit dem Gesicht zur Wand zu stehen. Bei den kleinsten Vergehen wird man schwer geschlagen.
Man kann ins „Glas“ gebracht werden. Das ist eine enge Kammer aus Stein mit einer Tür, wo man im Dunkeln stehen muss. Man verliert das Zeitgefühl. Ständige Drohungen, Verhöre. Im ersten Stock waren die Kasernen für ihre Soldaten. Manchmal, wenn sie von ihren Kampfeinsätzen zurückkamen, holten sie sich „zum Vergnügen“ Männer oder Frauen. Tageslicht gab es nicht, die Fenster waren mit weißer Farbe überstrichen, die hellen Lampen blendeten die Augen. Es gab keinerlei Ausstattung im Keller: Eimer anstelle von Toiletten, eineinhalb Liter Wasser am Tag. Einmal am Tag erlaubten sie, den Eimer raus zu tragen: Man schläft daneben, atmet daneben. Ständige Videoüberwachung. Die Wächter waren ausschließlich Männer, sie konnten einen ausziehen. Man kann sie nicht sehen, aber sie sehen dich.
Ich hatte einen Anwalt. Es ist ein Wunder, dass sie ihm erlaubten für mich tätig zu sein. Er sagte, dass meine Angehörigen sofort, nachdem ich verschwunden war, einen Antrag auf Austausch gestellt hatten. Er riet mir, allem zuzustimmen, was die Ermittler sagten, zu unterschreiben und nicht zu diskutieren. Dann würde die Sache rasch dem Gericht übergeben werden, es würde ein Urteil gefällt und danach wäre ein Austausch möglich.
Der Anwalt versuchte mich in ein Untersuchungsgefängnis überstellen zu lassen, warnte mich aber, dass die Bedingungen dort sehr hart sein würden. Damals dachte ich, schlimmer könnte es nicht kommen, aber es zeigte sich, dass es noch schlimmer geht.
Die Zelle im Untersuchungsgefängnis war sehr klein, trotzdem waren dort 20 Frauen. Die Doppelstockbetten waren aneinander gekoppelt, die Toilette ein Loch im Betonboden. So gut wie alle Frauen rauchten, man konnte kaum atmen. Dort saßen Kriminelle: Frauen, die getötet, mit Drogen oder Waffen gehandelt und auf der Seite Russlands gekämpft hatten.
Als sie mich fragten, warum ich sitze und ich antwortete wegen Extremismus, betrachteten sie mich als „Ukrop“ [ukr. Dill, abfällig für Ukrainer]. Sie schrien mich an, beschuldigten mich, sagten wegen solchen wie dir wird jetzt der Donbas bombardiert.
Mit mir auf den Pritschen schliefen Frauen mit Tuberkulose, Aids und mit offenen eiternden Wunden. Es stank in der Zelle. Die Frauen rauchten rund um die Uhr. Es gab Prügeleien, einige Frauen benutzten selbstgemachte Stichwaffen.
Es gab starken psychologischen Druck. Sie nannten das „Abarbeiten“: Wenn dem Ermittler während des Verhörs irgendetwas nicht passte, dann gab die Gefängnisleitung der „Aufseherin“ in der Zelle den Befehl, zusätzlichen Druck auszuüben. Es gab keinerlei medizinische Versorgung.
Einmal ging es mir so schlecht, dass sogar die Zellengenossinnen, die mir feindlich gesinnt waren, einen Aufstand machten, damit ein Sanitäter kommt. Er kam, sagte aber: „Was macht es für einen Unterschied, ob du ins Gras beißt?“ Doch irgendetwas spritzte er mir, meine Zellengenossinnen gaben mir Tee und ich kam langsam wieder zu mir. In den drei Jahren schrieb ich dem Ermittler mehrmals und bat um die Erlaubnis eines Treffens mit meinen Angehörigen, aber es wurde mir verweigert.
2022 nach der Vollinvasion, verschlechterte sich die Haltung uns gegenüber. Die Wächter sagten: „Na, 'Ukropi', wartet ihr, dass ihr ausgetauscht werdet? Es wird keinen Austausch geben. Es gibt niemanden, gegen den ihr ausgetauscht werden könntet. Kyjiv gibt es schon nicht mehr.“ Sie verboten Pakete und sogar Treffen mit dem Anwalt.
Dann entschieden sie, ein sogenanntes „Referendum“ über den Anschluss der besetzten Gebiete an Russland durchzuführen. Sie holten mich und eine andere Frau, die auch aus politischen Gründen saß, zur Abstimmung. Wir weigerten uns und sagten, dass wir Bürgerinnen der Ukraine sind. Eine der Aufseherinnen, die sich uns gegenüber etwas menschlicher verhielt, trat an uns heran und sagte: „Hört zu, es gibt den Befehl, euch zu schlagen, so lange bis ihr zustimmt. Wozu braucht ihr das? Wir gingen dann doch, sie führten uns nacheinander in ein Zimmer. Dort saß der Gefängnisanwalt. Auf dem Tisch lagen schon ausgefüllte Stimmzettel – mit der Zustimmung zum Anschluss an Russland. Hinter mir standen Wachen mit Schlagstöcken.
Sie sagten mir, ich solle an einer bestimmten Stelle ein Häkchen machen, aber ich schrieb, dass ich dagegen sei. Der Anwalt war verwundert und sagte den Wächtern: „Schaut euch an, was diese „Ukropa“ anstellt.“
Sie schlugen mich, warfen mich aus dem Zimmer und brachten mich in die Zelle zurück. Die Frau, die mit mir dort war, machte dasselbe.
Ich sagte ihr: „Du hast ein kleines Kind, bald ist deine Verhandlung, vielleicht hättest du das nicht tun sollen?“ Aber sie antwortete: „Ich hätte keinen Respekt mehr vor mir selbst, wenn ich anders gehandelt hätte.“
Im ganzen Gefängnis gab es nur vier, die dagegen gestimmt haben. Das waren ich, meine Zellengenossin und zwei Frauen aus einer anderen Zelle. Ich bin stolz auf sie, aber mache mir große Sorgen um ihr Schicksal, denn sie sind dort geblieben.
Danach drohten sie uns, dass sie uns in ein russisches Gefängnis bringen oder „Isoljazija“ wieder aufmachen und uns dorthin bringen würden. Am 15. Oktober öffnete sich die Zellentür und sie sagten mir, ich habe 20 Minuten, um mich fertig zu machen. Ich dachte, jetzt würden sie alle ihre Drohungen wahrmachen. Olja, die Frau aus meiner Zelle, spürte irgendwie, dass es einen Austausch geben würde und sagte: „So kommt es also.“ Sie fing an zu weinen und bat mich, sie nicht zu vergessen. Es war ein Austausch. Er dauerte zwei Tage. Wir waren 14 Personen: 8 Soldaten und 6 Zivilisten. Wir bekamen Klebeband über die Augen, sie fesselten uns die Hände und steckten uns in einen großen Militärlastwagen. Wir konnten nichts sehen.
Als sie uns ausluden, nahmen sie uns das Klebeband ab. Wir verstanden, dass wir wieder in Donezk im Untersuchungsgefängnis waren. Dort lachten sie und sagten, dass sie uns erschießen.
Dann verbanden sie uns wieder die Augen, setzen uns in ein Auto und fuhren lange. Wir hörten, wie einer der Begleiter sagte: „Entspannt euch, ihr seid auf russischem Territorium.“ Das machte uns noch mehr Angst. Sie fuhren uns zu einem Militärflughafen. Wir übernachteten direkt im Auto und am nächsten Morgen zwangen sie uns, uns in ein Flugzeug zu setzen. Im Flugzeug saßen wir eng nebeneinander, konnten uns nicht bewegen. Als wir gelandet waren, steckten sie uns in der Reihenfolge unserer Nachnamen in ein anderes Auto. Die Frauen sahen durch ein Loch in der Plane, dass wir ins Gebiet Zaporizhzhia fuhren.
Als sie uns raus setzten, sahen wir einen Mann mit weißer Flagge. Sie schickten uns zu ihm. Das war ein Austausch. Ich erinnere mich kaum noch an diesen Weg. Eine zerstörte Brücke, es ging nach oben, nach unten... Aber als wir angekommen waren, drang es zu uns durch: Das ist die Freiheit, wir sind gerettet.
Nach der Freilassung erfuhr ich, dass ich in Abwesenheit mit einem Preis für meinen persönlichen Beitrag für Menschenrechte ausgezeichnet worden war. Ich erhielt die Auszeichnung dann in Freiheit. Mein wichtigstes Ziel ist jetzt, denen zu helfen, die noch in Gefangenschaft geblieben sind. Ich werde mich immer an die Worte meiner Zellengenossin Olja erinnern: „Bitte vergesst uns nur nicht.“
In den besetzten Gebieten werden immer noch Menschen entführt und der Spionage, des Extremismus und des Terrorismus beschuldigt. Das wird nicht aufhören. Wenn wir schweigen, werden diese Menschen jahrelang in Gefangenschaft bleiben. Wir werden nicht einmal erfahren, wo sie sind. Wir können nicht schweigen. Die Informationen gelangen in die Gefängnisse. Wenn Gefangene erfahren, dass man sich an sie erinnert, gibt ihnen das Kraft zu kämpfen. Vergessen – das ist schlimmer als der Tod.
Am 6. Dezember 2024 wurde die NGO „Numo, Sestry“ registriert, die Ljudmyla leitet. Die Organisation vereint Frauen, die in Gefangenschaft unter Okkupation konfliktbezogener sexueller Gewalt, Folter und anderen Folgen des Krieges ausgesetzt waren.
Übersetzung aus dem Russischen: Nicole Hoefs-Brinker
23.12.2024/13.1.2025