Der Politologe Jevgenij Bestuzhev ist zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden und hat inzwischen das Land verlassen. Nachfolgend dokumentieren wir ein Gespräch mit ihm und seinem Anwalt.
Am 5. November wurde Bestuzhev zu fünf Jahren und drei Monaten Haft auf Bewährung in einem Verfahren wegen „Falschmeldungen“ verurteilt – die erste Bewährungsstrafe in St. Petersburg nach diesem Artikel. Ende des vergangenen Jahres verließ der Politologe das Land.
„Feiertag in der Zelle“
Jevgenij Bestuzhev ist 64 Jahre alt. In den 90er Jahren war er Koordinator der Bewegung „Demokratisches Russland“ in St. Petersburg. Später kam er in den Politischen Rat der Petersburger Bewegung „Solidarnost“, wo er eine Abteilung des humanitär-politologischen Zentrums „Strategija“ leitete und war Assistent des Duma-Abgeordneten Vitalij Savizkij. Während des August-Putsches unterstützte er aktiv Boris Jelzin. In Leningrad führte der damalige Bürgermeister Anatolij Sobtschak den Widerstand gegen den Putsch an. Unter den Teilnehmern der demokratischen Demonstrationen in St. Petersburg war auch Bestuzhev.
„Eine meiner Gerichtsverhandlungen (im Verfahren wegen „Verbreitung von Falschmeldungen“) fand am 19. August statt, dem Tag des August-Putsches und unseres Sieges“, erzählt er. „Ich war aktiver Teilnehmer der Ereignisse, bin zum Schutz unserer Demokratie auf die Straße gegangen und verbrachte die ganzen drei Tage des Putsches am Marinskij Palast, schlief drei Tage nicht. Ich weiß noch, wie verkündet wurde, dass in Moskau alles vorbei ist und ich am Morgen des 21. August auf die Straße ging mit dem Gefühl, dass die völlige Freiheit angebrochen war. Und jetzt 33 Jahre später begehe ich diesen Feiertag in einer Zelle.“
„Demokratisches Russland“ hörte 2007 auf zu existieren. Die Novaja Gazeta Europa schrieb, dass der Politologe „als Taxifahrer arbeitete, dann als Wachmann in einem Kindergarten“ und praktisch keine Mittel für den Lebensunterhalt hatte, deswegen Schulden machte, seine Wohnung verkaufte und in einer Mietwohnung leben musste. 2014 wollte Jevgenij Bestuzhev in den städtischen Duma-Wahlen für die Partei „Jabloko“ kandidieren,, doch man verweigerte ihm die Registrierung.
Am 22. Februar unterschrieb Vladimir Putin Dekrete zur Anerkennung der sogenannten „Volksrepubliken" Donezk und Luhansk DNR und LNR. Am nächsten Tag veröffentlichte Bestuzhev drei Posts. In einem davon schrieb er: „Ein Wiegenlied für die ekelhaften Putinoiden, die sich aufgemacht haben, morgen in den Krieg zu ziehen. Mögen sie ausschlafen und aufwachen, diese Dreckskerle“, und in einem anderen: „Der Vertreter von Kenia in der UNO, Martin Kimani, der die Handlungen der RF gegenüber der Ukraine verurteilt, hat anschaulich dargelegt, wie sich ein zivilisiertes Land wie Kenia von einem wilden unterscheidet … Unwillkürlich musste ich diesen Diplomaten in Großbuchstaben mit Marija Sacharova vergleichen, diesem unverschämten, schamlosen russischen Weibsstück mit der Mentalität einer Bahnhofshure.“
Als der Krieg begann, beschloss Bestuzhev wegzugehen. Im Frühjahr 2022 reichte er bei der Deutsche Botschaft seine Papiere ein, um ein humanitäres Visum zu bekommen. Im Juli bestellte man ihn zu einem Verhör bei der Bezirks-Staatsanwaltschaft und teilte ihm mit, dass es gegen ihn auf Initiative des FSB eine Überprüfung gäbe. Sofort packte er seine Sachen und ging nach Georgien, um auf das deutsche Visum zu warten. Er verbrachte dort drei Monate.
„Ich hatte in Russland noch Einiges zu erledigen, ich bin ja sehr schnell weggegangen“, erinnert sich Bestuzhev. „Natürlich hatte ich das Gefühl, dass es gefährlich ist zurückzukehren, aber ich wusste, dass nach mir nicht gefahndet wurde und dass gegen mich kein Verfahren eingeleitet worden war. Dann zeigte sich, dass es doch schon ein Verfahren gab. Und so kehrte ich Anfang November zurück. Was habe ich mir deswegen für Vorwürfe gemacht! Das war eine idiotische Aktion. Ich war noch keine Woche im Land, hatte mich mit Verwandten getroffen und am 9. November klopfte es morgens um sechs an der Tür und so begann mein Gefängnis-Abenteuer.
Bestuzhev wurde in seiner Mietwohnung festgenommen. Die Verhandlung über eine Unterbindungsmaßnahme fand am nächsten Tag statt: Er kam in Haft.
Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingeleitet wegen 27 Veröffentlichungen auf seiner Seite bei VKontakte: Drei Posts aus dem Februar, die er noch vor Kriegsbeginn veröffentlicht hatte, und weitere mit einer scharfen Kritik an der russischen Armee und der „Putinschen Junta“, Reposts von Aufnahmen zerstörter ukrainischer Städte und Links zu einem Interview, das Bestuzhevdem ukrainischen Youtube-Kanal SobiNews geben hatte. Diese Posts existieren dort auch heute noch.
Man beschuldigte den Politologen der „Verbreitung von Falschmeldungen über die Armee der RF motiviert durch politischen Hass“(Art. 207.3 Teil 2 Absatz d StGB RF). Ihm drohten bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug.
„Ich wollte natürlich in meinen Veröffentlichungen meine Position (zur russischen Invasion) zum Ausdruck bringen“, berichtet Bestuzhev OVD-Info. „Andererseits geriet das zu emotional: Ich spürte, dass ich mein Land, verloren hatte, in dem ich geboren und aufwachsen war, in dem ichgelebt hatte, dass ich meine Stadt verloren hatte. Ich merkte, dass der Punkt gekommen war, an dem es kein Zurück mehr gab. Ich dachte, das wird eine Katastrophe und wusste nicht, was ich tun sollte. Das war ein Auslöschen meines ganzen Lebens, der Zusammenbruch aller Hoffnung und dessen, wofür ich gelebt und woran ich gearbeitet hatte.“
„Auf der Suche nach der schwarzen Katze“
Das erste Mal traf Sergej Podolskij seinen Klienten Ende November 2022 im Untersuchungsgefängnis Nr. 1 'Kresty'.
„Er sah aus wie ein gebrochener Mensch, der sich schon auf seinen Tod vorbereitet“, erinnert sich Podolskij. „Ich wusste nicht, ob er es schafft. Dass er bald sterben würde, sagte er mir bei diesem Treffen fünfmal. Wir sprachen lange miteinander und ich versuchte, ihm zu erklären, dass wir kämpfen müssen. Die ersten drei Monate war er völlig niedergeschlagen. Dann gewöhnte er sich etwas an die Bedingungen, machte sich mit seinen Zellengenossen bekannt und kam zur Vernunft, tat alles, was wir miteinander abgesprochen hatten, und als es zum ersten Gutachten kam, war er sogar in siegessicherer Stimmung.“
Bestuzhev hatte lt. OVD-Info mehrere Herzkrankheiten. 2008 hatte er einen Herzinfarkt erlitten und 2012 hatte er eine Bypass-Operation durchgemacht. In seinem Zustand muss man unbedingt regelmäßig Medikamente nehmen und unter ärztlicher Beobachtung stehen, im Untersuchungsgefängnis sind regelmäßige Untersuchungen und Kontrollen der Therapie unmöglich. Bestuzhev klagte seinem Anwalt über Schmerzen am Herzen und in den Beinen, der Arzt im Untersuchungsgefängnis diagnostizierte eine Venenthrombose, während der Gerichtsverhandlungen erlitt Bestuzhev Herzanfälle.
„Am Anfang war da eine völlige Verlorenheit, alles war wie im Halbschlaf“, erzählt Bestuzhev. „Aber was sollte ich machen? Man musste sich anpassen. Ich versuchte, meine Tätigkeiten zu analysieren, mich an alles zu erinnern. Es heißt, im Gefängnis ist das erste halbe Jahr schwierig oder die ersten drei Monate. Bei mir verlief die Anpassung etwas schneller. Ich sah, dass das Gefängnis überhaupt nicht so ist, wie ich es mir vorher vorgestellt hatte – überall waren normale Menschen.“
Podolskij und Bestuzhev entwickelten eine Verteidigungsstrategie, erörterten alle Details des Prozesses bis hin zum Aussehen des Politologen bei den Gerichtsverhandlungen.
„Unser Standpunkt war der, dass es keine Mitteilungen zu Fakten (die man als „Falschmeldungen“ hätte bezeichnen können) in seinen Posts gegeben hatte und bei dieser Position blieben wir. Wir konnten nicht verstehen, wo da diese „Fakes“ sein sollten und forderten mehrfach, das zu erklären, wobei weder wir noch die Staatsanwaltschaft und auch nicht das Gericht das sehen konnten“, sagt Podolskij. „Ich habe das auch in den Plädoyers gesagt, es ist sehr schwierig in einem dunklen Raum eine schwarze Katze zu finden, vor allem, wenn diese gar nicht da ist. Und so haben wir die ganzen eineinhalb Jahre der gerichtlichen Voruntersuchung damit verbracht, diese schwarze Katze zu suchen.“
Der Artikel über „Falschmeldungen“, gegen den Bestuzhevverstoßen haben sollte, tauchte im Strafgesetzbuch am 4. März 2022 auf, damals wurden auch Änderungen zur „Diskreditierung der Armee der Russischen Föderation“ im Ordnungsstrafrecht vorgenommen. In der Anklageschrift hieß es, Bestuzhev habe seine Posts zwischen dem 23. Februar und dem 30. März 2022 veröffentlicht.
„Das ist das Hirngespinst eines Irren“, empört sich der Anwalt. „Zeit und Ort des Verbrechens sind nicht definiert, aber das sind unabdingbare Bestandteile eines Tatbestandes, ohne ihre Definition kann kein Verbrechen vorliegen. Das bedeutet der Zeitpunkt des Beginns ist der 23. Februar 2022, als es eine solche Regelung nicht einmal ansatzweise gab, und die Anklageschrift wurde am 30. März abgeschlossen. Damit die Rechte eines Angeklagten gewahrt bleiben, muss eine Anklage konkret sein und nicht abstrakt. Ich habe bei der Anhörung beantragt, das Verfahren an die Staatsanwaltschaft zurückzugeben, weil man Bestuzhev nach der Redaktion eines Paragraphen vom 5. April anklagte, er diese Straftat also anfing zu begehen, als sie noch keine Straftat war. Aber das Gericht wies diesen Antrag leider ab.
Außerdem wurde der Ort der Straftat in der Anklageschrift ziemlich weit gefasst: St. Petersburg und das Gebiet Leningrad.
„Den genauen Ort zu benennen ist unabdingbar, davon hängt ab, wo ein Verfahren verhandelt wird“, erklärt Podolskij. „Das Verfassungsgericht betrachtet das Recht einer Person darauf, dass deren Verfahren vor einem konkreten Gericht verhandelt wird, als heilig. Wenn ein Prozess nicht vor einem richtigen Gericht verhandelt wird, bedeutet das eine Aufhebung der Entscheidung. Deshalb habe ich gesagt, dass ich niemanden verteidigen kann, weil es die unabdingbaren Tatbestandsmerkmale nicht gibt: Weder einen klar definierten Ort noch der Zeitpunkt des Verbrechens, es war unklar, auf welcher Grundlage genau das Bezirksgericht das Verfahren prüfen würde.
„Akunin in der Gefängnisbibliothek“
Jevgenij Bestuzhev verbrachte fast zwei Jahre in Haft im Kresty-Gefängnis. Der Staatsanwalt verlangte eine Unterbringung in Einzelhaft, da Bestuzhev seiner Meinung nach „seine kriminellen Aktivitäten fortführen“ und sich den Ermittlungen entziehen könnte, weil seine Tochter in Estland lebe. Medien zitierten Bestuzhev mit der Aussage vor Gericht, dass die beiden schon über drei Jahre keinen Kontakt mehr hätten „aufgrund eines familiären Konflikts wegen des Verkaufs einer Immobilie.“ Nach den Worten von Sergej Podolskij „hätten sie konträr entgegengesetzte politische Auffassungen, sie liebe ihre Heimat von Estland aus.“ Bestuzhev selbst berichtete im Gespräch mit OVD-Info, dass es jetzt keine Konflikte mehr zwischen ihnen gibt: „Wir haben natürlich Kontakt, aber es war schwierig. Sie ist in Estland geboren und lebt dort. Ich bin immer dorthin gefahren, habe an zwei Orten gelebt, manchmal kam sie nach Russland.“
Bestuzhev erzählt, er sei im Untersuchungsgefängnis vorwiegend von Häftlingen umgeben gewesen, die wegen Wirtschaftsdelikten eingesessen hätten. Einmal habe er in einer Zwei-Mann-Zelle mit Ivan Mazizkij, dem Leiter der Scientology-Kirche, gesessen.
„Wir alle sind menschlich miteinander umgegangen, haben über Literatur, Philosophie und Kunst diskutiert. Mit einigen auch über Wissenschaft und ökonomische Theorien. Politische Themen bemühten wir uns zu vermeiden. In der Gefängnis-Bibliothek gab es ganz gute Literatur. Ich habe dort Bücher über Philosophie bestellt, sie sagten mir, dass sei keine sehr empfehlenswerte Literatur, brachten mir dafür aber Orwells „1984“. Dann brachten sie plötzlich Akunin. Können Sie sich das vorstellen? Akunin in einer Gefängnis-Bibliothek!“
Innerhalb von zwei Jahren wurden im Fall Bestuzhev zwei Sachverständigengutachten und drei psychologisch-linguistische Expertisen erstellt.
Im Juni 2022 kamen Spezialisten des Zentrums SPbGU auf Anfragen des FSB St. Petersburg und des Gebiets Leningrad in ihrem Gutachten zu dem Schluss, dass Bestuzhev in seinen Posts „Aussagen gemacht hat, die Anzeichen der Aufstachelung zum Hass gegen Russen enthielten, zweifelhafte Informationen über Aktionen der Streitkräfte der RF sowie den Versuch, Image und Vertrauen zu den Truppen und den Institutionen der RF zu untergraben.“
„Anonyme Spezialisten der Staatlichen Universität St. Petersburg entdeckten irgendetwas, aber was, das konnten sie in ihrem Gutachten nicht vernünftig erklären“, kommentiert Podolskij. „Wir haben dann selbst einen Linguisten und einen Psychologen gefunden, die ein eigenes (zweites) Gutachten erstellten. Sie fanden in den Posts weder „Falschmeldungen“ noch Motive politischen Hasses. Auf dieser Grundlage ordnete das Gericht eine forensische psychologisch-linguistische Untersuchung an (die von Spezialisten des Regionalen Expertenzentrums Nordwest SZRZE vorgenommen wurde). Die Ergebnisse dieser Untersuchung bestätigten das Urteil unserer Experten.“
Die vom Gericht bestellten Experten des GLEDIS (Gilde der Sprach-Sachverständigen in Dokumentations- und Informationskonflikten), an die sich der Verteidiger von JevgenijBestuzhev schon zuvor gewendet hatte (der Linguist Igor Zharkovund die Psychologin Veronika Konstantinova), konnten laut Verteidigung in Bestuzhevs Posts weder Fakten noch Ereignisse bestätigen, die für eine Anklage wegen „Falschmeldungen“ notwendig gewesen wären. Außerdem merkte Zharkov in seinem Gutachten an, dass es in den Veröffentlichungen Bestuzhevsweder politischen noch ideologischen Hass gäbe.
„Danach schwante der Staatsanwaltschaft schließlich, dass sie in diesem Prozess irgendetwas unternehmen müsse“, sagt Podolskij„Bis dahin hatte der Staatsanwalt nicht einmal seine Beweise vorgelegt. Wir hatten die Sachverständigen hinzugezogen (vom GLEDIS), sie zerrissen die Staatsanwaltschaft mit ihren Aussagen.“
Die Psychologin Veronika Konstantinova erklärte, dass es in den Posts von Jevgenij Bestuzhev keine psychologischen Anzeichen des Wunsches gäbe, Lügen zu verbreiten: „Ich konnte lediglich das Bedürfnis nach emotionaler Nähe beobachten. Der Mensch muss häufig seine Gefühle teilen, um einen Infarkt oder Schlaganfall zu vermeiden, vor allem in vorgerücktem Alter. Scharfe Aussagen in Richtung der Machthabenden der RF sind keine absichtliche Verbreitung von falschen Informationen: „Der Vampir im Bunker“ ist kein Fakt, sondern ein Werturteil.“
Der Experte mit zitternden Händen
Nach den Beiträgen der unabhängigen Sachverständiger bestellte das Gericht ein zweites psychologisch-linguistisches Gutachten, wiederum bei der SZRZE. Dieses Mal fanden die Experten in Bestuzhevs Aussagen Anzeichen für „Behinderung der Tätigkeit der staatlichen Organe der RF“, „Kritik an der RF bezüglich der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der Stabilität“ und „Diskreditierung der Streitkräfte der RF“, aber immer noch keine Aussagen über Fakten und Ereignisse.
„Unsere ganze 'Aufführung' war auf einen Freispruch ausgerichtet“, erklärt Podolskij. „Die Staatsanwaltschaft gab nicht auf: Sie luden eine Linguistin des SZRZE vor, die nicht unbekannte Alla Tepljaschina (sie hatte das erste anonyme Gutachten im Juni 2022 geschrieben), die in vielen ähnlichen Fällen in St. Petersburg Gutachten verfasst hatte. Vor Gericht konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie das Verteidigungsministerium heißt, der Richter sagte es ihr vor, sie brachte kein Dokument, das ihre Befähigung dokumentiert, was das Gericht sogar in seinem Urteil vermerkte. Als wir sie fragten, worin denn die „Falschmeldungen“ bestünden, sagte sie, in den Posts wäre die 'Militärische Spezialoperation' Krieg genannt worden. Ich fragte sie, was das denn sei, eine Militärische Spezialoperation. Sie fing an, sich zu winden, Militärische Spezialoperation sei das, was Präsident Putin gesagt habe. Da hielt es sogar der Richter nicht mehr aus und mischte sich ein: 'Gut, dann erklären Sie mir bitte aus der Sicht einer Linguistin, worin sich eine Militärische Spezialoperation von Krieg unterscheidet. Tepljaschina redete wieder drumherum: Militärische Spezialoperation, das ist das, was die offiziellen russischen Behörden sagen.'“
Das Gericht folgte der Beweisführung der Verteidigung. Später weigerte sich das Gericht, das (allererste) Gutachten des SZRZE als Beweis anzuerkennen. Danach beantragte die Staatsanwaltschaft ein erneutes psychologisch-linguistisches Gutachten mit der Überprüfung aller Materialien, die Bestuzhevgepostet hatte. Der Anwalt erwiderte, dass dies keine wiederholte Expertise sei, denn die Expertise sei bereits durchgeführt worden und die Staatsanwaltschaft habe keine Ungenauigkeiten in ihr finden können. Ihm zufolge wurde das Gutachten auf dieselben Fragen geprüft, dieses Mal jedoch ging es nicht nur um die Posts, sondern auch um Links, die Bestuzhev verschickt hatte.
Bereits am 9. Oktober schickte das SZRZE, das einen Monat zuvor in den Posts von Bestuzhev keine „Falschmeldungen“ hatte finden können, dem Gericht neue Ergebnisse. Es hatte sich eine Video-Botschaft von Volodymyr Selenskjy mit Link dorthin in einem Post vom 6. März gefunden. Bei der Verhandlung, zu der die Expertin geladen war, stellte sich heraus, dass sie nur einen zweiminütigen Ausschnitt aus dem Video geprüft hatte, den ihr ein Ermittler als Text gegeben hatte.
„Überhaupt war sie sehr nervös und sah eingeschüchtert aus. Mir war klar, dass man sie bearbeitet und ihr erklärt hatte, was gut und was schlecht sei, denn das waren zwei verschiedene Experten. Als man sie das erste Mal befragt hatte, verteidigte sie ihr Gutachten und als sie zum zweiten Mal kam, zitterten ihr die Hände und die Stimme“, erinnert sich Sergej Podolskij.
„Er ist nicht in Sicherheit“
Am Tag der Urteilsverkündung wünschten ihm Zellengenossen und Gefängnismitarbeiter einen Freispruch. Er selbst sagt, er habe mit einer kurzen Haftstrafe gerechnet, aber nicht damit, dass man ihn noch am selben Tag freilassen würde. Podolskij hatte ebenfalls einen solchen Ausgang nicht erwartet: „Als ich zur Urteilsverkündung ging, dachte ich, dass er sechs Jahre Haft bekommt, hoffte aber, dass es anders ausgehen würde. Ich hatte das Gefühl, dass das Gericht seine Position schon eingenommen hatte und es keinen Freispruch geben würde.“
Die Staatsanwaltschaft hatte für Bestuzhev acht Jahre Lagerhaft gefordert. Die Zeitschrift „Bumaga“ schrieb, dass zur Urteilsverkündung etwa 50 Personen gekommen waren, eine Unterstützergruppe, Freunde und sogar der deutsche und der norwegische Botschafter. Das Kalininskij-Bezirksgericht verurteilte ihn schließlich zu fünf Jahren und drei Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung. Für viereinhalb Jahre ist es ihm untersagt, etwas im Internet zu veröffentlichen oder Gruppen zu administrieren. Jevgenij Bestuzhev wurde noch im Gerichtssaal auf freien Fuß gesetzt. Am selben Tag ging ein Video im Internet viral: Bestuzhev verließ das Gerichtsgebäude, die Menschen begrüßten ihn und applaudierten ihm, und er rief jemanden an und sagte: „Ich wurde wegen schlechter Führung aus dem Gefängnis geworfen!“ Bestuzhev glaubt, dass der Ausgang des Verfahrens dank seines Anwalts zustande kam, der ihn während des gesamten Prozesses beriet, ihm erklärte, wie er sich vor Gericht verhalten sollte, und der die Anklagepunkte und die Position der Staatsanwaltschaft genau analysiert hatte.
Sergej Podolskij selbst erklärt die Bewährungsstrafe für seinen Mandanten mit mehreren Faktoren: „Wir hatten großes Glück mit der Richterin, die den Fall so weit wie möglich angemessen verhandelt hat. Außerdem sind wir nicht mit politischen Losungen in den Prozess gegangen, ich glaube, das war unsere erfolgreichste Idee. Nur im Plädoyer habe ich gesagt, dass dies ein politisch motivierter Fall ist und der Artikel nicht verfassungsgemäß. Das regionale Zentrum für forensische Gutachten des Justizministeriums Nordwest hat ein ehrliches, wahrheitsgetreues Gutachten erstellt (wir sprechen über das dritte Gutachten), sie haben nichts hinzugefügt oder weggelassen. Wir hatten großes Glück, dass es uns gelungen ist, unsere eigenen Sachverständigen hinzuzuziehen: Das Gericht hätte ein Sachverständigengutachten in der SZRZE oder der Staatlichen Universität St. Petersburg anordnen können, aber Zharkov hatte gesagt, dass Expertisen jetzt nur in einer staatlichen Sachverständigen-Einrichtung durchgeführt werden dürfen. Dies sind neue Paragraphen, für die es noch keine einheitliche Praxis gibt. Vielleicht ist das keine schlechte Sache.“
Drei Tage nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaftanstalt erklärte Jevgenij Bestuzhev gegenüber OVD-Info, dass es nicht leicht für ihn ist, in sein altes Leben zurückzufinden: „Es zeigt sich, dass man sich auch an die Freiheit gewöhnen muss. Jetzt versuche ich, das alles zu verarbeiten und mich einfach zu entspannen. Ich bin froh, dass ich Menschen getroffen habe, die mich unterstützt haben, nicht durch Gefängniskorrespondenz oder vierzehntägige Telefonate, sondern durch die Möglichkeit, sich zu treffen, zu umarmen und zu reden. Das bedeutet mir sehr viel, es ist etwas völlig anderes und mit nichts anderem zu vergleichen“.
Gleichzeitig sagte Sergej Podolskij, dass seiner Meinung nach für den Angeklagten noch nichts vorbei ist. Er und Bestuzhevwarteten auf die Berufung der Staatsanwaltschaft. „Er ist nicht sicher“, erklärt der Verteidiger.
Im Dezember 2024 hat Bestuzhev Russland verlassen. Jetzt befindet er sich in Litauen. Er sagt, er habe beschlossen, „die früheren Fehler nicht zu wiederholen“, die ihn bei seiner Rückkehr in die Heimat seine Freiheit gekostet hatten.
„Was für ein Gefühl es ist, die Stadt zu verlassen, in der ich geboren wurde, aufgewachsen bin und mein ganzes Leben gelebt habe? Für eine unbekannte Zeit zu gehen - vielleicht für immer? Das kann nicht ewig so weitergehen, dieses Regime muss zusammenbrechen. Anderthalb Monate lang nach meiner Entlassung war ich mit Menschen zusammen, die meine Familie geworden sind und die mich unterstützt haben. Unser Abschied war schwer. Sie sagten mir, dass das Gefängnis nicht für immer ist, aber das hier ist für immer. Doch ich glaube das nicht. Nur Freundschaft und Liebe sind für immer, alles andere ist vorübergehend. Und das wird vorübergehen. Wenn das Regime fällt und diejenigen vor Gericht gestellt werden, die uns jetzt verfolgen, die solche Paragraphen erfinden, Strafverfahren einleiten und bei den Verbrechen des Regimes mitmachen, werde ich zurückkommen, um mich daran zu beteiligen.“
Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker