Über die Geiselnahme in Moskau am 23. Oktober 2002

(24.10.2002)

Erklärung gesellschaftlicher Organisationen

Gestern fand in Moskau eine massenhafte Geiselnahme friedlicher Menschen statt, unter ihnen viele Frauen und Kinder. Dies ist ein Akt von unmenschlichem Terrorismus, ein Verbrechen, für das es eine Rechtfertigung weder gibt noch geben kann.
Wir müssen erneut erkennen, dass in Russland Krieg herrscht, und dass dieser Krieg in seine schrecklichste, grausamste Phase getreten ist – in einen Partisanenkrieg, in einen terroristischen Krieg. Terror gegen die Bevölkerung, der von den Föderalen Kräften [der russischen Armee und russischen Spezialeinheiten] in Tschetschenien verübt wird, erhöht nur die Unterstützung der [tschetschenischen] Kämpfer unter der dortigen Bevölkerung, schafft nur die Voraussetzungen für unmenschlichen Terrorakte.
Aber heute, da Hunderte von Menschen sich den Mündungen von Maschinengewehren gegenüber sehen, ist keine Zeit für Vorwürfe und Anschuldigungen.
Wir hoffen, dass die Führung der Russischen Föderation alles Mögliche zur Lebensrettung der Geiseln tun wird. Gerade das – der Schutz friedlicher Bürger vor Gewalt – soll die einzige Priorität in den Handlungen der Vertreter der Machtorgane sein. Dafür benötigt die Macht Weisheit und Zurückhaltung.
Wir rufen die Führung der Russischen Föderation und Moskaus dazu auf, es nicht zuzulassen, dass das Volk Tschetschenines die Tat einer Gruppe von Terrorsisten verantworten muss, es nicht zuzulassen, dass es zu wiederholten „ethnischen Säuberungen“ in Moskau und anderen Regionen Russlands kommt.
Unabhängig von den deklarierten Forderungen, persönlichen Motiven und subjektiven Absichten der Terroristen, kann die wahnsinnige Aktion in Moskau die Perspektiven einer friedlichen Regulierung in Tschetschenien, die in letzter Zeit realistischer schien als früher, ernsthaft untergraben. Wir rufen die Führung der Russischen Föderation auf, sich nicht auf die Provokation einzulassen und das Geschehene nicht als Beweis für die Unmöglichkeit einer friedlichen Lösung des Tschetschenienproblems anzusehen.
Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass der Konflikt in Tschetschenien ausschließlich auf dem Weg friedlicher Verhandlungen gelöst werden kann. Fragen, die mit der Beendigung der Kampfhandlungen, der „Säuberungen“ und der Terrorakte verbunden sind, kann und muss das Föderale Zentrum [die russische Regierung] unmittelbar mit den Führern der gegnerischen Seite besprechen, in erster Linie mit denen, die die legitim gewählte – aber von Russland nie anerkannte – ausführende und legislative Gewalt in Tschetschenien darstellen. Fundamentale Unstimmigkeiten, inklusive der Frage der Bestimmung des künftigen Status der Republik, können und müssen auf dem Weg einer späteren Ausweitung des Verhandlungsprozesses und der Einbeziehung von Vertretern des gesamten tschetschenischen gesellschaftlich-politischen Spektrums in diesen Prozess entschieden werden.

Die Gesellschaft „Memorial“
Die Moskauer Helsinki-Gruppe
Das Komitee „Bürgerhilfe“
Die Bewegung gegen Gewalt
Der Koordinationsrat der Hilfe für Flüchtlinge und Zwangsumgesiedelte