Auftritt A. B. Roginskijs (Vorstand von Memorial Moskau) anlässlich der Verleihung des Lew-Kopelew-Preises an Memorial

(11.04.2002)

aus dem Russischen übersetzt von Marlen Wahren

Sehr geehrter Herr Präsident!
Liebe Freunde!
Damen und Herren!

Erlauben Sie mir im Namen der Organisation "Memorial" Ihnen für die hohe Ehre, den uns verliehenen Kopelev-Preis zu danken.

Für uns hat dieser Preis eine besondere Bedeutung. Deswegen, weil Lev Kopelev für "Memorial" vor allem ein guter und alter Freund war, mit dem wir durch vieles verbunden und dem wir in vielem verpflichtet sind.

Wir waren mit Kopelev befreundet und liebten ihn, nicht weil wir speziell an die historische und kulturelle Bedeutung seiner Person dachten, an seine Rolle in den russisch-deutschen Beziehungen, sondern einfach deshalb, weil man ein sehr schlechter Mensch sein muss, um Lev nicht zu lieben.

Lev hat niemals danach gestrebt, eine historische Persönlichkeit zu werden, er hat sich im Leben nicht selbst ein Denkmal gesetzt. Er hat einfach gelebt, und seine Reaktionen auf die um ihn herum geschehenden Ereignisse waren natürliche und spontane Reaktionen eines ehrlichen, klugen und aufrichtigen Menschen. Und erst nachdem sein Leben auf Erden vollendet war, zeigte sich, dass er sich genauso natürlich und ohne besondere Anstrengung für immer einen Platz in der Geschichte und der Kultur erobert hatte.

Die Persönlichkeit und das Schicksal Lev Kopelevs, des Patrioten Russlands und Deutschlands, aber vor allem des Europäers und Weltbürgers, sind noch ein überzeugender Beweis dafür, dass Russland ein europäisches Land ist, nicht nur im geographischen sondern auch im zivilisatorischen Sinne. Und das gewaltige wissenschaftliche und kulturelle Erbe Kopelevs ist ein bedeutender Teil des russischen Beitrags zum Bau eines neuen Europas.

In diesem Erbe ist uns, der Organisation "Memorial", die Kopelevsche Einheit des Blicks auf die Vergangenheit und die Gegenwart am nächsten. Eine Einheit, die auf solch grundlegenden Werten wie Gewaltlosigkeit, Toleranz, Menschenrecht und Pressefreiheit basiert.

"Memorial" begann vor 15 Jahren als historisch-aufklärerische Organisation, als eine Zusammenarbeit von Leuten, die sich die Aufgabe gestellt haben, die jüngste Vergangenheit unseres Landes umzuinterpretieren. Wir glaubten und glauben bis heute, dass Russland ohne eine ehrliche und konsequente Analyse der Geschichte des sowjetischen Staatsterrors weder eine Gegenwart und noch eine Zukunft hat.

1960 führte der wütende Kampf für eine vollständige Enthüllung des Stalinismus Kopelev in die Menschenrechtsbewegung. Diese Bewegung selbst war zu großen Teilen aus dem Widerstand gegen der Rückkehr stalinistischer Politiker in das öffentliche Leben erwachsen.

Auch "Memorial" hielt es für unmöglich in einer Zeit, in der Russland unter großen Mühen mit seiner totalitären Vergangenheit bricht, sich auf die rein historische Arbeit zu beschränken. Die Vielzahl von Rückfällen totalitärer Politiker konnte uns natürlich nicht gleichgültig bleiben lassen, und so begann unsere Organisation bereits kurz nach ihrer Gründung aktiv gegen die zeitgenössischen Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen.

Diese beiden Richtungen unserer Arbeit - der Kampf für die historische Wahrheit und der Kampf für die Einhaltung der Menschenrechte heute - bilden für uns prinzipiell eine Einheit. Und die Hauptquelle dieser Einheit ist ein allgemeines Rechtsbewusstsein.

Einerseits eröffnet uns die Rechtssprache einen neuen Zugang zu den Tragödien der Vergangenheit, dergestalt, dass sie uns erlaubt, den stalinistischen Terror als einen Teil einer ganzheitlichen Politik zu verstehen, die auf die systematische Unterdrückung persönlicher Rechte und persönlicher Freiheit sowie auf die bewusste Verletzung aller Strukturen einer Bürgergesellschaft gerichtet war.

Andererseits beobachten wir eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen, die täglich und stündlich im zeitgenössischen Russland geschehen vor allem als Rückfälle in die Vergangenheit, als die Spuren eines bis heute nicht beseitigten totalitären Staatsverständnisses und Großmachtdenkens.

Zu diesen Rückfällen zählen sowohl die Fortsetzung des sinnlosen und blutigen Krieges in Tschetschenien, die Bemühungen die Massenmedien unter staatliche Kontrolle zu bringen, der Wahn der Geheimniskrämerei, dem schon einige russische Journalisten, Ökologen und Wissenschaftler zum Opfer gefallen sind, sowie der Aufbau politischer Mechanismen zur Verwirklichung der sogenannten "gelenkten Demokratie".

Heute - nach 10 Jahren Zerfahrenheit und Unschlüssigkeit - kann man in Russland wieder die Tendenz zum Erstarken der regierenden Macht beobachten.

Diese Tendenz kann gut sein, wenn sie auf die Errichtung effektiver Mechanismen gerichtet ist, die das Recht, die Freiheit und die Sicherheit der Bürger schützen und gewährleisten. Aber sie wird sehr gefährlich, wenn die wachsende Stärke der Regierung auf die Beschränkung und die Unterdrückung dieser Freiheiten zielt.

Wir haben nicht das Recht uns in dieser Frage auf den guten Willen der Regierenden des Staates zu verlassen. Die einzige Kraft, die im Stande ist, die sich verfestigende "vertikale Macht" auszugleichen, sie unter Kontrolle zu halten, sie die Grenzen ihrer funktionalen Verpflichtungen nicht überschreiten zu lassen, ist die Kraft einer konsolidierten bürgerlichen Gesellschaft.

Die Konsolidierung von gesellschaftlichen, nichtstaatlichen Strukturen muss keineswegs zwangsläufig eine globale Konfrontation mit der Macht nach sich ziehen. Vielmehr legt sie einen gleichberechtigten Dialog oder vielleicht sogar eine Partnerschaft mit ihr nahe - das aber natürlich unter der unerlässlichen Bedingung: die Bewahrung der völligen Unabhängigkeit der gesellschaftlichen Organisationen von der Regierung.

Die Konsolidierungsprozesse der Bürgergesellschaft sind schon im Gange, auch "Memorial" hat schon viel und nicht ohne Erfolg in dieser Richtung getan. Das ist die natürliche Fortsetzung sowohl der historischen Arbeit wie auch der aktuellen Menschenrechtsarbeit unserer Organisation.

Ich habe oben bereits gesagt: die Menschenrechtsarbeit von "Memorial" ist von den historischen Studien und den Aufklärungsprojekten nicht zu trennen.

Worin besteht die Aufgabe eines Historikers?

Doch darin, die Wahrheit über vergangene Geschehnisse herauszufinden: Fakten zu sammeln, zu verifizieren, zu systematisieren und sie zu analysieren, und danach dies der Gesellschaft vorzustellen.

Worin besteht die Aufgabe eines Menschenrechtlers?

Im Grunde doch in genau dem selben, nur in Bezug auf Ereignisse der Gegenwart: Fakten zu sammeln, zu verifizieren, zu systematisieren und sie zu analysieren, und danach dies der Gesellschaft vorzustellen.

Dieser einheitliche Zugang bestimmt unsere Arbeit. So verbindet sich die aufklärerische Arbeit mit Schülern, Studenten und Lehrern mit der Arbeit zur Verteidigung der Rechte ethnischer Minderheiten, die Diskriminierungen ausgesetzt sind, zum Schutz der Rechte von Flüchtlingen und von ehemaligen Opfern politischer Repressionen.

Dieser Zugang bestimmt unsere Arbeit in Tschetschenien und anderen "Brennpunkten" auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR ebenso wie in den historischen Archiven, die wegen ihrer Unzugänglichkeit für uns auch noch "Brennpunkte" bleiben.

Der Sinn unserer Tätigkeiten ist der Kampf für Wahrheit und Recht, für eine demokratische Zukunft unseres Landes.

Es ist dies derselbe Kampf, den schon jahrzehntelang Lev Sinovjevitsch Kopelev und eine handvoll gleichgesinnter Dissidenten geführt haben. Wir setzen einfach die von ihnen begonnene Arbeit fort. Wir machen weiter unter neuen Bedingungen natürlich, die weit weniger gefährlich aber wahrscheinlich nicht weniger schwierig sind.

Deshalb nehmen wir den Kopelev-Preis mit Dankbarkeit, aber ohne Verlegenheit entgegen.