Soziale Situation in Tschetschenien

(18.03.2002)

aus dem Russischen übersetzt von Marlen Wahren

Die Arbeit der medizinischen Einrichtungen

Die Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten der medizinischen Einrichtungen in der tschetschenischen Republik gehen sehr langsam voran. Die Lage in den zur Zeit funktionierenden 53 Krankenhäusern der Republik ist katastrophal. Über das Gesundheitsministerium gelangen kaum noch Medikamente oder medizinische Ausstattung in die Krankenhäuser. Schmerzlich zu spüren ist der Mangel an Fachkräften. In der ganzen Republik gibt es 2,5 mal weniger Ärzte und 1,7 mal weniger Krankenschwestern als notwendig wären.

In den meisten medizinischen Einrichtungen fehlt eine ausreichende Energieversorgung, was die Durchführung von schwierigen chirurgischen Operationen unmöglich macht. Deshalb bemühen sich die Angehörigen, Schwerkranke mit einer Überweisung des Gesundheitsministeriums auswärtig zu behandeln zu lassen (allein im letzten Monat (Februar 2002) wurden vom Gesundheitsministerium der Tschetschenischen Republik 817 Überweisungen ausgeschrieben). Diese Probleme resultieren aus der sehr schwachen Finanzierung des Gesundheitswesens der Tschetschenischen Republik.

Bis auf den heutigen Tag werden folgende Gebäude medizinischer Einrichtungen von militärischen Einheiten der Föderalen Streitkräfte genutzt: das Tuberkulosekrankenhaus der Stadt Grosnij, das Eisenbahnkrankenhaus des Bezirks Oktjabrskij der Stadt Grosnij, das Schatojsker Kreiskrankenhaus und das Krankenhaus der Siedlung Kargalinskaja im Bezirk Schaelkovskij. Der Schwerpunkt der Belastung in der Republik liegt heute auf dem 9. Krankenhaus der Stadt Grosnij, das seit dem 15. Oktober 2001 die Funktion der Nothilfestation erfüllt. Die Rekonstruktion des Gebäudes, in dem die Ärzte im Augenblick arbeiten müssen, geht praktisch nicht voran. Die Reparaturarbeiten an dem fünfstöckigen Komplex wurden begonnen, hier sollen zwei chirurgische, eine traumatologische, eine gynäkologische, eine neurochirurgische, eine otolaringologische Abteilung entstehen, sowie eine Sofortkardiologie, eine therapeutische und Rehabilitationsabteilung. Die Beendigung der Arbeiten war für Ende Mai 2002 geplant, dem Tempo der Arbeiten nach zu urteilen wird der Plan jedoch nicht eingehalten.

Die Energieversorgung des Krankenhauses erfolgt nicht kontinuierlich. So gab es im Januar drei aufeinander folgende Tage lang kein Licht, heute wird regelmäßig für einen Tag in der Woche der Strom abgestellt. Währenddessen nutzen die Ärzte einen autonomen Generator, der dem Krankenhaus vom Internationalen Roten Kreuz zu Verfügung gestellt wurde, dessen Leistung jedoch nur die Energieversorgung für Operation und Reanimation sicherstellen kann.

Für die Wasserversorgung des Krankenhauses sorgt eine polnische humanitäre Organisation. Mithilfe dieser Organisation wurden auf dem Gelände des Krankenhauses die sanitären Einrichtungen gebaut und werden die Krankenpflegerinnen bezahlt.

Nach den Angaben des stellvertretenden Chefarztes Naschchojev Rosambek Movsajevitsch funktionieren im Krankenhaus:

- zwei chirurgische Abteilungen, die laut Stellenplan auf 90 Betten ausgelegt sind
- eine traumatologische Abteilung mit 60 Betten
- eine gynäkologische Abteilung mit 60 Betten
- eine neurochirurgische Abteilung mit 30 Betten
- die Kiefer- und Gesichtschirurgie mit 15 Betten
- die Therapie mit 30 Betten
- die Reanimation mit 9 Betten.

Außerdem arbeitet die Notfallaufnahme, wo täglich bis zu 15 Menschen behandelt werden.

Neben dem 9. Krankenhaus funktioniert die Polyklinik, die allein in der vergangenen Woche (vom 18. bis 23. Februar) 623 Menschen aufnahm.

Die Arbeit des Zentrums für Blutspende ist noch nicht eingerichtet. Blut für die Kranken wird vor allem von ihren Verwandten gespendet. In extremen Situationen ist es oft notwendig sich mit dieser Bitte an die Mitarbeiter des ROVD (die örtliche Polizei) zu wenden, deren Stützpunkt sich neben dem Krankenhaus befindet.

Die hauptsächlichen Probleme des Krankenhauses sind nach den Angaben des Arztes Naschchojev:

- das Fehlen von diagnostischer Ausrüstung, insbesondere von neurochirurgischer und Endoskopieapparaten. Die Nutzung von kürzlich eingetroffener Ausstattung ist wegen ihrer Unvollständigkeit nicht möglich.

- das Fehlen von Fachspezialisten: in der gesamten Republik gibt es nur einen Spezialisten für Neurochirurgie; es gibt keinen einzigen Fluorographen.

- die Unsicherheit sowohl der Ärzte wie der Patienten.

Nach Beobachtungen der Ärzte häufen sich in der Republik Fälle von Tuberkulose-Erkrankungen (für Untersuchungen solcher Patienten gibt es im Krankenhaus nicht einmal die entsprechende Ausstattung), von Krebs- und Schilddrüsenerkrankungen, es gibt viele Fälle von gynäkologischen Krankheiten, ebenso wie von Herzgefäßpathologie, Lebererkrankungen (eine Folge der schlechten Ernährung), kardiologischen und neurologischen Erkrankungen und Diabetes. Viele Erkrankungen sind durch die schweren Verhältnisse in der Republik bedingt.

Sehr viele Menschen werden mit von Minen verursachten Verletzungen in die Krankenhäuser eingeliefert. Im 9. städtischen Krankenhaus werden im Durchschnitt 60 Menschen mit solchen Verletzungen im Monat aufgenommen. Allein an einem Tag, am 24. Februar, wurden 4 Patienten, die durch Minen verletzt wurden, im Krankenhaus eingeliefert.

Das Gehalt der Ärzte und des medizinischen Personals ist gering, es wird aber regelmäßig und pünktlich ausgezahlt.

Die Bildungseinrichtungen der Stadt Grosnij

Nach den Angaben des stellvertretenden Leiters des Departements für Bildung der Stadt Grosnij, Omarov Sultan Achmadovitsch, funktionieren derzeit 45 Schulen in der Stadt, von denen die Mehrzahl nicht wiederaufgebaut ist. Die Klassenräume, in denen die Kinder lernen, wurden mit vereinten Kräften von Lehrern, Eltern und den Schülern selbst in Ordnung gebracht, damit dort der Unterricht stattfinden kann. Nach dem föderalen Zielprogramm sollten im Jahr 2001 15 Schulen wiederhergestellt werden. Allerdings wurden in 12 von diesen Schulen, in denen mit Wiederaufbauarbeiten begonnen wurde, bis heute die Arbeiten nicht fertiggestellt. In den schon arbeitenden Schulen Nr. 34 und Nr. 50 und dem Internat Nr. 1 wurde der versprochene Wiederaufbau noch nicht einmal in Angriff genommen. In dem selben Programm ist für das Jahr 2002 die Wiederherstellung von 22 weiteren Schulen geplant. Vor dem Hintergrund all dieser Probleme freut es besonders, dass die Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten in den Schulen vorangehen, die von internationalen Organisationen wiederhergestellt werden. So wird die Schule Nr. 16 von der Organisation "Dänischer Rat" und die Schule Nr. 7 von der tschechischen Organisation "Mensch in Not" wiederaufgebaut. Am ersten Januar dieses Schuljahres lernten in den arbeitenden Schulen der Stadt Grosnij 19718 Schüler und Schülerinnen.

Bis zum ersten Krieg im Jahr 1994 wurden in den Schulen der Stadt Grosnij 39797 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Im ersten Semester des Schuljahres 2001/2002 wurden 1709 Schüler und Schülerinnen in die Schulen der Stadt aufgenommen, während im selben Zeitraum 1909 Schülerinnen und Schüler abgingen, d.h. ihre Zahl verringerte sich um 200. Die Hauptprobleme in den Schulen sind das Fehlen von Unterrichtsmaterialien und der Mangel an Fachkräften.

Im Durchschnitt sind die ersten bis elften Klassen der Stadt Grosnij zu 31,5% bei einem Bedarf von 185150 Stück mit Lehrbüchern versorgt. Von den 82633 Lehrbüchern, die in den Jahren 2000/2001 zur Verfügung gestellt wurden, sind 19379 für die Arbeit nicht zu verwenden, aus dem einfachen Grunde, dass sie nicht dem Programm entsprechen. Es gibt praktisch keine Lehrbücher für den Muttersprach- und Literaturunterricht, was die Arbeit der Lehrer in den Klassen und die Erledigung der Hausaufgaben für die Kinder erschwert.

Die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer betrug zu Beginn des Schuljahres 1217, am Ende des ersten Halbjahres war sie auf 1394 Personen gestiegen. Den Anstieg der Zahl der qualifizierten Lehrer und Lehrerinnen, die eine Stelle annehmen, bringt der stellvertretende Leiter des Departements für Bildung, Omarov Sultan, mit der Erhöhung des Gehalts in Verbindung. Das Gehalt für Lehrerinnen und Lehrer wird seit Januar ausgezahlt, ebenso wie die gesamte Schuldenlast aus den Jahren 2000 bis 2002 getilgt wurde.

Die soziale Situation im Gebiet Urus-Martanovskij

Das Gebiet Urus-Martanovskij mit dem Kreiszentrum Urus-Martan liegt im Gebirgsvorland der tschetschenischen Republik. Seine Bevölkerung zählt um die 103000 Menschen. Das sind ungefähr 10% der Bevölkerung der Republik. In diesem Gebiet liegen die Siedlungen Alchan-jurt, Alchazurovo, Gechi, Gechi-tschu, Goj-tschu (das ehemalige Komsomolskoje), Gojskoje, Gojty, Martan-Tschu, Roschin-Tschu, Schalaschi, Tangi-Tschu, sowie die Niederlassungen namens Mitschirina und Krasnopartisanskij. Im Verlauf der Kriegshandlungen wurden fast alle Ortschaften zerstört. Am schwersten wurde die Siedlung Goj-tschu (das ehemalige Komsomolskoje) in Mitleidenschaft gezogen. Sie wurde vollständig zerstört. Schwere Zerstörungen gab es in der Kreisstadt Urus-Martan und in den Siedlungen Alchan-Jurt und Gechi-tschu. 1996 wurde auch die Ortschaft Gojskoje durch Kriegshandlungen vollständig zerstört. In den Jahren 1996 bis 1999 wurde sie teilweise wiederaufgebaut. Im gesamten Gebiet wurden nach den Angaben der Gebietsadministration 8253 Häuser zerstört. Von seiten der Obrigkeit wurden im Verlauf der Jahre 2000/2001 fast keine Arbeiten zum Wiederaufbau der zerstörten Unterkünfte durchgeführt. Hilfe wurde den Betroffenen allein vom Dänischen Flüchtlingsrat geleistet. Diese humanitäre Organisation verteilte in der Ortschaft Goj-tschu an ungefähr 300 Familien Baumaterial. Seit dem Herbst 2001 begann die Finanzierung des Wiederaufbaus von Wohnungen auch von seiten der staatlichen Organe - für die Direktion der Bau- und Wiederaufbauarbeiten wurden Mängellisten und Listen von Wohneigentum, das zur Wiedererrichtung bestimmt ist, zusammengestellt. Allerdings ist dieses Verzeichnis nicht sehr umfangreich. So werden in der Siedlung Gojskoje voraussichtlich 16 Häuser wiederaufgebaut. Seit Beginn des Jahres 2002 sind die Bauarbeiten unterbrochen, es ist geplant, die Arbeiten Anfang März vorzusetzen.

Das Gebiet Urus-Martanov ist ein landwirtschaftliches Gebiet. Hier gibt es keine großen industriellen Unternehmen. Die arbeitsfähige Bevölkerung ist mehrheitlich arbeitslos. Zum Ende des Jahres 2001 begann die Registrierung der Arbeitslosen, am 1. Februar 2002 waren bereits 4056 Menschen als arbeitslos registriert und noch ist die Registrierung nicht abgeschlossen. Wer sich als arbeitslos hat registrieren lassen, bekommt eine Unterstützung in der Höhe von 100 Rubel im Monat.

Im Gebiet Urus-Martanov gibt es 29 funktionierende Schulen, in denen 19224 Schüler und Schülerinnen unterrichtet werden. Während der Kriegshandlungen wurden Schulen in den Ortschaften Alchan-jurt, Goj-tschu und Gojskoje zerstört. Drei Schulen in diesen Siedlungen wurden nicht wiederaufgebaut und in dem Gebäude der Internatsschule befindet sich die Abteilung des Inneren des Gebietes Urus-Martanov.

Die Verwaltung des Rentenfonds des Gebietes Urus-Martanov hat die geschuldeten Renten für die gesamte vorangegangene Periode ausgezahlt. Die laufenden Auszahlungen erfolgen regelmäßig. Im Gebiet leben 17437 Pensionäre.

In den Siedlungen des Gebietes arbeiten fünf Krankenhäuser. In der Kreisstadt Urus-Martan befindet sich das zentrale Gebietskrankenhaus. Im Laufe der Kriegshandlungen wurde es nicht zerstört. Allerdings ist auch hier der Mangel an medizinischer Ausrüstung, Materialien und Medikamenten schmerzlich zu spüren. So steht wegen des Fehlens von Filmen das Röntgenkabinett oft still, obwohl nach den Angaben der Ärzte ungefähr 1 % der Bevölkerung an Tuberkulose erkrankt ist. Ebenso fehlt es an qualifizierten Ärzten.

In den Siedlungen des Gebietes Urus-Martanov gibt es viele Binnenmigranten, nach offiziellen Angaben sind 28870 Menschen als solche registriert. Es sind Einwohner der Ortschaft Goj-tschu, der Stadt Grosnij und anderer Siedlungen. Augenblicklich erhalten diese Menschen Hilfe vom Dänischen Flüchtlingsrat und vom Internationalen Roten Kreuz, aber diese Hilfe ist nicht ausreichend.