VORURTEILE INS ABSEITS – EIN DEUTSCH-RUSSISCHES JUGENDPROJEKT GEGEN ANTIZIGANISMUS

Ihr seid 17 bis 21 Jahre alt, habt Lust, in die Geschichte zu schauen, um die Gegenwart zu verstehen, wolltet schon immer mal nach Russland und interessiert Euch dafür, wie Eure Peers in St. Petersburg mit Diskriminierung umgehen? Dann bewerbt Euch jetzt für eine Jugendbegegnung in St. Petersburg (Russland) und Berlin zum Thema Antiziganismus!

Das erwartet Euch:

Eine spannende Auseinandersetzung mit der Frage: Warum werden manche Gruppen diskriminiert? Wie können wir dem wirkungsvoll begegnen? Woher kommen unsere Vorurteile, Klischees und Mythen über Sinti und Roma?

Ihr besucht Gedenkstätten der Verfolgung von Sinti und Roma, führt Interviews mit Zeitzeugen in St. Petersburg und Berlin und sprecht mit Politikern, die in Eurer Stadt für das Zusammenleben mit den unterschiedlichsten Minderheiten verantwortlich sind. Ihr gestaltet eine Radiosendung, lernt von zivilgesellschaftlichen Organisationen in beiden Städten deren Projekte gegen Diskriminierung kennen, erfahrt, wie Ihr Euch selbst engagieren könnt, lernt aktive Menschen kennen, die wie ihr die Welt verändern möchten, und noch vieles mehr…

Teilnehmende: 10 Jugendliche aus Deutschland, 10 Jugendliche aus Russland, vier Teamer.

Wann und Wo:

05. bis 11. Oktober 2017 in St. Petersburg;

30. Oktober bis 05. November 2017 in Berlin


Euer Beitrag: 180 EUR für das gesamte Programm inkl. Reisekosten. Aktive Teilnahme bei der Gestaltung der Radiosendung.

So bewerbt Ihr Euch: Füllt den Anmeldebogen aus und schickt ihn an: info@memorial.de. Bei Fragen ruft an: 0176 81118273.

 

 

Vorurteile ins Abseits - Projektbericht 2016

 

Ein deutsch-russisches Jugendprojekt gegen Antiziganismus

Wo: in Berlin und St.Petersburg.

Wann: Januar bis März 2016

    

Warum dieses Projekt?

Deutsch-Russische Aufarbeitungsprojekte zu Antiziganismus sind bisher kaum durchgeführt worden. In beiden Ländern fehlt noch immer eine umfasssende Aufarbeitung und Anerkennung der Verfolgung von Rroma in der NS-Zeit. Die Beschäftigung mit der Situation von Rroma damals und heute in dem Projekt sollte dazu beitragen, das Bewusstsein für das erlittene Unrecht zu schärfen und die Gruppe der Rroma in der Erinnerungskultur zu verankern. Dies wird als Voraussetzung dafür angesehen, die andauernde Diskriminierung der Gruppe abzubauen und sie in ihrer Identität zu stärken.

Zudem sollte in einer Zeit erheblicher Spannungen zwischen Europa und Russland der unmittelbare Kontakt zwischen Jugendlichen beider Länder einen, wenn auch kleinen, Beitrag zur europäischen Verständigung leisten. Ziel war es außerdem, die russischen Projektpartner, die mit ihrem  zivilgesellschaftlichen Engagement gegen Diskriminierung derzeit unter erheblichem Druck stehen, durch die bilaterale Zusammenarbeit zu stärken.

Wer waren die Partner?

MEMORIAL Deutschland e.V. beschäftigt sich v.a. mit der historischen Aufarbeitung der Gewaltherrschaft des Kommunismus, der Aufklärung über die aktuelle Menschenrechtssituation in Russland und der Unterstützung gesellschaftlicher Projekte der Partnerorganisationen in Russland. Die Partnerschaft zu den Deti Peterburga entstand durch langjährige Kontakte zu unserer Partnerorganisation Antidiskriminierungszentrum Memorial (ADZ Memorial), die mit Deti Peterburga eng zusammen arbeitet. Das ADZ hat sich als juristische Person,  nachdem es 2014  als „ausländischer Agent“ deklariert wurde, aufgelöst. Einige seiner Projekte führt nun Deti Peterburga fort. Von deutscher Seite arbeiten wir zusammen mit AspE, einem Berliner Verein, der seit Jahren in Neukölln erfolgreich Projekte gegen Diskriminierung von Rroma koordiniert.  So hatten wir für dieses Projekt auf beiden Seiten hervorragende Kompetenz und Expertise.

Worum ging es im Projekt?

Im Projekt beschäftigten sich die Jugendlichen in St. Petersburg und Berlin mit Herkunft, Kultur und Verfolgungsgeschichte von Roma und Sinti. Sie besuchten gemeinsam Gedenkorte von Rroma und verglichen Formen des Gedenkens in den beiden Ländern. Zudem gingen sie der Frage nach, ob Ursachen und Mechanismen der Diskriminierung von Rroma heute und damals vergleichbar sind und welche Funktion Antiziganismus in beiden Ländern haben könnte.

In einem zweiten Schritt recherchierten sie die gegenwärtige soziale Situation von Rroma in den beiden Städten. Dazu führten sie mit der Berliner Grünenabgeordneten Susanna Kahlefeld und anderen gesellschaftlichen Akteuren Gespräche zur aktuellen Situation von Rroma in ihrer Stadt. Sie lernten best-practice-Beispiele zivilgesellschaftlicher Organisationen von und für Rroma kennen und erkundeten Formen der politischen Teilhabe und des Empowerments von Rroma. Damit gingen sie der Frage nach, wie diskriminierte Gruppen mittels zivilgesellschaftlicher Aktivitäten gestärkt werden können.

Außerdem sprachen sie in St. Petersburg mit Rromastudenten und vergleichen die Lebensgeschichten von Rroma in Deutschland und Russland in Bezug auf deren gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Welche handfesten Ergebnisse gibt es?

Die Jugendlichen erstellten mit Unterstützung von Radio Alte Feuerwache eine Radiosendung über das einwöchige Seminar in Berlin. Die gekürzte, gemafreie Fassung vermittelt einen erfrischenden Gesamteindruck von den Erlebnissen und Erkenntnissen der Jugendlichen und kann hier nachgehört werden. Das Interview mit der Berliner Grünenabgeordneten Susanna Kahlefeld ist zweisprachig hier abrufbar. In St. Petersburg entwickelten die Jugendlichen anhand ihrer Erfahrungen mit dem Thema Antiziganismus Sujets, die sie dann zu zwei kreativen, sehenswerten Stop-Motion-Videos montierten: Mein Zuhause/Мой дом und Trash/мусор.

Und so äußerten sie sich, gefragt nach ihrer Einschätzung der zweiwöchigen Jugendbegegnung:

Rückblicke der Teilnehmenden des Jugendaustauschs «Vorurteile ins Abseits» 2016

Jule

Welche Momente möchte ich vom Jugendaustausch zum Thema Antiziganismus besonders in Erinnerung behalten?

Ehrlich gesagt die Abende an denen wir zusammen gesessen haben, Karten gespielt haben und weggegangen sind.

Was hat mich vor allem erstaunt?

Die Einstellung der russischen Jugendlichen und ihre Ansichten über das Thema. Ich fand, es waren oft sehr grundlegende Meinungen. Wie, dass Menschenrechte überall immer vertreten sein müssen, also auch in sogenannten Tabors von Rroma gewahrt werden müssen. Auch die Haltung, dass eigentlich der und jede Verantwortung hat als Teil unserer Gesellschaft und somit eigentlich auch jeder und jede politisch ist. In Russland schien Antiziganismus ebenso unbekannt, wenn nicht noch unbekannter, als in Deutschland zu sein. Unsere Diskussionen in Russland mit Jugendlichen und mit Rroma-Studenten haben mir gezeigt: Diskriminierung, die geleugnet wird, ist nicht da, der erste Schritt ist, sie zu erkennen. Menschen, die keine Diskriminierung sehen wollen, diskriminieren.

Was können zukünftige Teilnehmer von diesem Jugendaustausch erwarten?

Kulturellen Austausch! Und zwar auf allen Ebenen!

Юлэ

Какие моменты во время молодёжного обмена по теме антидискриминации цыган я хотела бы особенно запомнить?

Честно говоря, это были те вечера, когда мы ходили вместе ужинать, играли в карты и посещали вечеринки.

Что удивило меня больше всего?

Отношение русских подростков и их взгляд на эту тему. Я думаю, что это были часто очень правильные мнения.
К примеру, человеческие права, всегда и везде должны быть защищены, в том числе в так называемых цыганских таборах.
У всех позиция о том, что каждый человек является частью нашего общества и несёт ответственность за него. Оказалось, что в России тема антидискриминации цыган не более известена, чем в Германии.
Также из наших разговоров с подростками из России и студентами-цыганами я сделала вывод: дискриминация, которую отрицают, существует. Первый шаг заключается в том, что её необходимо осознать. Люди, которые не хотят видеть дискриминацию, могут сами и применять её.

Что могут будущие участники этого обмена подростков ожидать?

Культурного обмена! И это во всех сферах!

Нигора

Этой зимой я совершенно случайно оказалась на конференции, посвященной проблеме, о которой я ничего до этого не знала. Проблема дискриминации цыган нечасто выходит на широкое обсуждение, поэтому этот семинар оказался отличной возможностью узнать о проблеме больше, обсудить тонкости этого вопроса с людьми, которые знакомы не только с современной обстановкой, но и с историей данной проблемы, и задуматься над проблемой дискриминации синти и рома не в стране в целом, а хотя бы, для начала, в кругу друзей.

Nigora

In diesem Sommer hatte ich das große Glück, an einem Seminar teilnehmen zu können, das sich einem Problem annahm, über das ich bisher nichts gewusst hatte. Dem Problem der Diskriminierung von Rroma wird nicht oft so viel Raum gewidmet, deshalb bot dieses Seminar eine ausgezeichnete Möglichkeit, darüber mehr zu erfahren, die Komplexität dieser Frage mit Leuten zu diskutieren, die sich sowohl mit der aktuellen Situation als auch der Geschichte dieses Problems auskennen und über die Diskriminierung von Rroma nicht nur im Land insgesamt, sondern auch mal im eigenen Freundeskreis nachzudenken.

Анна

В преддверии поездки на семинар в Берлин в моей голове витало очень много вопросов о предстоящем событии, можно сказать - некоторый страх по поводу как нас примут, как мы будем коммуницировать. Но мои страхи и опасения не оправдались. Мы попали в удивительно дружную и приветственную атмосферу. Вместе получали новые знания и делились опытом с нашими немецкими ровесниками. Это были незабываемые обсуждения и исследования. Более всего мне понравилась практическая работа - для нашей группы это было интервью с жителями и гостями Берлина на тему антидискриминации цыган. 
Такой формат семинара очень познавательный и увлекательный. Но было бы здорово добавить больше практических действий, ведь когда ты видишь положительный продукт своих действий - ты видишь результат.

Anna

Vor der Reise zum Seminar nach Berlin kreisten in meinem Kopf viele Fragen herum über das, was mich dort wohl erwarten würde. Ich hatte sogar ein wenig Sorge, ob wir wohl gut aufgenommen werden würden und wie sich die Kommunikation gestalten würde. Aber meine Ängste und Befürchtungen waren ganz umsonst. Wir wurden erstaunlich freundschaftlich und herzlich aufgenommen. Zusammen lernten wir viel Neues und tauschten uns mit unseren deutschen peers aus. Wir hatten unvergessliche Diskussionen und Recherchen. Am meisten haben mir die empirischen Teile gefallen –  unsere Gruppe führte Straßeninterviews mit Bewohnern und Gästen der Stadt zum Thema Antiziganismus.

Eine derartige Methode bei einem Seminar ist sehr erkenntnisreich und spannend. Man sollte noch viel mehr aktiv werden, denn wenn man die positiven Auswirkungen seiner Handlungen sieht, dann weiß man, wofür man etwas tut.

 

Влад

Я хочу передать "спасибо" организации MEMORIAL Deutschland, за предоставленную возможность увидеть изнутри германскую культуру. Было познавательно и интересно присутствовать на лекциях по правам цыган, в ходе которых я узнал много нового. 2 части семинара (Берлин/Санкт-Петербург) были отлично спланированы и имели качественную программу. Мне повезло, что я получил возможность участвовать в этом проекте.

Vlad

Ich danke der Organisation MEMORIAL Deutschland, dass sie es möglich gemacht hat, die deutsche Kultur von innen zu erleben. Für mich waren die Vorträge zu den Rroma spannend und erkenntnisreich, ich habe vieles erstmalig gehört. Die beiden Seminarwochen in Berlin und St. Petersburg waren hervorragend vorbereitet und hatten ein qualitativ hochwertiges Programm. Für mich war es ein großes Glück, dass ich an diesem Projekt teilnehmen durfte.

Дарья

В феврале и марте этого года посчастливилось поучаствовать в русско-немецком обмене-семинаре. Две недели еще никогда не проходили у меня так продуктивно! Ни в какой текст не уместить того, что я чувствовала после того, как семинар кончился. Такие мероприятия, как этот семинар, позволяют приоткрыть завесу перед такой сложной и малоизвестной темой, как жизнь рома. Спасибо всем организаторам, милой Марит, спасибо участникам, людям, рассказывающим нам о рома!

Daria

Ich hatte das Glück, im Februar und März an einem russisch-deutschen Austausch teilnehmen zu können. Noch nie zuvor habe ich zwei so produktive Wochen erlebt! Ich kann nicht in Worte fassen, was ich am Ende des Seminars fühlte. Veranstaltungen, wie dieses Seminar ermöglichen es, den Schleier über einem derart schwierigen und wenig bekannten Thema, wie es das Leben der Rroma darstellt, zu heben. Vielen Dank allen Organisatoren, der liebenswerten Marit, den Teilnehmenden und allen, die uns über Rroma erzählt haben!

Ульяна

Не передать словами всех впечатлений и эмоций. Хочу выразить организаторам слова благодарности за большой объем знаний по освещаемой теме, а также за созданную дружескую атмосферу среди участников! Каждый день был наполнен интересной и увлекательной программой, что позволило нам досконально разобрать проблему антицыганизма. Я очень рада, что у меня была возможность принять участие в этом семинаре!

Uljana

Alle Eindrücke und Gefühle in Worte zu fassen ist schier unmöglich! Ich möchte den Organisatoren für die umfangreiche Vermittlung des Themas sowie die freundschaftliche Atmosphäre unter den Teilnehmenden herzlich danken! Jeder Tag war angefüllt mit einem spannenden Programm, das es uns ermöglichte, uns intensiv und tiefgründig mit dem Thema Antiziganismus auseinander zu setzen. Ich bin sehr froh darüber, dass ich die Gelegenheit bekommen habe, an diesem Programm teilzunehmen!

Lisa Maria

Als ich mich für die Deutsch - Russische - Begegnung zum Thema "Antiziganismus" angemeldet hatte, war es eigentlich schon zu spät und ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, noch angenommen zu werden. Umso mehr habe ich mich gefreut, als die E-Mail eintraf, in welcher stand, dass ich dabei war und dieses Erlebnis mitmachen durfte.

Unser erstes Treffen hatten wir in Berlin und wir haben gerade mal einen Nachmittag und Abend gebraucht, um zu einer Gruppe zusammenzuwachsen. Ich hab tolle Leute kennengelernt und die Sprachbarriere in den deutsch - russisch gemischten Zimmern wurde recht schnell überwunden. Wenn Englisch nicht mehr weiter half, dann kamen eben die Pantomimekünste zum Einsatz ;)...

Wir haben tolle Ausflüge gemacht und konnten so unsere Hauptstadt nochmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen. Wir waren zum Beispiel im Reichstagsgebäude, haben eine Organisation besucht, die Rromafamilien bei ihrem Neustart in Deutschland unterstützt, wie zum Beispiel bei der Jobsuche oder wenn die Kinder Probleme in der Schule haben. Außerdem waren wir noch im KZ Sachsenhausen, wohin im zweiten Weltkrieg auch Sinti und Roma deportiert worden waren. 

Wenn wir Freizeit hatten, dann haben wir uns gegenseitig Kartenspiele beigebracht, gelacht, wir waren shoppen und dann abends in Bars und auf Partys. Aber wir konnten uns auch über ernste Themen unterhalten, wie wir beispielsweise Putins Politik finden oder was wir als In - und Ausländer zu der Flüchtlingskrise denken. 

Es war eine wirkliche tolle Woche gewesen, in der sich schon Freundschaften gebildet hatten und die unsere Vorfreude auf St. Petersburg noch gesteigert hatte. 

Лиза Мария

Когда я записалась на немецко-русскую встречу по теме "Антидискриминация цыган", вообще-то было уже поздно и я не рассчитивала, что меня ещё примут.
Я очень обрадовалась, когда пришло письмо по электронной почте, в котором было написано, что мне можно участвовать в этой программе. Первая встреча состоялась в Берлине, и нам понадобился всего лишь один день, чтобы познакомиться и сдружиться.
Я познакомилась с классными ребятами, и языковой барьер в немецко-русском общении был быстро преодолен. Но когда мы даже по-английски не могли понять друг друга, приходилось проявлять свои умения в пантомиме ;)...
У нас были замечательные экскурсии, и мы смогли увидеть столицу Германии с другой стороны. Например мы посещали Рейхстаг и организацию, которая поддерживает цыганские семьи, помогает им устроиться в Германии, найти работу, а также помогает детям с проблемами в школе.
Кроме того мы посещали концентрационный лагерь Заксенхаузен, куда во врема Второй мировой войны депортирывали цыган.
Когда у нас было свободное время, мы играли в карты, веселились, ходили по магазинам и вечером в бары и на вечеринки.
Но мы также общались на серьёзные темы, например, какой у нас взтляд на политику Путина, или как мы относимся к наплыву беженцов.
Это была действительно потрясающая неделя, за которую появились новые друзья и предвкушение радости перед поездкой в Санкт Петербург усиливалось всё больше и больше.

Violetta

Nach der ersten Woche in Berlin war ich aufgeregt und freute mich sehr darauf, die ganze Gruppe wieder zu sehen und zudem auch noch eine so beeindruckende und tolle Stadt kennenzulernen. (...) Wir waren dann alle zusammen in einem usbekischen Restaurant essen und haben unser Wiedersehen gefeiert. (...) Es kam sofort ein familiäres Feeling auf und ich fühlte mich gleich heimisch. Unser Hostel war total süß, auch wenn man bei der Eingangstür zuerst an eine Kellertür denken könnte. In St. Petersburg ist alles viel größer und die Architektur ist sehr beeindruckend. Die Woche über haben wir sehr interessante Dinge unternommen und besprochen. Wir haben in der Schwedischen Kirche nahe des Newsky Prospekt sehr viel über die Roma in ganz Europa erfahren und somit konnten meinerseits noch einige Fragen beantwortet werden. Wir haben das Drehbuch für einen Cartoon geschrieben und überlegt mit welchen Mitteln wir unsere Ideen bezüglich der Roma in ganz Europa und der Vourteile, die immer noch über sie herrschen, am besten rüber bringen können. Anschließend haben wir den Cartoon mit der Stop - Motion Technik gefilmt und später dann zusammengeschnitten. Wir wollten mit unseren Filmchen auf diese Problematik aufmerksam machen. Es war eine sehr schöne Woche mit guten Freunden, wunderbaren neuen Erfahrungen, sehr langen Spaziergängen ;) und coolen Partys wie sie nur in Russland stattfinden können. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung und empfehle es jedem, der offen für neue Erlebnisse ist und vielleicht auch mit seinen eigenen kleinen Vorurteilen im Kopf aufräumen möchte.

Виолетта

После первой недели в Берлине я была рада увидеть опять всю группу, а также познакомиться с таким впечатляющим и потрясающим городом. Уже сама поездка была приключением ;)

После немного тряского полета мы поехали на общественном транспорте в хостел, в центр города. Если ехать на метро, тогда надо привыкнуть к тому, что надо достаточно долго подниматься или спускаться на эскалаторе, так как туннели находятся примерно 100 метров под землёй (я думаю, если эскалатор как-нибудь сломается, дневной фитнес отменяется ;) А ещё люди выходят из дверей, находящихся в стенах. Было здорово увидеться опять со всеми. Мы все вместе пошли в узбекский ресторан и праздновали нашу встречу. Хозяева дали нам традиционную одежду и головные уборы, в которые мы переоделись. Сразу почувствовалась семейная атмосфера, я чувствовала себя как дома. Наш хостел был очень милый, несмотря на то что дверь выглядела как вход в подвал. В Санкт-Петербурге все гораздо больше, и архитектура очень впечатляет. На протяжении этой недели мы занимались очень интересными делами и много чего обсуждали. В Шведской церкве около Невского проспекта мы узнали много о цыганах во всей Европе, я получила ответы на многие мои вопросы. Мы написали сценарий мультфильма и думали о том, какими способами мы могли бы помочь положению цыган в Европе, а ещё о том, как бороться с предрассудками, которые всё ещё существуют. Затем мы снимали мультфильм с помощью особой техники. С помошью этого короткого фильма мы хотели обратить внимание на данную проблему. Прошла отличная неделя с друзьями, прекрасным новым опытом и очень длительными прогулками ;) И, конечно же, крутыми вечеринками, какие бывают только в России... Я очень благодарна за этот опыт и рекомендую такие семинары каждому, кто готов (-а) к чему-то новому и хочет избавиться от предрассудков в своей голове.

Wolfram

Der Jugendaustausch war für mich eine wirklich bis dahin einzigartige Erfahrung. Die zahlreichen Eindrücke, Informationen, Gespräche und Unternehmungen haben diese beiden Wochen zu einer sehr nahrhaften Zeit für den Geist gemacht. Die Gruppe war sehr harmonisch und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mich mit jedem einzelnen zu unterhalten. Vor allem war es interessant, wie zwei verschiedene Kulturen über ein Thema diskutieren und wie viel dabei herauskommen kann.

Alles in allem ein wirklich tolles und sehr gelungenes Projekt!

Волфрам

Молодёжный обмен стал для меня поистине уникальным опытом. Бесчисленные впечатления, различная информация, разговоры и поездки за эти две недели стали настоящей пищей для ума. У нас была замечательная группа, и для меня было большим удовольствием общаться с каждым из участников и участниц. Прежде всего, было интересно, как люди из двух разных культур дискутируют по данной теме, и как много может из этого получиться. В общем и целом, это действительно замечательный и удачный проект!

Das Projekt wird gefördert im Programm EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ). 
Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der Autor die Verantwortung.

 

 

 

 

Menschenrechtsmonitoring in der Ukraine

Zwischen den Fronten.

MEMORIAL Deutschland beteiligt sich an einer vom DRA
koordinierten internationalen Beobachtermission in der
Ostukraine.

Von MARIT CREMER


Bericht als PDF

 

Während Westeuropa mit Quoten die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und

Eritrea zu regeln versucht, nimmt die Krise im Osten der Ukraine ihren stillen Verlauf. Anderthalb

Millionen Binnenflüchtlinge suchen eine sichere Bleibe, dazu etwas, das sie ernährt. Perspektive ist

hier ein zu großes Wort. Seit der vereinbarten Waffenruhe zum Schulbeginn am 1. September sind

Schüsse tatsächlich fast nur noch von Übungsplätzen her zu hören. Die Anspannung in den frontnahen

Gebieten entlang der Grenze zur sog. Luhansker Volksrepublik (LVR) steht Bewohnern und

Streitkräften jedoch auch in diesen Tagen ins Gesicht geschrieben und ist an jedem Checkpoint

überdeutlich zu spüren. Viele der Siedlungen und Dörfer entlang der Demarkationslinie erleben

seit anderthalben Jahren permanenten Beschuss. Manche Tage fallen aufgrund der Heftigkeit der

Kämpfe aus den gewohnten Scharmützeln heraus und werden mit Datum erinnert. Die letzten

fanden am 23.08. unmittelbar vor dem ukrainischen Unabhängigkeitstag statt. Waffenruhe? Die ist

nicht die erste und warum soll ausgerechnet diese halten? Keine Grundlage, Entwarnung zu geben

und die Hab-acht-Stellung zu verlassen.


Haus in Zolotoe, September 2015


Zolotoe – die Goldene - die Ortsnamen in dieser Gegend wollen oft so gar nicht zum ärmlichen

Erscheinungsbild passen. Ein ukrainischer Menschenrechtsaktivist in unserer Beobachtermission

kommentiert diesen Fakt mit den Worten: Je abweisender eine Ortschaft, desto poetischer ihr

Name. Zolotoe ist ein Konglomerat aus fünf im 19. Jahrhundert um Kohleminen herum entstandenen

Siedlungen, die durchnummeriert zu einer Verwaltungseinheit mit insgesamt etwa 14.000

Einwohnern zusammengefasst wurden. Die Zolotoe eins bis vier liegen auf ukrainisch kontrolliertem

Gebiet, Zolotoe fünf ist bereits Teil der sog. Luhansker Volkrepublik. Über die Frontlinie

hinweg huschen täglich bis zu vierhundert Fußgänger, beladen mit großen Taschen voll Allerlei.

Angesprochen auf ihr riskantes Tun eilen sie nur noch schneller den Pfad Richtung Separatistengebiet

entlang. Eine junge Frau, die sich schließlich als Freiwillige einer humanitären Organisation

outet, gibt im Weitergehen und hinter vorgehaltener Hand Auskunft: sie bringe ihrer Mutter, die sie

seit Monaten nicht gesehen hat und die „auf der anderen Seite“ lebt, Gemüse und Obst aus dem

Garten. Der Frontverlauf hat Familien und Ökonomien geteilt. Ob man hüben oder drüben wohnt,

ist vor allem eine Frage des Wohnraums. Während die einen zwar eine Wohnung, aber keinen Job

haben, weil der nun drüben und unerreichbar ist oder die Betriebe stillgelegt sind, leben die anderen

in den Resten ihres zerstörten Hauses, aber könnten mit den Erträgen aus ihren Gemüsegärten

die Verwandten auf der anderen Seite miternähren. Die Lebenshaltungskosten in der isolierten sog.

LVR sind drei bis vier Mal höher, auch daraus erklärt sich der Drang des hochriskanten Lebensmitteltransfers

über die grüne Grenze.

 

Zolotoe, September 2015

 

Ganz ähnlich stellt sich die Situation in der Kreisstadt Stanica Luhanska dar, ebenfalls direkt an der

Grenze zur sog. LVR und einen Steinwurf von Luhansk entfernt. Vor dem Krieg lebten hier etwa

15.000 Einwohner, bei einer Zählung Mitte August registrierte das Internationale Rote Kreuz noch

7.200. Wegen des häufigen Beschusses leben kaum Binnenflüchtlinge hier. Zu Friedenszeiten

versorgten die Bewohner aus dem ländlichen Umkreis von Luhansk die Stadt mit ihren Erträgen

aus der Landwirtschaft. Während in diesem Jahr die Erdbeerernte noch zu Geld gemacht werden

konnte, ist Kürbissen, Tomaten und Weintrauben der Weg durch die inzwischen vollständig geschlossene

Grenze verwehrt. Damit ist für viele die einzige Einkommensquelle verloren gegangen.

Wie in Krisenzeiten üblich, haben ein paar Zwischenhändler ihre Chance erkannt und kaufen den

Landwirten ihre schnell verderblichen Waren zu Dumpingpreisen ab, um sie über Schlaglochpisten

und durch Dutzende Checkpoints hindurch auf den Markt ins 130 Kilometer entfernte Severodonetsk

zu bringen. Die Stadt ist das neue Verwaltungszentrum, sämtliche Behörden und zahlreiche

Nichtregierungsorgansiationen sind hierher umgezogen, nachdem Luhansk von Separatisten eingenommen

wurde. Allabendlich bei Einbruch der Dunkelheit lässt sich jedoch in Stanica Luhanska

an der halb zerstörten Brücke, die zur sog. LVR führt, ein seltsames Schauspiel beobachten. Dutzende

Frauen, Kinder und alte Menschen warten mit großen Taschen darauf, von den ukrainischen

Grenzern zu Fuß über die Brücke auf die andere Seite gelassen zu werden. Der Weg ist gefährlich,

die Grenzer wollen die Verantwortung nicht übernehmen, denn immer wieder gibt es Tote durch

Minen und Scharfschützen. Aus Mitleid lassen sie Wartende, die zu ihren Verwandten und ihren

Wohnungen drängen, dann und wann hinüber. Die Schließung des Grenzübergangs im Sommer

hatte ihren Sinn darin, dass der Transfer von Waffen und Kämpfern zwischen den Gebieten unterbunden

werden sollte. Wenn die Grenzer im Angesicht von bittenden Mütterchen dennoch immer

mal ein Auge zudrücken, gehen sie auch das Risiko von Anschlägen ein.

 

„Brücke gesprengt. Kein Durchgang.“, Stanica Luhanska

 

Als derzeit größtes Problem bezeichnet die Stadtverwaltung von Stanica Luhanska die Desinformation

der Bevölkerung in den frontnahen und besetzten Gebieten durch das Russische Fernsehen.

Polen hatte zu Beginn der Annexion der Krim Sendemasten und –anlagen für die Ostukraine zur

Verfügung gestellt, um dort ukrainisches Fernsehen zu installieren. Ein Jahr später liegt die gespendete

technische Ausrüstung noch immer im Zoll. Bis heute hat es die Ukraine nicht vermocht,

der übermächtigen russischen Einflussnahme im Osten des Landes ein eigenes flächendeckendes

Informationsprogramm entgegenzusetzen. Das wenige Vertrauen in ihre Institutionen setzt sie

überdies aufs Spiel, indem sie bei Fehltreffern der ukrainischen Armee ihre Verantwortung dafür

abstreitet. So geschehen bei einem Luftangriff vor einem Jahr auf die Polizeistation von Stanica

Luhanska, in der sich angeblich Separatisten aufhielten. Die waren längst weitergezogen. Getroffen

wurden stattdessen Dutzende Zivilisten und Polizisten.

 

Stanica Luhanska, Schevtschenkostraße

 

Die Hügel, die vom Fenster der Stadtverwaltung her zu sehen sind, gehören schon zur sog. LVR.

Ein schnelles Foto, dann wird die Gardine wegen möglicher Scharfschützen wieder zugezogen.

Der Zusatz „sogenannte“ wird niemals, auch nicht aus Bequemlichkeit, weggelassen. Prinzipien

sind ein tragendes Element in dieser Auseinandersetzung. Auf T-Shirts, Panzersperren, Werbetafeln

liest man Slogans wie „Donbass – das ist die Ukraine!“ oder „Von Tschop bis Luhansk – vereinigte

Ukraine!“ Tschop liegt im äußersten Westen der Ukraine an der Grenze zu Ungarn, Luhansk ganz

im Osten an der Grenze zu Russland. Die von Separatisten und Russland okkupierten Territorien

werden nicht als verloren akzeptiert. Vergleichbar der Berliner Mauer wurde hier eine Sperre mitten

durch Familien hindurch gezogen. Die meisten Männer im wehrfähigen Alter sind abgetaucht,

denn eine Einberufung hätte zur Folge, dass sie auf ihre Verwandten schießen müssten.

Obendrein ist ein Großteil der arbeitsfähigen Bevölkerung in die westlicher gelegenen Städte, wie

Charkiw, Saparoschje oder Kiew abgewandert. Dort werden Fachkräfte gern genommen. Geblieben

sind Rentner und mittellose Familien, die sich mit humanitärer Hilfe vom Internationalen Roten

Kreuz oder von ukrainischen Hilfsorganisationen über Wasser halten. Die ehemals dreißig Unternehmen

im Umkreis, deren Produktion zu einem wesentlichen Teil nach Luhansk ging, haben ihren

Betrieb wegen des weggebrochenen Absatzmarktes eingestellt. Den Fischbetrieben fehlte die

Wasserzufuhr, der Weizen ist beim Beschuss verbrannt, Felder konnten wegen Minen nicht rechtzeitig

bestellt oder abgeerntet werden.

In dieser Ausnahmesituation ist die Stadtverwaltung bemüht, die Schwächsten der Hiergebliebenen

mit überschaubaren Mitteln aus ihrem im Vergleich zur Vorkriegszeit auf die Hälfte

geschrumpften Etat zu unterstützen. Kompensationsleistungen gibt es allerdings nur für die

Außenschäden am kommunalen Wohnraum. Die vielen Dorfbewohner, die durch den Beschuss

ihre Eigenheime verloren haben, bekommen vom Staat keinerlei Entschädigung. Sie leben nun in

feuchten Schuppen oder Lagerräumen, die auf ihrem Grundstück die Angriffe überstanden haben

oder sind bei Verwandten untergekommen. Mancherorts liegen Dachlatten, Ziegel oder Fensterglass

im Hof, ausgegeben vom Norwegian Refugee Council. Kaum ein Fensterrahmen, der nicht

ersatzweise mit Folie oder Pappe verschlossen ist. Von Granatsplittern durchsiebte Eingangstore,

eingestürzte Dächer, herabhängende Decken, Bombentrichter im Gemüsebeet – die Spuren des

Krieges sind allgegenwärtig. Fragt man, von wo der Beschuss kam, zeigen die meisten Anwohner

in alle Richtungen: es krachte, dröhnte und prasselte von allen Seiten. Von politischen Aussagen

halten sich die allermeisten zurück, zu groß ist die Angst vor Repressalien, denn niemand weiß,

wer morgen über dieses Stück Land herrscht.

 

Durch Beschuss beschädigte Brücke

 

An der Staatsgrenze zu Russland allerdings sind sich die Bewohner mehrerer Dörfer allesamt einig:

im Sommer 2014 kam der Beschuss aus Mehrfachraketenwerfersystemen, mit Minenwerfern und

Artillerie von drüben, vom russischen Territorium aus, traf unzählige Wohnhäuser im unmittelbaren

Grenzgebiet, und flog darüber hinaus auch in entferntere Ortschaften. Ein Anwohner führt uns zu

einer im Wald liegenden 122 mm Haubitze, die jederzeit explodieren könnte. Auf die Frage, warum

sie nicht entschärft würde, antwortet ein Grenzsoldat, dass die Entschärfer ja auch Familie hätten.

Hier sollten wir übrigens wegen der Minen keinen Meter weiter gehen. In diesem Dorf allein hat

es inzwischen drei Minenopfer gegeben: Onkel Wasska trat auf eine, als er Holz für den Winter aus

dem Wald holen wollte, nachdem seine Vorräte bei einem Angriff verbrannten, Onkel Petja lief

beim Angeln trotz Warnung am Flußufer auf eine Mine und Tante Schura starb bei einem Ausflug

über die grüne Grenze nach Russland. Die Kennzeichnung der Minenfelder geschieht zynischerweise

überwiegend durch Opfer, nicht durch Schilder. Auch Soldaten finden den Tod durch Minen, weil

die Weitergabe der Informationen über Verminungen von den abziehenden Truppen an die neuen

nicht funktioniert.

Während der Hahn sein Hühnervolk zwischen den Bäumen im Stützpunkt nahe der russischen

Staatsgrenze dauerkrähend in Schach hält, werden wir zu Soldatensuppe eingeladen. Wir sollen in

den Topf schauen und uns davon überzeugen, dass sie keine Kinder, sondern ein Huhn kochen. Die

russische Propaganda verbreitet ausgiebig Gräuelmärchen von ukrainischen Faschisten, die Kinder

kreuzigen oder fressen. Die Verunsicherung gelingt: als die Stadtverwaltung von Stanica Luhanska

in diesem Sommer mit Hilfe von einheimischen Sponsoren kostenlose Ferien für Kinder aus der

Frontstadt in der Westukraine organisierte, fanden sich zunächst nur vereinzelt Eltern, die ihre Kinder

„der Gefahr unter Faschisten“ aussetzen wollten. Als diese Kinder dann auch die nächsten drei

Wochen noch dortbleiben wollten, lief das Verschickungsprogramm dann doch noch richtig an.

 

Luftschutzkeller in Zolotoe

 

Die Stimmung unter den Grenzern ist verhalten. Die meisten von ihnen sind Freiwillige und im

zivilen Leben Lehrer, Fahrer oder Bergarbeiter. „Wenn der Russe will, kann er uns jederzeit spielend

platt machen. Wir sind ein Welpe, der dem Dobermann gegenüber steht.“ Wie sich das anfühlt und

woher sie die Motivation zum Dienst nehmen? „Es gibt eine Pflicht. Wir sind alle Ukrainer und sprechen

Russisch und Ukrainisch gleichermaßen, die Sprache ist keine Barriere und trennt uns nicht.“

Der Konflikt sei durch die russische Propagande erst aufgebaut worden, 24 Stunden täglich Gehirnwäsche,

irgendwann glauben die Leute halt dran. Da haben Geheimdienste ganze Arbeit geleistet.

Wenn der Krieg der Ideologien schon im geteilten Deutschland funktioniert hätte, wo Verwandte

auch auf beiden Seiten der Grenze lebten, warum solle das hier nicht ebenfalls möglich sein? Der

Frage, wie der Konflikt gelöst werden könnte, folgen Schweigen und Blicke ins Leere.

 

Grenzer in Zolotoe

 

Im weinumrankten Hof einer Abgeordneten von Zolotoe stellen wir die heikle Frage nach dem

Referendum im Mai 2014. Damals war die Euphorie nach einem Anschluss der Ostukraine an

Russland offenbar groß. Neurussland! Bis heute sind die selbsternannten Volksrepubliken Luhansk

und Donetzk weder vom Kreml als unabhängige Staatsgebilde anerkannt noch, wie die Krim,

dem russischen Territorium angeschlossen worden. Entsprechend ernüchtert wirken diejenigen,

die doch wohl für eine Unabhängigkeit von Kiew gestimmt haben. Ihre Namen wollen sie nicht in

der Zeitung lesen: „Wenn Ihr geht, werde ich festgenommen, weil ich Euch ein Interview gegeben

habe.“ Aus einer Jubiläumsausgabe der Stadtchronik zitiert die Abgeordnete anrührende Geschichten

selbstloser Funktionäre für die Entwicklung ihrer Stadt. Zweifellos wird hier das Hohelied auf

 

Im Dorf Trjochizbenka

 

die guten alten Sowjetzeiten gesungen, als Bildungswesen und medizinische Versorgung noch

kostenlos in Anspruch genommen werden konnten und die Rente einen auskömmlichen Ruhestand

garantierte. „Leben Sie hier mal für fünfzig Euro im Monat. Bitteschön, ich stelle Ihnen gern

für ein Vierteljahr ein Bett in meinem Haus zur Verfügung. Probieren Sie’s aus!“ Das Referendum

hätten zwei Männer organisiert, deren Namen sie beim besten Willen nicht erinnern kann und die

eines Tages im Stadtparlament aufgetaucht seien. Demokratisch, fair, unabhängig? Begriffe, die

an diesem Tisch wegrutschen, wie zweieinhalb Jahrzehnte unabhängige Ukraine. Der erträumte

Wiederanschluss an eine Sowjetunion, in der man seine schönsten Jahre verlebt hat – und deren

Verlust man partout nicht anerkennen will - ist gescheitert. Stattdessen hat sich zur Mühsal der

selbstverantwortlichen Versorgung im Kapitalismus nun noch ein Krieg hinzugesellt, der den Osten

des Landes in seiner Entwicklung nur noch weiter zurückwirft. Die Bevölkerung ist ausgespielt worden

in einem Machtkampf, den Russland mit Propaganda und Kriegsgerät gegen allzu westliche

Werte vor seiner Haustür vom Zaun gebrochen hat. Die Angst des Kreml vor einem Überschwappen

der ukrainischen Majdanbewegung, die gegen Korruption im Land und für eine proeuropäische

Entwicklung eintritt, ist so groß, dass Kriegstreiberei im russischen „Vorhof“ zum adäquaten

Mittel der Wahl wird. Der Majdan muss, wie sich ein Abgeordneter aus einem Dorf im Grenzgebiet

zu Russland ereifert, „weggeräumt“ werden. Die Bewohner der frontnahen Gebiete und anderthalb

Millionen Binnenvertriebene dürfen derweil schauen, wie sie über den nahenden Winter kommen.

An der vom Deutsch-Russischen Austausch (DRA) koordinierten Beobachtermission nahmen acht

ukrainische, russische, deutsche, polnische und weißrussische NGO’s teil. Unterstützt wurde das

Monitoring vom Auswärtigen Amt Deutschland.

 

 

 

 

Bildungszentrum Nordossetien

Der Deutsch-Russische Austausch und MEMORIAL haben im Dezember 2007 den Aufbau eines Bildungszentrums im Bezirk Prigorodnyj von Nordossetien (Nordkaukasus) begonnen. In dem ländlichen Bezirk, zwischen Vladikavkas und Inguschetien gelegen, kam es 1992 zu einem kurzen, blutigen Bürgerkrieg, einer Spätfolge der willkürlichen Grenzveränderungen 1934 durch Stalin. Über 50 000 Inguschen wurden vertrieben, erst ab ca. 2001 konnten sie langsam zurückkehren. Bis heute wohnen noch Flüchtlinge in Lagern. Im Bezirk Prigorodnyj ist mehr als die Hälfte der Menschen arbeitslos. Der ethnische Konflikt schwelt weiter – er äußert sich immer wieder in Gewalttaten, vor allem aber im angespannten Alltagsgeschehen. Inguschen und Osseten leben in verschiedenen Dörfern oder sogar innerhalb eines Dorfes separiert in verschiedenen Straßen, die Kinder gehen fast überall in getrennte Schulen. Ziel von MEMORIAL und DRA ist es, in Kursen zur Gründung von Kleinstunternehmen, die für Inguschen und Osseten gemeinsam angeboten werden, den Menschen eine neue Perspektive zu geben – und zugleich die Spannungen zwischen den Volksgruppen zu verringern.

 

Videofilme mit Schülern und weitere Projekte

Für die ossetischen und inguschischen Kinder in den separat unterrichtenden Schulen der Siedlungen Tschermen und Tarskoje ist im Sommer 2010 ein Videowettbewerb organisiert worden:

 

Die Videos standen unter einem besonderen Motto - unter dem Titel „Sei Gast bei uns im Dorf“ filmen die Schüler ihr Dorf unter dem Aspekt, was sie schön an ihm finden. Später sollten die Kinder aus dem ossetischen und dem inguschischen Dorf sich gegenseitig die Filme zeigen und so die Lebenswelt der anderen ethnischen Gruppe kennenlernen. Die besten Filme wurden von einer Jury ausgezeichnet, die Schüler erhielten Preise.

 

MEMORIAL Deutschland hat dieses Projekt und inzwischen noch einige weitere Projekte unterstützt:

So werden im Jahr 2011 werden Mittel von MEMORIAL eingesetzt, um Lehrmittel sowie technische Hilfsmittel für einige der Schulen im Bezirk Prigorodnyj zu besorgen, mit denen MEMORIAL im Rahmen des Projekts zusammenarbeitet.

 

Außerdem unterstützen wir ein von MEMORIAL veranstaltetes ethnisch gemischtes Jahresendfest für mehrere Schulen aus diesem Bezirk, die im Alltag nur jeweils ossetische oder inguschische Kinder unterrichten. Bei diesem Fest werden auch Ergebnisse verschiedener von MEMORIAL mit initiierter Schulzirkel vorgestellt - Fotozirkel, Theaterzirkel und andere, so dass sich die Kinder dabei einander auch besser kennen lernen.

 

Um uns im Rahmen der Zusammenarbeit des DRA und MEMORIAL an weiteren Einzelprojekten beteiligen zu können, sind wir auf Spenden angewiesen: Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00, Konto-Nr: 33 200 00, Kennwort „Nordossetien“.
Weitere Informationen hier: vorstand@memorial.de

Fotoausstellung Langes Echo

„Langes Echo – Russland im XX. Jahrhundert: Konstanten und Variablen“ Photos

Ausstellung 2002
Internationale Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge Memorial – mit Unterstützung der Heinrich Böll Stiftung (Deutschland).

Die Ausstellung geht der Frage nach, wie Mythen und Stereotypen der vergangenen Epoche
der Sowjetunion heute noch weiterwirken, wie Traditionen der totalitären Epoche wiedergegeben werden und wie die Gegenwartsgesellschaft in Russland dazu steht.
Jede Tafel wird von einem soziologischen Kommentar begleitet. Sie präsentieren Ergebnisse von Meinungsumfragen, in denen sich die heutige Sicht der Menschen in Russland auf jene Probleme und Kontinuitäten widerspiegelt, auf die diese Ausstellung aufmerksam machen möchte.

Jede Tafel zeigt bis zu 12 repräsentative Fotos aus verschiedenen Epochen der Sowjetunion, die jeweiligen Ergebnisse der Meinungsumfrage und einen erläuternden Text zu einer thematischen Frage (z.B. Dserschinski-Denkmal, „Kirche“, Zivilgesellschaft, Stalinismus, Lebensstandard, Repressionen/GULag, Militär, Tschetschenien usw.)

Die Ausstellung besteht aus 14 flexibel aufstellbaren Tafeln und wurde bisher an folgenden Orten gezeigt:

2002 im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin, Greifswalder Str.4
2002 im Ehemaligen KGB-Gefängnis in Potsdam, Leistikowstr.1
2002 im Lew-Kopelew-Forum in Köln
2003 Buchmesse Frankfurt
2005 Halle
2005 Heidelberg
2005 Juristische Fakultät der Humboldt-Universität Berlin

Die Ausstellung kann bei MEMORIAL Deutschland e.V. abgerufen werden.