Sozialprojekt St. Petersburg

Zentrum zur Unterstützung
älterer bedürftiger MEMORIAL-Mitglieder

 

In einem Gemeinschaftsprojekt von MEMORIAL Deutschland e.V. und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ wird die Arbeit des Zentrums zur Unterstützung älterer bedürftiger MEMORIAL-Mitglieder in Petersburg bis Ende 2017 finanziell gesichert. Knapp 1.500 ältere Menschen, die unter politischen Verfolgungen gelitten haben, werden dort sozial, medizinisch, juristisch und kulturell betreut. Mehrere Sozialarbeiterinnen, eine Ärztin, eine Bibliothekarin, eine Koordinatorin für die Kulturveranstaltungen, ein Berater und eine Juristin unterstützen dabei die Arbeit der vielen ehrenamtlich engagierten Betroffenen.

Diese Seite soll einen Einblick geben in ein bemerkenswertes Hilfs- und Selbsthilfeprojekt.

„Man möchte alle beim Namen nennen“ (Anna Achmatowa) - Gedenkstein für die Opfer des stalinistischen Terrors in Petersburg. Der Stein stammt von den Solowki-Inseln, die Teil des Lagersystems waren.

„… schnell wurde klar, dass hier Hilfe nötig ist.“

MEMORIAL St. Petersburg entstand zur Zeit der Perestroika aus dem Bedürfnis heraus, die stalinistische Vergangenheit endlich öffentlich anzusprechen, Rehabilitierung zu erlangen für erlittenes Unrecht und den unzähligen Opfern des Stalin’schen Lagersystems ein Denkmal zu setzen. „Aber als sich die zahlreichen Betroffenen damals zusammenfanden, wurde ziemlich schnell klar, dass hier vor allem Hilfe nötig ist.“, erzählt Margarita Markowna, Mitstreiterin der ersten Stunde und seit Jahren die Koordinatorin des Selbsthilfenetzwerkes. Inzwischen ist das Sozialprojekt längst mehr als nur materielle oder medizinische Hilfe: für viele alte Menschen ist es wichtigstes soziales Umfeld, Familie und Heimat geworden.
 

Wie erreicht man 1.500 Menschen mit dem Telefon?

Das Telefon ist für die MEMORIAL-Mitglieder der wichtigste Verbindungsweg: schnell, bisher noch kostenlos und auch für die nutzbar, die den Weg ins MEMORIAL-Büro nicht mehr schaffen. Ein- bis zweimal pro Woche sollen alle Mitglieder erreicht werden, sei es, um zu aktuellen Freizeitveranstaltungen und Ausflügen einzuladen, sei es, um zu hören, wie es jedem Einzelnen geht, ob jemand Hilfe benötigt. Nicht zuletzt gibt es den oft einsamen alten Menschen die Möglichkeit, mit jemandem zur reden und sich auszutauschen. Um das bei der gewaltigen Zahl der Mitglieder bewerkstelligen zu können, wurde die Stadt in Bezirke und Unterbezirke eingeteilt und ein System ehrenamtlicher Koordinatoren geschaffen. Auf jeden der etwa 150 Koordinatoren entfallen etwa 10 Anrufe.

Medikamentenhilfe

Zweimal pro Woche hält die Ärztin Irina Lasarevna Saborskaja im Büro von MEMORIAL ihre Sprechstunde ab. Die Menschen kommen vor allem, wenn die Kosten ihrer Medikamente ihre Möglichkeiten übersteigen. Irina Lasarevna löst die Rezepte in Petersburger Apotheken ein und gibt sie kostenlos an die bedürftigen Patienten aus. Dabei berät sie die Menschen über alle mit medizinischer Behandlung und Gesundheit zusammenhängenden Fragen.

Irina Lasarevna erklärt einem Patienten, was er bei der Medikamenteneinnahme beachten muss

Die schlimmsten Nöte lindern

Ein großer Teil der ehemaligen Repressierten befindet sich in einer prekären wirtschaftlichen Lage. Die Kosten für medizinische Behandlungen, eine Zahnprothese oder auch die Beerdigung eines Angehörigen können oft nicht aus eigener Kraft getragen werden. In diesem Fall werden von MEMORIAL auf Antrag finanzielle Beihilfen gewährt.

Für rechtliche Fragen steht eine kostenlose juristische Beratung zur Verfügung. Menschen, die nicht mehr die Wohnung verlassen können, werden von den Sozialarbeiterinnen und Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste zu Hause betreut. Diese Arbeit wird teilweise auch von ehrenamtlichen Mitgliedern von MEMORIAL, selbst ehemals Repressierten, übernommen.

„Ich bitte um materielle Hilfe im Zusammenhang mit meiner schweren wirtschaftlichen Lage. Mein einziger Sohne T. Kirill Jurevič, geboren 1971, hat einen Autounfall erlitten (am 22. August 2005) und benötigt eine schwierige plastische Operation (er hat keine Harnblase mehr). Meine Schwiegertochter ist gestorben und mein Sohn wurde Invalide mit Arbeitsunfähigkeit 2. Grades.“

Kunst und Kultur

Die gemeinsamen Abende in den Räumlichkeiten von MEMORIAL und die wöchentlichen Ausflüge stellen immer wieder Höhepunkte im Leben der älteren Menschen dar. Sie bieten Freude an künstlerischen Darbietungen, intellektuelle Ansprache, fröhliches Miteinander und die Möglichkeit, sich selbst schaffend einzubringen. Das Angebot reicht von Filmabenden und Vorträgen bis zu kleinen Konzerten und Museumsbesuchen. Von den Petersburger Theatern und Konzerthäusern werden regelmäßig kostenlose oder verbilligte Karten erbeten. Für alle, die an einem Theaterbesuch teilnehmen möchten und den Weg nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen, wird ein Fahrdienst mit dem Auto organisiert. Alle kulturellen Aktivitäten werden von MEMORIAL-Mitgliedern selbst gestaltet oder organisiert. Die Monatsplanung vom Mai 2006 gibt einen Einblick in die Vielfalt und den Anspruch dieser Arbeit.

Zur Übersetzung bitte aufs Bild klicken!
Arbeitsplan der Kulturkommission Mai 2006 (Zur Übersetzung bitte aufs Bild klicken!)
Von ehemaligen Repressierten erstellte Fotoausstellungen schmücken die Wände im MEMORIAL-Treffpunkt

Weitere Projekte von Memorial Petersburg

Neben dem von MEMORIAL Deutschland e.V. und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ unterstützten Sozialprojekt gibt es weitere Aufgabenbereiche, die von den Petersburger MEMORIALern bearbeitet werden. Dies sind vor allem ein Projekt für die Rechte der Roma und die Herausgabe der Zeitung „Antifašistskij Motiv“. Für Informationen zu diesen Themen verweisen wir auf die russisch- und englischsprachige Seite adcmemorial.org

Ansprechpartner für das Sozialprojekt:
 
MEMORIAL Deutschland e.V. über info@memorial.de