Bereits seit dem 25. September kommt es in Inguschetien zu zahlreichen Protesten. Seit dem 4. Oktober findet im Zentrum der Stadt Magas eine unbefristete Protestaktion statt. Die Teilnehmer erklären die Unzulässigkeit der Ratifizierung eines Grenzabkommens durch das Parlament der Republik Inguschetien, welches von den Oberhäuptern beider Subjekte der Russischen Föderation, der Republik Inguschetien und der Republik Tschetschenien, unterzeichnet worden ist.

Ohne die Frage der Grenze und der Neuverteilung von Territorien zu berühren, weisen wir auf folgendes hin. Die Zuspitzung der Situation in Inguschetien wurde vor allem und in erster Linie provoziert durch das Schweigen der Behörden. Am Vorabend der Unterzeichnung des Grenzabkommens haben es die Behörden der Republiken bewusst vermieden, dieses wichtige Thema zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Diskussion zu machen. Und nach der Unterzeichnung erhielt die Öffentlichkeit von den Behörden der Republiken keine klare und vollständige Information zu allen Fragen, die mit der Grenzmarkierung in Zusammenhang stehen. Die Situation wurde verschärft durch die Mitteilung mehrerer Abgeordneter über eine Fälschung der Abstimmungsergebnisse zum Grenzabkommen im Parlament der Republik Inguschetien. Danach änderte sich der Charakter der Protestaktion: Zur Ablehnung der Demarkation der Verwaltungsgrenze kam der Kampf für die Einhaltung der Normen der Gesetzmäßigkeit hinzu, für die Einhaltung der Rechte und für die Achtung der Würde der Einwohner der Republik.

Wir fordern die Behörden aller Ebenen dazu auf, keinesfalls Gewalt gegen die Menschen anzuwenden, die ihre gesetzlichen Rechte schützen, Transparenz bei den Vorgehensweisen der Machthabenden fordern sowie die Bestrafung der Falsifikatoren.

Wir fordern die föderalen Behörden Russlands auf, sich bewusst zu werden, dass die Verantwortung für die weitere Entwicklung der Situation in der Republik nun vor allem bei ihnen liegt.

Es ist unabdingbar,

  • die Öffentlichkeit zu allen Fragen erschöpfend zu informieren, die mit der Demarkation der Verwaltungsgrenze in Zusammenhang stehen.
  • sofort eine Untersuchung zu der Meldung einer Fälschung [der Abstimmungsergebnisse zum Grenzabkommen] im Parlament der Republik Inguschetien einzuleiten.
  • die strikte Einhaltung der Gesetzgebung der Russischen Föderation sowie der Republik Inguschetien bei Entscheidungen über die administrative Grenze zwischen den Republiken sicherzustellen.

Wir rufen die Protestierenden auf, Beharrlichkeit und Geduld zu zeigen, sich nicht auf Provokationen einzulassen und keinerlei Gewalt im Verlauf des Kampf um eine öffentliche und gesetzgemäße Entscheidung der Grenzfrage zuzulassen.

5. Oktober 2018

Nach 145 Tagen bricht Sentsov Hungerstreik ab, um drohender Zwangsernährung zu entgehen

Wegen seines inzwischen kritischen Gesundheitszustandes und der drohenden Zwangsernähung sieht sich Oleg Sentsov gezwungen, seinen Hungerstreik am 6. Oktober abzubrechen.

Dies schreibt er in einer Erklärung, die er am 5. Oktober seinem Anwalt Dmitrij Dinse bei seinem Besuch übergeben hat. Die nachstehende Erklärung ist auf den 5. Oktober datiert.

„Auf Grund meines kritischen Gesundheitszustands sowie beginnender pathologischer Veränderungen in den inneren Organen will man in Kürze bei mir eine Zwangsernährung einleiten. Meine Meinung wird dabei nicht mehr berücksichtigt, als wäre ich nicht in der Lage, meinen Gesundheitszustand und die Gefahr für meine Gesundheit angemessen zu beurteilen.
Die Zwangsernährung soll als Maßnahme durchgeführt werden, um das Leben des Patienten zu retten.

Unter diesen Umständen bin ich gezwungen, meinen Hungerstreik zum morgigen Datum, d. h. ab dem 6.10., zu beenden.

145 Tage Kampf, ein Gewichtsverlust von 20 kg, ein ruinierter Organismus, und das Ziel wurde doch nicht erreicht. Ich danke allen, die mich unterstützt haben und bitte die um Verzeihung, die ich im Stich gelassen habe.

Ruhm der Ukraine!“

Dmitrij Dinse berichtet, die Mitarbeiter der Straforgane hätten Sentsov gedroht, wenn er den Hungerstreik nicht bis zum Wochenende (am 6./7. Oktober) beende, werde man „Gemüse“ aus ihm machen, ihn ans Bett fesseln und mit einem Schlauch zwangsernähren.

Russische Quellen hatten schon am Morgen des 5. Oktober gemeldet – noch bevor Informationen von dem Anwalt hatten kommen können, der sich zu diesem Zeitpunkt gerade bei Sentsov befand und keinen Telefonkontakt hatte, - Sentsov wolle seinen Hungerstreik beenden oder habe dies nach einer anderen Version bereits vor einer Woche getan.

5. Oktober 2018

 

 

Die Situation der hungerstreikenden ukrainischen Häftlinge in Russland wird immer prekärer insbesondere von Volodymyr Baluch und Oleh Sentsov, die sich bereits seit weit über 130 Tagen im Hungerstreik befinden.

Die internationale Solidarität hält unvermindert an. In Deutschland findet (fast) jeden Donnerstag eine Mahnwache vor der russischen Botschaft statt, initiiert von Ronald Wendling.

 

 

In Paris werden 24stündige Hungerstreiks vor der russischen Botschaft abgehalten, die Teilnehmer lösen sich ab.

 

Darüber hinaus ist Oleg Sentsov einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt Paris gewählt worden.

Solidaritätskundgebungen gibt es auch in Russland. In Moskau werden seit etwa drei Wochen täglich Einzelmahnwachen organisiert, vor der Präsidentenadminsitration, außerdem am Gribojedov- und Okudzhava-Denkmal, die Teilnehmer sprechen die Termine per Facebook ab.

 

 

Kundgebungen finden in noch weiteren Städten statt, vor allem in Petersburg auf dem Nevskij-Prospekt, Petrozavodsk u. a. In Moskau und Petersburg kommt es immer wieder zu Festnahmen und Attacken.

 

26. September 2018

 

 

 

Direktor des Museums von Medvezhjegorsk festgenommen

Sergej Koltyrin, seit 1991 Direktor des Regionalmuseums von Medvezhegorsk, ist am heutigen 2. Oktober in Petrozavodsk festgenommen worden, mit ihm noch eine weitere Person, deren Name zunächst nicht bekannt wurde. Möglicherweise handelt es sich um seinen Bekannten Jevgenij Nosov aus Severodvinsk.

Beiden wird „Pädophilie“ unterstellt (Art. 135, Abs. 4 StGB der Russischen Föderation).

Die Gedenkstätte Sandarmoch gehört zum Bereich des genannten Museums, das denn auch maßgeblich an den jährlichen Gedenkveranstaltungen am 5. August in Sandarmoch mitgewirkt hat. Der jüngst propagierten Auffassung, in Sandarmoch könnten sowjetische, von Finnen ermordete Kriegsgefangene verscharrt sein (die als Anlass zu den kürzlcih vorgenommen, umstrittenen Ausgrabungen gedient hatte), stand er skeptisch gegenüber. Allerdings hielt er sich mit diesbezüglichen Äußerungen in letzter Zeit zurück – unter Hinweis auf massive Drohungen seitens der Machtorgane.

Mit der beabsichtigten Anklage wegen angeblicher Pädophilie setzen die Ermittlungsbehörden die Methode der Diffamierung und Kriminalisierung fort, die sie schon gegen Jurij Dmitriev, den maßgeblichen Entdecker und Erforscher von Sandarmoch und Leiter von Memorial Karelien, angewandt hatten – offenbar sehen sie darin ein probates Mittel, um Historiker, die die Geschichte der Hinrichtungsstätte Sandarmoch aufarbeiten, definitiv auszuschalten.

2. Oktober 2018

 

 

 

Erklärung des Menschenrechtszentrums Memorial

Zehn oppositionell eingestellte Einwohner der Stadt Moskau und der Moskauer Region werden beschuldigt, im Dezember 2017 die extremistische Organisation Novoe Velitschie (Neue Größe) gegründet zu haben, angeblich mit dem Ziel eines gewaltsamen Sturzes der Regierung sowie der konstitutionellen Regierungsform der Russischen Föderation (Art. 282.1 StGB RF).

Wir haben die Unterlagen des Verfahrens gründlich geprüft und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Organisation Novoe Velitschie im Wesentlichen von den Sicherheitsdiensten gegründet worden ist, die sich bemühten, der Gruppe extremistische Züge zuzuschreiben.

Einer der Gründer und Führer von Novoe Velitschie ist offensichtlicher Agent der Sicherheitsorgane (wahrscheinlich des FSB) und den Mitgliedern der Gruppierung als Ruslan D. bekannt. Bei seiner Befragung als Zeuge wurde er im Protokoll als Aleksandr Konstantinov eingetragen (weitere Personalien werden geheim gehalten). Er war Führungsmitglied, Sekretär der Organisation und Leiter des finanziellen Bereichs. Mit Hilfe von Ruslan D. verfassten die Geheimdienste selbst Satzung und Programm von Novoe Velitschie, und zwar so, dass es den Merkmalen einer extremistischen Vereinigung entsprach, und mieteten für die Gruppierung ein Büro mit „Wanzen“ an.

Als die minderjährige Anna Pavlikova die Gruppe wegen eines Streits verließ, überredete der Agent sie zurückzukommen. Nach einem Monat wurde sie verhaftet und verbrachte ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, wobei ihre Gesundheit ernsthaften Schaden nahm.

Neben Ruslan D. wurden zwei weitere Mitarbeiter der Polizei in Novoe Velitschie eingeschleust sowie offenbar ein oder zwei weitere Informanten. Aber ungeachtet der Anstrengungen der Provokateure finden sich in Satzung, politischem Programm und Flugblättern keine konkreten Worte und Leitsätze darüber, dass die Mitglieder auf gewaltsamem Weg den Sturz der Regierung beabsichtigen oder die konstitutionelle Regierungsform Russlands verändern wollen. In den auf der Website der Gruppierung veröffentlichten Texten sehen wir keine direkten Aufrufe zur Gewalt.

Das sogenannte Verfahren Novoe Velitschie ist ein Symbol der Brutalität und Ungerechtigkeit des Kampfes gegen Extremismus im heutigen Russland, erklärt Sergej Davidis, Leiter des Programms zur Unterstützung politischer Gefangener im Menschenrechtszentrum Memorial. Eine Gruppe oppositionell eingestellter junger Menschen ist zum Opfer von Provokationen der Machthaber geworden. Sie haben keine gewalttätigen Handlungen verübt, keine Terroranschläge und Überfälle geplant.

Sie werden Gesprächen und nicht das Gesetz verletzender Handlungen beschuldigt, die nur deswegen für verbrecherisch erklärt werden, weil sie angeblich im Rahmen einer extremistischen Organisation stattfanden, die von eingeschleusten Mitarbeitern der Geheimdienste gegründet wurde.

Die Angeklagten erkennen ihre Schuld nicht an. Die Teilnahme in der Gruppierung Novoe Velitschie leugnen sie nicht, betonen aber die Legalität ihrer Tätigkeit und dass sie nicht vorhatten, Regierung und Verfassung mit gewaltsamen Mitteln zu stürzen.

Die Gruppierung aus 13 Personen bestand zu fast einem Drittel aus Vertretern verschiedener Sicherheitsorgane, die offenbar in Konkurrenz zueinander standen, die Organisation gründeten und unterstützten und deren Ziel nicht der ‚mythische Sturz‘ der verfassungsgemäßen Ordnung war, sondern das Hervorrufen eines Strafverfahrens.

Die Einhaltung des Gesetzes im Verfahren Novoe Velitschie bedeutet die Einstellung des Verfahrens und wir stellen fest, dass dies eine Frage des politischen Willens ist. Das Scheitern der Provokation von Ruslan D. ist offensichtlich, und die Geheimdienste selbst sind daran interessiert, solche Praktiken in ihren Reihen zu stoppen, heißt es in einer von der Novaja Gazeta vorbereiteten Petition an die russische Führung, die auf dem Portal von Change.org unterzeichnet werden kann.

Wir sind der Meinung, dass die beschriebenen Aktionen der Sicherheitskräfte eine Provokation der Polizei darstellen, die nach Art. 5 des Gesetzes  „Über operative Untersuchungen“, verboten ist: „Den Ermittlungen durchführenden Behörden ist es verboten, zu widerrechtlichen Handlungen anzustiften, zu überreden oder direkt oder indirekt dazu anzuregen.“

Memorial betrachtet Anna Pavlikova, Marija Dubovik, Ruslan Kostylenkov, Maksim Roschtschin, Petr Karamsin, Pavel Rebrovskij, Dmitrij  Poletaev, Sergej Gavrilov, Vjatscheslav Krjukov und Raschid Rustamov als politische Gefangene und fordert ihre sofortige Freilassung und die Bestrafung der für ihre Strafverfolgung Verantwortlichen.

Die Anerkennung von Personen als politische Gefangene durch Memorial bedeutet keine Übereinstimmung oder Billigung mit deren Ansichten, Äußerungen und Handlungen.

23. September 2018

 

 

 

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