geb. am 30. März 1946 in Welsk, Gebiet Archangelsk, UdSSR, gest. am 18. Dezember 2017 in Herzliya bei Tel Aviv, Israel



Foto: Tomasz Kizny



Arsenij Roginskij hat sein Leben vor allem der Erforschung und Klärung der Verfolgung unter dem sowjetischen Regime gewidmet – und dies bereits zu einer Zeit, zu der die Sowjetunion noch nicht der Vergangenheit angehörte. Dafür hat er in den achtziger Jahren mit vier Jahren Lagerhaft bezahlt.

Er war sich dieser Gefahr bewusst und wollte eine Verhaftung möglichst vermeiden, allerdings nicht um jeden Preis – auch nicht um den Preis einer Emigration, die man ihm ausdrücklich nahe legte. Zu einer Zeit, als für fast alle Juden eine Ausreise aus der UdSSR völlig unmöglich war, forderte man Roginskij ausdrücklich auf, einen entsprechenden Antrag zu stellen, da seine Verwandten in Israel sich angeblich deshalb an die Behörden gewandt hätten. Dass er dort gar keine Verwandten hatte, stellte dabei kein Hindernis dar. Er lehnte ab.

1981 wurde ihm unterstellt, sich widerrechtlich Zugang zu gesperrten Archivunterlagen verschafft zu haben. Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, die er nicht mit politischen Gefangenen, sondern in einem Lager für Kriminelle verbüßen musste, weil das angebliche Vergehen nicht mit einem „politischen“ Artikel geahndet wurde. Er musste seine Haftzeit voll absitzen. 1992 wurde er rehabilitiert.

Als es im Laufe der Perestrojka möglich wurde, sich der Aufklärung der sowjetischen Vergangenheit gefahrlos zu widmen, nahm er mit Gleichgesinnten, darunter auch Andrej Sacharow, die Gründung der Gesellschaft Memorial in Angriff, die dieses Anliegen ins Zentrum ihrer Tätigkeit setzte. Konkret bedeutete dies, sich für die Rehabilitierung der zu Unrecht Verfolgten einzusetzen, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durch die Freigabe der Archive anzustoßen und das Gedenken an die Opfer und die Verbrechen des Sowjetregimes zu befördern. Die offizielle Registrierung von Memorial als nichtstaatliche Organisation wurde indes erst nach Sacharows Tod möglich, und zwar nachdem dessen Witwe Jelena Bonner Gorbatschow ausdrücklich darum gebeten hatte.

An dem „Rehabilitierungsgesetz“ von 1991, das kurz nach dem Ende der Sowjetunion erlassen wurde, hatte er als Berater wesentlichen Anteil. Mit anderen Mitstreitern von Memorial versuchte er, auf die neue Archivgesetzgebung im Sinne einer Liberalisierung und Freigabe einschlägiger Dokumente einzuwirken – leider ohne nachhaltigen Erfolg. In den letzten Jahren gehörte er der Jury an, die über das jüngst in Moskau geplante und inzwischen aufgestellte Denkmal für die Opfer des sowjetischen Terrors zu entscheiden hatte.

Seine Tätigkeit hatte viele Berührungspunkte mit der Geschichtsaufarbeitung in Deutschland. Er war maßgeblich an Projekten beteiligt, die die deutsche Geschichte nicht weniger betrafen als die sowjetische. Erwähnt seien hier nur die Projekte über die nach Deutschland verschleppten Sowjetbürger („Ostarbeiter“) sowie die Herausgabe des Bandes „Erschossen in Moskau“, in dem  Namen und Kurzbiographien von Personen dokumentiert sind, die zwischen 1949 und 1953 aus der SBZ/DDR in die Sowjetunion verschleppt und hingerichtet wurden. Nicht zuletzt für diese Verdienste wurde ihm 2010 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Besonders hervorzuheben ist hier seine Verbundenheit und Zusammenarbeit mit MEMORIAL Deutschland e.V. seit Gründung des Vereins im Jahre1993. Viele unserer gemeinsamen Projekte mit russischen Memorial-Verbänden gingen auf seine Initiative und Anregungen zurück oder er begleitete sie mit Ratschlägen. Das gilt für alle, die sich mit Aufarbeitung befassten (GULAG-CD und Webportal, NKWD-Projekt, Carola-Neher-Projekte, um hier nur einige zu nennen).

Mit Arsenij Roginskij verband uns aber nicht nur die ernsthafte und – durch das Thema bedingt – wenig heitere Projektarbeit. Wir haben – oft am Rande von Veranstaltungen oder Mitgliederversammlungen – mit ihm viele heitere Stunden verlebt. Er war kein Freund von Traurigkeit und verstand es, auch über tragische Ereignisse der Vergangenheit, vor allem aber auch über unerfreuliche und entmutigende Tendenzen der Gegenwart mit Gelassenheit, mitunter sogar heiter und mit Humor zu sprechen.

Arsenij Roginskijs Tod reißt eine Lücke nicht nur in die Reihen von Memorial, die sich nicht füllen lässt. Wir gedenken seiner und geben die Hoffnung nicht auf, dass seine wesentlichen Anliegen im Laufe der Zeit in Russland doch noch erfüllt werden.

20. Dezember 2017
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