Mörderische Patrioten. Nikolai Girenko kämpfte gegen die zunehmende rassistische Gewalt in Russland. Der Wissenschaftler musste sein Engagement mit dem Leben bezahlen

Viele Menschen aus den südlichen Regionen der früheren Sowjetunion verdienen sich ihren Lebensunterhalt in St. Petersburg auf eine köstliche Weise: In den Sommermonaten verkaufen sie an den belebten Plätzen der nördlichen Metropole Wassermelonen. So auch Rushan und Mamed Mamedow aus Aserbeidschan.

Wie gewöhnlich standen an einem Tag im September 2002 die Aserbaidschaner hinter ihren Verkaufsständen, als plötzlich etwa 30 Jugendliche auftauchten. Die Gruppe pöbelte lautstark und drohte, alle Aserbaidschaner aus St. Petersburg zu vertreiben. Dann schlugen sie mit Eisenstangen auf Rushan Mamedow ein, der anschließend schwer verletzt im Krankenhaus behandelt werden musste. Noch schlimmer endete der Überfall für Mamed. Die Jugendlichen attackierten ihn mit einem Rasiermesser; Mamed Mamedow überlebte den Angriff nicht.

Die Polizei erklärte zunächst, Ursache der tödlichen Auseinandersetzung sei ein banaler Streit gewesen, schloss aber einen rassistischen Angriff von Skinheads auch nicht ganz aus. Als später ein von den Jugendlichen gedrehtes Video auftauchte, ließ sich die These von einem privaten Zwist, der außer Kontrolle geraten war, nicht mehr aufrecht erhalten: Die Jugendlichen hatten ihre Tat kühl geplant, durchgeführt und anschließend dokumentiert.

Die Verharmlosung rassistischer Gewalttaten reicht bis in die Zeiten der Sowjetunion zurück. Die offizielle Haltung zu rassistischen Übergriffen war damals zwar eindeutig; schon aus ideologischen Gründen wurden solche Taten in dem Vielvölkerstaat klar verurteilt. Dennoch versuchten die Behörden häufig, die konkreten Fälle als Handlungen unpolitischer Rowdys oder Hooligans darzustellen.

Spätestens in den neunziger Jahren entstand jedoch eine auch öffentlich wahrnehmbare Skinhead-Szene, die seitdem stetig zunahm. So zählte das russische Innenministerium im vergangenen Jahr bereits rund 20.000 Skinheads, die vorwiegend in St. Petersburg und Moskau lebten. Die Behörden hätten zwar große Anstrengungen unternommen, um gegen die eskalierende Gewalt vorzugehen, heißt es in einer Erklärung des Innenministeriums. Dennoch wurden im Jahr 2002 landesweit gerade mal 16 Skinheads verurteilt.

Das Moskauer Büro für Menschenrechte geht sogar von derzeit 50.000 Skinheads in Russland aus. Jährlich fallen nach Angaben des Büros etwa 20 bis 30 Menschen extremistischen Gewalttaten zum Opfer. Die Anzahl solcher Angriffe steige jedes Jahr um etwa 30 Prozent.

amnesty international hat sich mehrfach mit der wachsenden Zahl rassistischer Übergriffe in Russland befasst. So hat ai im März 2003 in Moskau einen Report vorgestellt, der sich mit dem Rassismus in Russland beschäftigt.

Mit neonazistischen Übergriffen hatte sich auch Nikolai Michailowitsch Girenko intensiv beschäftigt. Bereits 1986 hatte der im St. Petersburger Museum für Ethnografie und Anthropologie tätige Wissenschaftler eine Methode entwickelt, um ethnisch motivierte Gewalttaten von "gewöhnlichen" Delikten zu unterscheiden. Das Fehlen wissenschaftlicher Kriterien hatten Staatsanwaltschaften und Gerichte häufig als Grund angegeben, weshalb rassistische Gewalttäter nur wegen "Hooliganismus" verurteilt worden waren.

In den letzten zwei Jahren hatte Girenko im Auftrag vor allem der Moskauer und St. Petersburger Behörden zahlreiche Gutachten über Skinhead- und neonazistische Gruppen erstellt. Er arbeitete auch an dem Fall der beiden Melonenhändler aus Aserbeidschan und wirkte bei den laufenden Ermittlungen gegen die Petersburger Skinhead-Gruppe "Schultz 88" mit. Seine Gutachten trugen mit dazu bei, dass die Mörder von Mamed Mamedow schließlich vor Gericht kamen.

Der Wissenschaftler versuchte, bei seiner Arbeit provokante Aktionen zu vermeiden. Auch in Gerichtsverhandlungen, an denen er als Sachverständiger teilnahm, trat er ruhig auf und profilierte sich vor allem durch sein umfassendes Wissen. Augenzeugen der Gerichtsverhandlungen beschrieben zumeist eine sehr gegensätzliche Szenerie: Auf der einen Seite hasserfüllte Skinheads, auf der anderen Seite der sachlich und gelassen reagierende Nikolai Girenko.

Entsetzen, Wut und Trauer löste daher die Nachricht aus, dass Girenko am Morgen des 19. Juni ermordet wurde. Der oder die Täter hatten an seiner Wohnungstür geklingelt. Als Girenko die Tür öffnen wollte, wurde er durch mehrere Schüsse getötet.

Über das Motiv für die Tat gab es zunächst kaum Zweifel. Selbst der Petersburger Staatsanwalt Schukow erklärte in einer ersten Stellungnahme, die antirassistische Arbeit des Opfers sei der Grund für den Mord gewesen. Doch bereits kurz danach äußerte er sich wieder zurückhaltend: Vielleicht sei die Tat doch auf Hooliganismus zurückzuführen.

Diese Erklärung ist den Behörden inzwischen wohl verwehrt: Wenige Tage nach dem Mord veröffentlichte eine Gruppe "Russische Republik" ein so genanntes Todesurteil gegen Girenko, der als "Feind des russischen Volkes" verurteilt worden sei. Girenko, so der Vorwurf, habe dabei geholfen, "russische Patrioten" zu inhaftieren.

In einem Kommentar wies die "Moscow Times" auf die bittere Ironie hin, die im Zeitpunkt des Verbrechens liegt. In Russland wurde gerade des 63. Jahrestages gedacht, an dem Hitler die Sowjetunion angriff; jetzt wächst in Russland eine eigene Neonazi-Szene heran. Es fehlt zwar nicht an Lippenbekenntnissen der russischen Regierung, gegen Rassismus und Neonazis vorzugehen. Doch gerade im Vorfeld der Parlamentswahlen setzten auch die dem Kreml nahe stehenden Parteien immer wieder offen auf nationalistische Parolen. Die russische Regierung selbst verharmlost das Problem.

Nikolai Michhailowitsch Girenko hingegen sprach das Problem klar an und arbeitete auch dann weiter, wenn andere längst resigniert hatten. Sein Tod ist für alle Gegner neonazistischer und rassistischer Gewalttaten ein unersetzlicher Verlust.


Peter Franck
Der Autor ist Mitglied der Russland-Koordinationsgruppe von ai.

Quelle: Amnesty International

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