Mit freundlicher Genehmigung der Staatskanzlei Potsdam veröffentlichen wir nachstehend den Redetext von Ministerpräsident Matthias Platzeck anlässlich der Eröffnung der Dauerausstellung "Sowjetisches Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße" am 18.04.2012.
Es gilt das gesprochene Wort.    

" Anrede:
-        Herr Staatsminister Bernd Neumann 
-        Herr Staatssekretär Martin Gorholt
-        Herr Prof. Günter Morsch
-        Pfarrer Martin Vogel 
-        Pfarrer Reinhart Lange 
-        Frau Dr. Ines Reich 

Ganz besonders begrüßen möchte ich aber die ehemaligen Häftlinge und Ihre Angehörigen. Sie sind es, die hier an diesem Ort unvorstellbares Leid erfahren haben. Und Sie sind es auch, die heute im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen. Ihr Schicksal gilt es, in würdiger Erinnerung zu halten.
Meine Gedanken gelten dabei auch all jenen, die durch die qualvollen, menschenunwürdigen Haftbedingungen in Gefängnissen und Lagern ihr Leben lassen mussten. Und sie gelten denjenigen, die die Kraft für den Weg nach Potsdam heute nicht mehr aufbringen können.
Anrede
Das ehemalige KGB-Gefängnis Leistikowstraße ist Zeugnis jener schwierigen Dekade nach Ende des zweiten Weltkriegs. Es ist Zeugnis einer Zeit, in der die Schreckensherrschaft der Nazis im Osten Deutschlands nahtlos übergegangen war in ein zugleich totalitäres wie menschenverachtendes System stalinistischer Gewaltherrschaft. Es ist ein schmerzvolles Kapitel unserer Geschichte, das sich zum großen Teil im Verborgenen abspielte, und das – soweit bekannt – zu DDR-Zeiten weitestgehend vertuscht wurde.
Die ganze Tragweite dieses Auszugs aus der Geschichte kam erst ganz allmählich zum Vorschein –nach 1990 mit der Öffnung des zuvor abgeschotteten Potsdamer Militärstädtchens. Die völlig verunstaltete Villa in der Leistikowstraße stach dabei ganz besonders ins Auge.
Ich kann mich noch gut an die Fassungslosigkeit erinnern, die sich damals viele Potsdamerinnen und Potsdamern und vielen anderen Ostdeutschen erfasste. Sie bekräftigte uns ganz ungemein darin, den Weg des gemeinsamen Aufbruchs mit aller Kraft weiter zu gehen, ein neues Land zu schaffen, gemeinsam Demokratie zu leben und sich der Geschichte von Diktatur und Unterdrückung zu stellen.
Anrede
Die Leistikowstraße 1 ist einer jener Orte, an dem die Würde hunderter Menschen aufs Gröbste missachtet wurde. Es ist ein Ort von Unrecht, Willkür und Gewalt, ein Ort schrecklichen Leids. Die Opfer wurden in den Räumen des KGB Gefängnisses zum Teil auf schlimmste misshandelt, unter widrigsten Umständen verhört, sie litten tagelang Hunger und kamen – wenn sie Glück hatten – gerade noch mit dem Leben davon. Doch selbst bei jenen, die nicht erschossen wurden, im Gulag oder in anderen Lagern umkamen, jenen, die irgendwann wieder in Freiheit lebten, wirkten die Erfahrungen in der Leistikowstraße ein Leben lang nach. Zurück blieben körperliche und seelische Schäden, Traumata, Depressionen und die traurige Gewissheit verlorener Lebenszeit.
Die Mehrzahl der Inhaftierten war ab 1945 aus mehr oder weniger nichtigen Anlässen in die Fänge der „Smersch“ geraten. Für die historisch-politische Bildung heute ist wichtig, dass „Smersch“ keine Institution zur Bekämpfung der „Spionage“ war. Anders als mit dem Begriff heute assoziiert wird, handelte es sich um eine Institution des stalinistischen Terrors. Ihre Aufgabe bestand darin, vermeintliche „Verräter“ aufzuspüren und jede Kritik und Abweichung zu bekämpfen und Angst zu verbreiten. Der Vorwurf der „Spionage“ jeden treffen, und sei es, weil jemand zu spät zur Arbeit erschien! Per se verdächtig waren ehemalige Kriegsgefangene und „Ostarbeiter“, die während des Krieges im Ausland waren. Aber im Grunde konnte jeder Kontakt mit Ausländern, jeder Brief, jedes Gespräch und jede Denunziation dazu führen, als „Spion“ verhaftet und – ohne wirkliches Verfahren – verurteilt zu werden.

Für Menschen in einem Rechtsstaat ist es heute kaum begreiflich, aber Gericht, Anklage, Verteidigung und Öffentlichkeit waren damals nicht unabhängig voneinander. Und um Wahrheitsfindung und Rechtsprechung ging es in den Pseudoverfahren erst gar nicht. Dass unter Folter erpresste Geständnisse als Schuldbeweise galten, sagt schon viel über die damaligen Verhältnisse.
Anrede
So unbegreiflich, so schrecklich die Vorfälle im KGB-Gefängnis auch waren – niemand vermag, das Geschehene ungeschehen zu machen. Was wir aber alle gemeinsam können, ist, den Opfern ihr verdientes Mitgefühl entgegenzubringen. Und wir können ihr Leid zur mahnenden Stimme unseres kollektiven Bewusstseins und zur unabdingbaren Richtschnur unseres täglichen Handels erheben.
Wenn Humboldt sagte, nur wer seine Geschichte kenne, habe eine Zukunft, heißt das auch: Wir müssen versuchen, das Unbegreifbare begreifbar zu machen. Wir müssen uns diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte emotional und intellektuell stellen. Deshalb ist die Leistikowstraße heute nicht nur Ort des Gedenkens und der Anteilnahme, sondern stellt auch die Frage nach dem „Warum?“ – nach Hintergründen, Zusammenhängen, Opfern und Tätern. Sie versucht, eine Brücke zu schlagen zwischen den schrecklichen Vorfällen im Untersuchungsgefängnis des KGB, ihren Hintergründen, den sehr persönlichen, intimen Gefühlen der Opfer und dem Leben Hier und Heute.
Eine leichte Aufgabe ist das nicht. Denn es bedarf einer Darstellungsform, die nicht nur der Vielschichtigkeit historischer Prozesse, sondern auch der ganzen Bandbreite persönlicher Schicksale gerecht wird. Und dabei gilt es auch zu bedenken, dass parallel dazu Forschungsarbeit geleistet werden muss, weil uns längst noch nicht alle Aspekte dieser traurigen Geschichte bekannt sind.
Deshalb sage ich ganz klar: Über die Konzeption der Gedenkstätte, über Form und Inhalte der Ausstellung darf nicht nur offen debattiert werden, nein: es sollte diskutiert werden, und wir brauchen diese inhaltliche Auseinandersetzung! Denn solange die Debatte innerhalb demokratischer und rechtsstaatlicher Grenzen verläuft, kommt der bewusste Umgang mit der Vergangenheit doch hierin erst zum Ausdruck!
Und deshalb kann ich nur sagen: Wenn gerade eine Gruppe von Zeitzeugen am Ende nicht mehr Teil der Debatte ist, kann das auf Dauer niemanden zufrieden stellen.
Anrede
Es ist dem Engagement ganz unterschiedlicher Akteure zu verdanken, dass das historische KGB Gefängnis und die damit verbundenen Schicksale nicht in Vergessenheit geraten sind. So erhält die Gedenkstätte Leistikowstraße heute mehr und mehr den festen Platz in der Erinnerungskultur unseres Landes, der ihr gebührt.
Gleich nach der Rückübertragung des Gebäudes im Jahr 1994  an den ehemaligen Eigentümer, den Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein, schlug die Stunde des ehrenamtlichen Engagements mit dem Ziel der Errichtung einer würdigen Gedenkstätte zur Ehren der Opfer.
Mein besonderer Dank an dieser Stelle gilt MEMORIAL Deutschland, amnesty international und dem Verein „Gedenk- und Begegnungsstätte Ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam“. Ihre Mitglieder waren es, die erste umfassende Recherchen zur Geschichte des Ortes anstellten und Kontakt zu den ehemaligen Häftlingen suchten. Sie waren empathische und kompetente Ansprechpartner für die Opfer des Stalinismus. Sie waren es in einer Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, aber auch in einer Zeit, in der wir noch kaum über gesichertes Wissen über die sowjetischen Lager und Gefängnisse auf deutschem Boden verfügten.
Diesem ehrenamtlichen Engagement ist es zu verdanken, dass die Geschichte des Gefängnisses und die Schicksale seiner Häftlinge nach jahrzehntelanger Verdrängung wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt sind. Insbesondere die beeindruckende Ausstellung von MEMORIAL Deutschland mit dem Titel „Von Potsdam nach Workuta“ ist in dieser Hinsicht von großer Bedeutung.
Wir können den ehemaligen Häftlingen, gar nicht genug für ihren Mut, ihre Bereitschaft danken, sich so offensiv, so bewusst mit den eigenen, schmerzhaften Erfahrungen auseinanderzusetzen! Durch Sie haben viele Menschen konkret erfahren, wie der Stalinismus Menschenleben zerstört hat. Sie haben damit einen wichtigen Beitrag gegen die Geschichtsklitterung und Heldenverklärung geleistet, wie sie zu Ostzeiten lange genug betrieben wurde!
Anrede
Über die vielen persönlichen, teilweise freundschaftlichen Begegnungen mit ehemaligen Häftlingen hinaus hat mich an diesem Ort hier noch eines beeindruckt: Es ist gelungen, die historische Authentizität des Gebäudes zu erhalten bzw. durch behutsame Rekonstruktion wiederherzustellen.
Und so können sich die Besucher auf historische Spurensuche begeben: Die Zeit des evangelischen Pfarrhauses ist ebenso ablesbar wie die verschiedenen Phasen der leidvollen Gefängnisgeschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes sprechen hier die Steine. Denken wir nur an die erhaltenen Inschriften ehemaliger Gefangener in den Kellerverliesen!
Insbesondere diese Inschriften zeigen, wie wichtig es ist, die ehemaligen Lager und Gefängnisse als Gedenkstätten zu erhalten. Es sind vor allem diese Orte, die es vermögen, der Nachwelt die einstigen Lebens- und Leidensgeschichten der Menschen nahe zu bringen. Mein Dank gilt an dieser Stelle Ihnen, Frau Dr. Reich. Ihnen ist es mit ihrem Team in mühevoller Kleinarbeit gelungen, die Urheber der Inschriften zu identifizieren und sogar in Kontakt mit ihnen zu treten. Dies sind bewegende Momente, in denen uns der Sinn dessen, was wir landläufig unter „Aufarbeitung der Vergangenheit“ verstehen, wahrlich zu Herzen geht!
Neben Frau Dr. Reich und ihrem Team möchte ich es an dieser Stelle nicht versäumen, dem fachwissenschaftlichen Beirat der Stiftung Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße für seine außergewöhnliche Unterstützung und wissenschaftliche Expertise meinen ausdrücklichen Dank auszusprechen!
Es ist uns mit Unterstützung des Bundes gelungen, eine überzeugende Ausstellung zur leidvollen Geschichte dieses Hauses zu realisieren! Über fünfzig Schicksale ehemaliger Häftlinge geben Auskunft über das persönliche Erleben der damaligen, von politischer Verfolgung und Angst geprägten Zeit!
Für das Land Brandenburg ist die Aufarbeitung der Geschichte des Gefängnisses Leistikowstraße und die Würdigung seiner Opfer ein wichtiger Bestandteil der Erforschung und Aufarbeitung der Diktaturgeschichte insgesamt. Insbesondere an den individuellen Biographien lässt sich erkennen, wie sehr dieses Haus Teil des stalinistischen Systems gewesen ist. Denn zumeist war die Leistikowstraße lediglich der Ausgangspunkt für eine qualvolle Odyssee durch weitere sowjetische Gefängnisse und Lager – bis tief in das Imperium des Archipel GULAG hinein.
Anrede
Heute ist das Leben in Deutschland geprägt durch Demokratie und Meinungsfreiheit, durch Rechtstaatlichkeit und eine Verfassung, die der Würde des Menschen die herausgehobene, die unumstößliche Stellung einräumt, die ihr gebührt. Orte wie das ehemalige KGB-Gefängnis führen uns schmerzhaft vor Augen, welch unschätzbarer Wert darin liegt. Es ist eines der letzten Glieder einer Kette der Unmenschlichkeit, die sich im 20. Jahrhundert über unseren Kontinent gezogen hat. Einer Kette, an der wir Deutschen den größten Teil der Verantwortung tragen.
Mit der Gedenk- und Begegnungsstätte und der neuen Dauerausstellung wird die Erinnerung an die Vergangenheit – und mit ihr an die vielen Opfer des stalinistischen Terrorregimes – wachgehalten. Dieses Erinnern ist Element eines aktiven Bekennens zu unseren demokratischen Grundwerten – vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte und vor dem Hintergrund dessen, was auch heute noch in vielen Teilen der Welt geschieht. In diesem Sinne hoffe ich auf viele interessierte Besucher und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!"
07.05.2012
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