Da man bei den massenhaften Verhaftungen während der Demonstrationen im Januar und Februar in Moskau nicht mehr genug Platz für alle Festgenommenen hatte, wurden etwa 800 Personen in eine Zwangsabschiebungseinrichtung für Ausländer im Dorf Sacharovo bei Moskau gebracht, wo zum Teil unhaltbare Bedingungen herrschten. MBX Media sprach mit einigen der Insassen nach ihrer Freilassung über die dortigen Haftbedingungen und die Verletzung ihrer Rechte. Wir bringen ihre Stimmen gekürzt in Übersetzung.

 

Leonid Schechtman, 25 Jahre, Programmierer

Ich ging am 31. Januar zur Demonstration, weil unsere Regierung aufgehört hat, auf Fragen zu antworten. Ringsherum herrscht Gesetzeslosigkeit. Ich wurde gegen 12:40 Uhr an der Metrostation „Krasnye Vorota“ festgenommen, die OMON-Leute kamen einfach schweigend auf mich zu und führten mich ab, zum Gefangenentransporter. Auf Fragen reagierten sie gar nicht, Erkennungszeichen oder Nachnamen auf ihren Uniformen gab es keine.

Die ersten zwei Nächte verbrachte ich auf den Polizeistationen Sviblovo (da stopften sie uns zu siebt in enge und heiße Untersuchungszellen ohne Fenster) und in Ostankino (da war es im Gegensatz sehr kalt). Dann brachte man uns in großer Zahl zum Babuschkinskij Gericht. Die meisten wurden zu sieben bis zehn Tagen Haft verurteilt. Der Richter las einfach seelenlos die Unterlagen vor, wies alle meine Anfragen zurück und rief auch keine Zeugen auf. Ich bekam sieben Tage, das ist meine erste Haftstrafe.

Nach der Verhandlung brachten sie uns nach Sacharovo. Niemand dort war auf einen solchen Menschenstrom vorbereitet, es gab riesige Warteschlangen. Sie brachten uns in ein Untergeschoss mit Zellen für zehn Personen, die alle gleich ausgestattet waren: festgeschweißte Etagenbetten, in der Mitte ein Stuhl, die Toilette in der Ecke. Man gab uns Matratzen, Einweg-Bettwäsche für die gesamte Haftzeit, Geschirr und ein Handtuch. Nach der großen öffentlichen Resonanz wurden die Umstände besser: Wir bekamen Seife, Toilettenpapier und Soda.

Brühe ist die genaue Definition des Essens, das wir dort bekamen, das einfachste, damit man nicht stirbt. Die Portionen waren klein, weil die es nicht schafften, diese Mengen zu kochen. Der Umgang mit uns war absolut unmenschlich, wie mit Gefangenen in einem Kerker. Mit Folter und Verprügelungen war ich nicht konfrontiert, aber Rechtsverletzungen gab es täglich. Bitten nach weiterem heißem Wasser (normalerweise bekam man das drei Mal täglich), wurden abgelehnt. Überhaupt waren die Antworten auf alle Fragen: „Das ist nicht mein Problem, sondern eures“, „Dafür bin ich nicht verantwortlich“, „Ich gebe es weiter“ und das war's dann. An einem Tag vergaßen sie völlig, uns Abendessen zu geben. Als wir das dem Aufseher sagten, antwortete der, das würde nicht stimmen. Sie gaben uns für zehn Personen einmal täglich für eine Stunde ein Telefon, obwohl man nach dem Gesetz das Recht auf 15 Minuten Telefongespräch hat. Eine SIM-Karte hatte das Telefon paradoxerweise nicht.

Ich werde gegen meine Verhaftung Widerspruch einlegen, zurzeit versuche ich Freunden zu helfen, die noch in Sacharovo sind. Bei mir auf der Arbeit verhielt man sich zu meiner Verhaftung gelassen, Probleme gab es keine. An Gutem kann ich die Mithäftlinge hervorheben: Das waren sehr kluge und interessante Leute, mit denen es nicht langweilig wurde. Viele hatten ihre eigenen Ideen, die wir diskutierten. Ich möchte mich ausdrücklich bei meinen Freunden und den Freiwilligen für Ihre Unterstützung bedanken. Wir haben gespürt, welcher Druck von außen auf das System ausgeübt wurde und wie die Leitung der Haftanstalt es mit der Angst zu tun bekam. Ich habe verstanden, welche Bedeutung solche Projekte wie OVD-Info, „Apologija Protesta“ und andere haben, ich spende ihnen Geld und empfehle jedem, das zu tun.

 

Elizaveta Grudilova, 22 Jahre, Managerin

Ich war am 2. Februar zufällig am Ort der Verhaftungen in einem Kaffee am Arbat und gegen 22:30 Uhr entschieden mein Freund und ich nach Hause zu gehen. Vom Urteil gegen Navalnyj erfuhr ich aus irgendwelchen Unterhaltungskanälen. Ich kann mich für Politik nicht erwärmen und glaube, dass es unwahrscheinlich ist, in unserer Realität etwas zu verändern. Wir versuchten, den Demonstrationsort zu umgehen, gerieten aber mitten ins Zentrum und wurden von einigen OMON-Leuten schweigend zum Gefangenentransporter geführt. Auf der Polizeiwache fummelten die Polizisten in meinem Telefon herum und prüften Abonnements und Mitteilungen. Ich erklärte meine Situation, aber am nächsten Tag brachten sie mich zum Nagatinskij Gericht. Meine Verhandlung fand gegen 22:00 Uhr statt, der Richterin war das völlig egal, sie gab mir schnell vier Tage Arrest und ging. Bei der Verhandlung hatte ich den ganzen Tag einen ziemlich hohen Blutdruck, aber niemand rief einen Arzt.

Nach Sacharovo fuhren wir nachts, aber eingewiesen wurden wir erst am Morgen. Das Personal dort behandelte uns besser als das auf der Polizei und vor Gericht, aber das Essen war wie in der Schulkantine. Während der gesamten Zeit meiner ungesetzlichen Inhaftierung wurden meine Rechte viele Male verletzt. Im Grunde entzog man mir grundlos die Freiheit. Ich werde mit meinem Anwalt eine Klage beim EGMR [Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte] und bei anderen Instanzen einreichen. Wahrscheinlich wird es kein positives Ergebnis geben, bei uns herrscht vollständige juristische Willkür. Hervorheben möchte ich die Atmosphäre in unserem Gefangenentransporter. Alle überließen einander ihre Plätze, damit man schlafen konnte. Vielen Dank an alle Freiwilligen, ohne sie wären wir hungrig geblieben.

 

Kristina Ganina, 27 Jahre, selbständige Texterin und Stand-up-Comedian

Ich war am 23. und 31. Januar bei den Demonstrationen. Das war für mich keine Provokation, sondern die Chance gehört zu werden und anderen Menschen dazu zu verhelfen, denn es ist jetzt nicht mehr möglich, apolitisch zu bleiben. Ich wurde am Gefängnis Matrosenruhe [dort saß Navalnyj ein] festgenommen, wir standen eineinhalb Stunden im Schnee und unsere Füße erfroren vor den Augen der Journalisten. Bei meiner Verhaftung wurde keine Gewalt angewendet, aber einer der Polizisten wollte einen festgenommenen jungen Mann mit dem Schlagstock prügeln, andere Männer beschützen ihn. Sie versuchten, alle einzuschüchtern, aber in Anwesenheit der Journalisten hielten sie sich zurück. Auf der Polizei erklärten sie uns nichts, erst abends sagten sie, wir seien wegen Störung des Verkehrs verhaftet. Außerdem befragten sie mich und andere um drei Uhr nachts wegen eines ausgebrannten Polizeiwagens auf der Tverskaja Straße, obwohl ich am ganz anderen Ende der Stadt war.

Ich bekam schließlich sieben Tage, das ist meine erste Haftstrafe. Einen Anwalt hatte man zur Verhandlung nicht zugelassen. Obwohl wir in Sacharovo in der Abteilung für Frauen saßen, waren da über 30 Männer und etwas mehr 20 Frauen. Mich und weitere 3 Frauen brachten sie schließlich in eine sehr schmutzige Zelle, in der Müll und Verpackungen auf dem Boden lagen. Meine Freundin versuchte, die ganzen Tage ein Paket [für mich] abzugeben, aber das wurde ihr verweigert. Dabei belogen mich die Aufseher noch jeden Tag und sagten, dass sie abends alles bringen würden. Unsere Sachen lagen die ganze Zeit in offenen Paketen. Als sie uns freiließen, fand eine Freundin ihr Telefon und das Ladegerät nicht mehr, meine Sachen waren noch alle da. Mit offener Aggressivität, so wie ich es von anderen gehört habe, war ich nicht konfrontiert. Manche [Aufseher] verhielten sich angemessen, andere nicht. Einmal kam ein Vertreter der Haftanstalt und verlangte, dass wir die Zelle aufräumen, um dem Ombudsmann zu zeigen, wie toll bei ihnen alles ist. Wir weigerten uns und niemand kam. Ich werde meine Strafe beim EGMR anfechten, weil sie mir vor Gericht das Recht auf einen Anwalt verkündeten, aber diesen dann nicht in den Verhandlungssaal ließen. Ich bin froh, dass ich das alles überlebt und am eigenen Leib verspürt haben. Ich habe geweint, die gläsernen Augen der Richter haben mich beleidigt, die Ungerechtigkeit auf Schritt und Tritt beleidigt mich, aber ich weiß, dass das Recht auf meiner Seite ist.

 

Lidia Schatochina, 18 Jahre, Regisseurin

Ich bin bewusst zur Demonstration am 31. Januar gegangen. Festgenommen wurde ich an der Metrostation „Krasnye Vorota“. Als ich damit anfing, die Situation in meinem Heimatland zu analysieren, schloss ich mich sofort der Oppositionsbewegung an. Zu Demonstrationen ging ich aber erst, nachdem ich 18 geworden war. Die Richterin interessierte sich formal für meine Beweggründe, wies aber alles zurück und lehnte alle Anträge ab. Das ist meine erste Haftstrafe, ich bekam sieben Tage. Man brachte mich mit anderen in einer großen Kolonne nach Sacharovo.

Zuerst führten sie uns in eine Zelle für zehn Personen unter schrecklichen Bedingungen. Das größte Problem in diesen Zellen war die unfassbare Schwüle. Es war einfach physisch unmöglich zu atmen. Bei uns war ein Mädchen mit Asthma und sie bekam Anfälle von dem Staub und der schlechten Luft. Später brachten sie uns dann in einen anderen Trakt, wo wir zu viert waren. Da war es besser. Die Mitarbeiter schliefen selbst einige Tage nicht und waren sehr erschöpft. Wir verhielten uns ihnen gegenüber verständnisvoll. Sie gaben uns für 10 Minuten am Tag Tastentelefone, wir hatten Glück - die Jungens weniger, sie sahen nur alle drei, vier Tage mal ein Telefon.

Es gab ziemlich viele positive Momente. Ich möchte die Polizeistation Sviblovo hervorheben, wo ich die ersten zwei Tage war. Die Mitarbeiter taten alles für unseren Komfort. Als man uns durch Moskau nach Sacharovo fuhr, begann einer [der ebenfalls Festgenommenen] eine Exkursion durchzuführen und erzählte von der Architektur, den Gebäuden, Museen und Denkmälern. Bei den Hofgängen sangen wir Lieder und redeten viel, ich war von sehr gebildeten Leuten umgeben. Wir tauschten Bücher aus und lasen sie laut vor. So eine unglaubliche Einheit und gegenseitige Unterstützung unter einander unbekannten Leuten hat mich einfach erschüttert.

 

Sofija Bykova, 25 Jahre, Spezialistin für externe Kommunikation

Wurde wegen der Teilnahme an den Demonstrationen am 31. Januar zu fünf Tagen Haft verurteilt und wird das Urteil beim EGMR anfechten. Man nahm ihr gewaltsam das Telefon ab und zwang sie, Fingerabdrücke nehmen zu lassen. Sofija verfasste eine Erzählung über ihren Aufenthalt in Sacharovo, das hier abgedruckte Fragment widmet sie ihren dort gewonnenen, neuen Bekanntschaften:

Jeder Hofgang ist eine Möglichkeit, Neuigkeiten auszutauschen und sich die Außenwelt nicht durch das Fensterchen in der Tür anzuschauen, durch das man das Essen reicht. Ich fand einen Freund in einem der Fensterchen im Erdgeschoss, ein junger Mann aus der Zelle gegenüber schaut jeden Tag heraus, um ein Schwätzchen zu halten. Wir tauschen sogar unser Tisch-Spiel gegen ihr Radio und in die Spielregeln lege ich eine kurze Notiz mit Worten der Unterstützung. Beim Hofgang fallen uns ständig Zettel auf den Kopf. Auf einem begeistert sich ein netter Typ darüber, dass so zarte Geschöpfe auch für unsere Freiheit kämpfen.

„Wir sind nicht zart!“, rufen wir im Chor, nachdem wir die Notizen gelesen haben. „Hast du sie denn überhaupt gesehen?“, unterstützt uns eine Stimme aus dem dritten Stock. „Aus solchen wie denen kann man Nägel machen!“ Dieses Kompliment ruft stürmische Reaktionen hervor. Auf allen Zetteln stehen Telefonnummern, hinter jedem Fenster ist jemand mit Notizblock und Kugelschreiber, um die Telegram-Nummer oder andere soziale Netzwerk-Adressen aufzuschreiben. Wir nennen das zum Spaß „Gefängnis-Tinder“ und stellen uns vor, was das für eine Geschichte für die Enkel wird: „Wo habt ihr euch kennengelernt?“ „Im Konzentrationslager für politische Häftlinge... .“

 

Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker

10./25. Februar 2021 

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