Viele, die sich an den Demonstrationen im Januar beteiligt haben, taten das für ein anderes Russland. Sie erzählen der Redaktion von „7x7“, in was für einem Land sie leben wollen. Wir bringen ihre Erzählungen in Übersetzung.

 

Vadim Gurjanov, Art-Direktor bei einer Werbeagentur in Jaroslavl. Wurde bei der Demonstration am 31. Januar verhaftet.

Keine einzige Revolution hat etwas Gutes gebracht, deshalb warte ich sehr darauf, dass die aktivsten Russen, die in irgendeiner Weise das Leben im Land verbessern wollen, allmählich und in den Bereichen, die sie interessieren, eine führende Rolle übernehmen. Und wenn diese Leute dann an die Macht kommen, werden sie nicht korrupt sein. Ich möchte so gerne neue, junge Menschen sehen, die bereit sind, das Land besser zu machen.

Ich hätte gerne einen Kommunitarismus, bei dem es ein Gleichgewicht gibt zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen mit einem leichten Übergewicht in Richtung Gesellschaft, denn in der letzten Zeit denken wir oft nur uns selbst und deshalb laufen in Russland alle Prozesse viel langsamer. Ich hätte gerne eine Einheit von Regierung und Volk, wo die Regierung das Volk versteht und das Volk die Regierung, wo es kein großes Missverhältnis gibt, bei dem sich die Menschen megakomplizierte Instrumente ausdenken müssen, um miteinander zu agieren. Und dass alles maximal einfach, logisch, effektiv, verständlich und ohne Korruption läuft, dass die Effektivität der Regierung auf lokaler, regionaler und föderaler Ebene durch die Anstellung von Leuten gesteigert wird, die wirklich wissen, welche Maßnahmen wirksam sind und welche nicht. Und ich hätte natürlich gerne weniger Clowns. Deshalb brauchen wir auch Wahlen, für eine Absetzbarkeit, für Veränderungen im Land, dafür, dass jeder Russe eine Wahl hat. Zurzeit haben wir das in Russland nicht.

 

Mascha Krasnova, Vertriebsspezialistin für Firmenkundin aus Penza. Wurde bei der Demonstration am 23. Januar festgenommen und zu einer Geldstrafe von 15.000 Rubeln [ca. 168 Euro] verurteilt.

Ich wünsche mir, dass die Leute keine Angst vor der Polizei mehr haben, nicht vor der OMON davonlaufen und die Vertreter von Macht und Gesetz das Gesetz einhalten. Dass der Öffentliche Nahverkehr besser zugänglich ist und uns nicht gesagt wird, dass Busse sich nicht lohnen. Dass Tierheime nicht in Schulden ertrinken, während die Finanzierungen von Unterbringungen für Menschen gewährleistet ist. Dass die Regierung nicht per SMS Geld zur Unterstützung von Menschen sammelt. Dass der Asphalt im Frühling nicht gleichzeitig mit dem Schnee schmilzt, Städte und Straßen in Ordnung gebracht werden. Dass die Menschen leben können und nicht nur überleben. Dass es kein Luxus ist, sich ein Eis zu kaufen und man für den Geburtstag nicht die billigere Torte nehmen muss.

 

Irina Schumilova, Studentin an der Staatlichen Universität in Kostroma. Am 23. Januar festgenommen und zu einer Geldstrafe von 20.000 Rubeln [ca. 224 Euro] verurteilt. 

Das künftige Russland sehe ich als einen demokratischen, sozialistischen Staat. Was Veränderungen in der nächsten Zukunft betrifft, so würde ich nennen: die sofortige Freilassung der politischen Gefangener, die Umwandlung von Palästen der Oligarchen in Kinderheime und Schulen, die Verabschiedung eines normalen Gesetzes zur häuslichen Gewalt, eine Erneuerung des Arbeitsrechts, um die Durchführung von Streiks zu erleichtern, die Einführung einer Kontrolle über Unternehmen, um Verstöße gegen Sicherheitsvorkehrungen zu vermeiden, sowie einer progressiven Besteuerung und planwirtschaftlicher Elemente.

 

Michail Malinin, Masterstudent an der Staatlichen Universität Jaroslavl. Polizisten hielten ihn am 23. Januar bereits vor der Kundgebung fest, er konnte jedoch entkommen und schloss sich der Demonstration an.

Für mich ist in erster Linie Freiheit wichtig. Dass der Mensch aufhört, irgend so ein Backstein zu sein, Staub unter den Füßen, mit dem man auf Wunsch alles machen kann, was man will. Dass man Freiheit, Leben, Recht und Würde des Menschen respektiert. Auf dieser Grundlage bilden sich normale soziale Beziehungen. Es braucht eine Demontage der anti-extremistischen Gesetzgebung, zumindest eines großen Teils davon, das Beenden einer Verfolgung für „Gedankenverbrechen“. Das Landesgesetz zu Demonstrationen muss komplett abgeschafft werden, ein einfacher Erlass dazu, wie eine öffentliche Aktion durchzuführen ist, reicht aus. Dann braucht es eine Verbesserung bei der Qualität und bei der Unabhängigkeit des Rechtssystems, eine Dezentralisierung der Polizei, die Einführung einer kommunalen Polizei für kleine Gesetzesübertretungen und die Schaffung eines einheitlichen Untersuchungsorgans für schwere Verbrechen. Wir brauchen eine Liberalisierung der Politik, freie Wahlen und eine Registrierung von Parteien ohne Hindernisse. Der Föderationsrat muss auch zur Wahl stehen.

 

Andrej Gribanov, Elektromonteur aus der Siedlung Voltschij im Gebiet Penza

Nahm an den Demonstrationen am 23. Januar teil. Wurde am 29. Januar verhaftet, nachdem er Gouverneur Ivan Belozercev in dessen Internet-Empfangsportal eine Mitteilung geschickt hatte, in der er vorschlug, dem Präsidenten die Forderungen der Demonstranten zu überbringen und damit ein neues Meeting zu vermeiden.

Erstens, was ich sehen möchte, ist eine austauschbare Regierung: Vier Jahre Präsidentschaft ist für eine Regierungsfrist völlig ausreichend. Und natürlich direkte Wahlen von Bürgermeistern und Gouverneuren. Zweitens ein unabhängiges Gericht, weil es derzeit praktisch unmöglich ist, seine Interessen vor Gericht zu vertreten. Drittens soll auf den Wahlzetteln wieder „Gegen Alle“ ankreuzbar sein und wer gegen diesen "Kandidaten" ("gegen Alle") verliert, soll nicht mehr an Wahlen teilnehmen dürfen. Das ist das Minimum, was ich im Russland der Zukunft sehen möchte. Und mehr angemessene Menschen, die für ihre Rechte eintreten können, die wissen, wie man das macht und es dann selber tun.

 

Anastasija Cvetkova, Psychologin aus Pskov

Wurde bei der Demonstration vom 31. Januar festgenommen, zu 12 000 Rubel Geldstrafe [ca. 134 Euro] verurteilt. Auf einem Video, das die Polizei dem Gericht als Beweis zur Verfügung stellte, ist die Demonstration vom 23. Januar zu sehen, an der Anastasija nicht teilnahm. 

Ich möchte in einem ehrlichen, freien und fürsorglichen Russland leben, wo man keine Angst haben muss, seine Meinung zu sagen, wo die Polizei beschützt und nicht verkrüppelt, wo man Menschen nicht unter erdachten Paragraphen ins Gefängnis steckt, wo es Vertrauen in die Behörden gibt. Ich will, dass das Leben in einem Land, wo Ausweglosigkeit als Norm wahrgenommen wird, ein Ende hat. Wir haben uns an diese Ausgangslage gewöhnt, aber jetzt wird immer klarer, dass es so nicht weiter gehen kann. Es ist jetzt schon unmöglich, die Willkür ringsherum nicht mehr zu bemerken.

 

Valerija Ditschenskaja, Verkäuferin aus Staryj Oskol im Gebiet Belgorod

Festgenommen bei der Demonstration am 31. Januar, zu 10 000 Rubel Geldstrafe [ca. 112 Euro] verurteilt.

Ich halte es für unabdingbar, dass eine Regierung abgelöst werden kann, und dass es eine Opposition gibt, die mit dieser Regierung konkurrieren kann, ohne Angst, im Gefängnis zu landen. Das Russland der Zukunft ist für mich vor allem ein Land mit normalen demokratischen Prinzipien, wo Rechtsinstitutionen Gültigkeit haben, die uns in 20 Jahren der Regierung Putin genommen wurden, keine Korruption, angemessene Gehälter, die den Menschen erlauben Immobilien zu erwerben, eine Familie zu unterhalten, zu reisen. Die Regierung im Land muss vom Volk im Rahmen freier und transparenter Wahlen gewählt werden. Der Präsident muss verstehen, dass er einfach ein angestellter Beamter ist, der im Interesse des Volkes arbeitet, und kein Zar. Die Oligarchie im Land muss aufhören zu existieren. Es darf keine Einmischung in bewaffnete Konflikte anderer Länder geben.

 

Sergej Djadkin, Chemielehrer aus Kirov

Wurde während der Demonstration vom 31. Januar festgenommen, als er auf dem Platz, auf dem die Demonstration stattfand, eine Eisrutsche herunterrutschte. Die Polizei nannte keine Gründe für seine Festnahme und ließ ihn später wieder frei.

Zurzeit gibt es in Russland absolut keine Gewaltenteilung, dieses Zusammenfließen der Machtzweige läuft seit dem Ende der 90er Jahre. Die Verfassung wird in Bezug auf die Verfassungsordnung, Menschen- und Freiheitsrechte nicht eingehalten. Den Menschen wurden freie Wahlen und das Recht auf friedliche Versammlungen genommen, die repräsentative Demokratie funktioniert nicht. Die Regierung stützt sich auf Bajonette und plumpe Propaganda, deshalb hat das Land im Ganzen keine Perspektive.

Das Russland der Zukunft ist das Land, das im ersten Abschnitt der Verfassung der Russischen Föderation dargestellt ist. Dem habe ich nichts hinzuzufügen, da muss man das Rad nicht neu erfinden. Wenn sich die Leute dafür interessieren würden, könnten sie von ökonomischen und politischen Programmen erfahren, die schon lange ausgearbeitet wurden. Doch das politische Feld wurde gesäubert und alle sehen nur einen Helden – Navalnyj.

 

Svetlana Marina, Programmiererin aus Kirov. Am 27. Januar teilte ihr die Polizei mit, dass sie für die Teilnahme an der Demonstration am 23. Januar, bei der sie einige Minuten ein Plakat hochgehalten hatte, für fünf Tage in Haft muss.

Für ein wenige Minuten hochgehaltenes Plakat kann man fünf Tage ins Gefängnis kommen! Das Verfahren gegen Navalnyj ist es nicht als solches, es herrscht eine völlige rechtliche Willkür. Während der Demonstration hatte ich nicht erwartet, dass so viele Menschen auf die Straße gehen würden. Das Volk wacht auf. Das Russland der Zukunft aber ist ein Land, in dem Gesetze eingehalten werden, in dem die Menschen die Regierung wählen und sie beeinflussen können, wo der Staat für die Menschen arbeitet und nicht für sich selbst.

 

Aleksej Smirnov, Elektriker aus Vologda. Wurde am 31. Januar verhaftet, als er im Zentrum von Vologda während der Demonstrationen spazieren ging.

Ich arbeite als selbständiger Elektriker und weiß von meiner Arbeit, dass eine gesunde Konkurrenz dazu zwingt, sich weiter zu bewegen, sich ständig zu entwickeln und seinen Service zu verbessern. Ein Mensch in einem gewählten Amt muss wissen, dass er beim nächsten Mal nicht wiedergewählt wird, wenn er seinen Auftraggebern, den einfachen Leuten, schadet. Aber wenn es eine solche Konkurrenz nicht gibt, dann gibt es auch keinen Grund besser zu werden und man kann einfach tun, was man will, denn ein anderer kommt ohnehin nicht.

In Russland kann man im Moment eine ungesunde Konkurrenz beobachten, bei der Opponenten einfach vernichtet und nicht zur Wahl zugelassen werden. Wenn die Regierung denkt, dass sie mit ihren Verpflichtungen zurechtkommt, was für einen Sinn hat es dann, Konkurrenten gewaltsam zu zerstören? Das Volk soll entscheiden, wer an der Macht sein soll. Ich bin für ehrliche Wahlen. Navalnyj? Nicht unbedingt. In unserem Land leben 140 Millionen Menschen. Ich glaube nicht, dass es in Russland niemanden gibt, der das Ruder übernehmen kann.

 

Aleksej Borisov, LKW-Fahrer aus Rjazan. Bei der Demonstration am 31. Januar von Sicherheitskräften verprügelt und verhaftet.

Es ist sehr wichtig, in Russland die Einstellung der Menschen zu sich selbst und zur Regierungsmacht zu verändern, dann wird die Regierung auch ihre Haltung zu den Menschen ändern. Ich kann es nicht ertragen, wenn man sagt: „Wenn du an die Macht kommst, wirst du dann etwa nicht stehlen?“ Als würde jeder klauen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Mir scheint, diese Lüge wird von oben verbreitet, damit das Volk nicht einmal auf den Gedanken kommt, neue Leute in die Regierung zu wählen.

Um mich herum gibt es eine große Zahl an Menschen, die keinen fremden Faden anrühren. Von ihnen muss man erzählen, die muss man unterstützen, damit jeder versteht: Unser Volk ist nicht diebisch, so wie man es üblicherweise glaubt. Es gibt die hartnäckige Ansicht, dass unser Land angeblich nicht ohne starken Regierungschef existieren kann. Aber haben wir das denn versucht? Die Menschen in unserem Land haben außer der Peitsche noch nichts gesehen, deshalb denken einige, dass es ohne nicht geht.

Aber man muss sie versuchen lassen anders zu leben, dann zeigt sich vielleicht, dass es ohne Peitsche besser geht. Und jeder muss am eigenen Leib spüren, dass das Wort „Liberaler“ keine Beleidigung ist, liberal zu sein, ist in der zivilisierten Welt normal. Wenn die Menschen beginnen, sich selbst und einander zu respektieren, dann werden sie eine solche Regierung, die sie jetzt dulden, einfach nicht mehr ertragen. Und das wird auf jeden Fall passieren, denn es gibt mehr kluge und ehrliche Leute als solche, die eine fremde Meinung übernehmen und sich jedem beliebigen Befehl fügen. Die letzten Demonstrationen haben das deutlich gezeigt. Noch am 22. Januar haben die Aktivisten von Rjazan über sich selbst gelacht: „Es werden 10 Leute kommen, drei Journalisten und 50 Nationalgardisten.“ Aber wir haben uns geirrt. Bei der Demonstration waren ungefähr 2000 Menschen dabei und das ist großartig.

 

Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker

 

8./19. Februar 2021 

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