Am 15 August wurde Artyom Vazhenkov, Koordinator von „Otkrytaja Rossija“ (Offenes Russland), aus der Haft in Minsk entlassen, wo er mit seinen Kollegen die dortigen Wahlen hatte beobachten wollen. In einem bei Radio Svoboda veröffentlichten Interview berichtet er über die Zustände in der Haftanstalt, von Folter und Erniedrigungen. Wir bringen das Interview leicht gekürzt in Übersetzung.

 

War es nicht gefährlich den Polizisten zu sagen, dass ihr nach Belarus gekommen seid, um den Ablauf der Wahlen zu beobachten? 

In der Zeit zwischen den Film-Aufnahmen schlugen sie dort die Leute: filmten den einen – verprügelten den nächsten; dann filmten sie den, den sie verprügelt hatten. Und so weiter der Reihe nach. Die Polizisten filmten selbst. Ich teilte ihnen diese Information mit, damit sie schneller von mir abließen. Ich wollte nicht auch noch auf die Wirbelsäule bekommen. 

Was geschah mit Ihnen nach der Verhaftung? 

Zuerst brachte man uns ins „Zentrum zur Isolation von Gesetzesbrechern“ [ZIP]. Eine gewisse Zeit waren Igor [Rogov] und ich zusammen in einer Zelle, oder wie soll man sagen, das war so ein Territorium, auf dem Gefangene herumlaufen konnten. Dann trennte man uns. Ich wurde in die eine Zelle gebracht, er in eine andere. Und als man mir erklärte, dass ich ein Verdächtiger bin, brachte man mich ins IVS [Untersuchungsgefängnis]. Tatsächlich ging es mir im IVS besser, denn im ZIP war es einfach schrecklich. Dort herrschten grauenhafte Verhältnisse – mehr als 40 Menschen in einer Zelle für sechs Personen, Folter, permanente Gewalt und so weiter. Über die Haft im IVS kann ich mich praktisch nicht beklagen. Prügel, Gewalt und Folter gab es von Seiten der OMON bei der Festnahme und im ZIP. Worin sie bestand? Nun, natürlich Schläge, sie droschen mit Schlagstöcken, zwangen uns unter anderem auf dem Betonboden in die Knie, dort den Kopf auf den Boden zu halten und in dieser Haltung zum Beispiel zwei Stunden zu bleiben, also bis der ganze Körper taub war. Die Leute stöhnten vor Schmerzen. Am ersten Tag gaben sie uns überhaupt kein Wasser, ließen uns nicht auf die Toilette und kamen manchmal, um uns zu schlagen. 

Einfach so? 

Das ist ja der springende Punkt, wenn man einen Menschen foltert, fordert man: „Solange du keine konkreten Aussagen machst, werden wir dich schlagen.“ Aber dort haben sie einfach so geschlagen – zum Vergnügen. Sie sagten: „So erziehen wir euch um, ihr Kreaturen.“ Sie waren sicher, dass alle, die sich dort befanden, irgendwelche Revolutionäre seien, die Massenunruhen verursacht hätten und so weiter, obwohl das ganz und gar nicht so war. Mit uns zusammen waren auch Minderjährige in einem Raum. Die haben es genauso abgekriegt. 

Was war das Schlimmste, das Sie gesehen haben? 

Gesehen kann man nicht sagen, ich habe es gespürt, weil wir ständig in der Haltung „die Fressen auf den Boden“ waren. Schrecklich war das, was wir hörten - , weil nachts hinter den Fenstern in diesem Zentrum zur Isolation von Rechtsbrechern menschliches Geheul, Schreie und Rufe ertönten. Die Menschen wurden gefoltert. Uns hat es dabei noch nicht einmal so schlimm erwischt. In der Zelle, in der ich im IVS saß, war ein Mensch, der mit der „Schwalbe“ gefoltert wurde [dabei werden die Hände auf dem Rücken fixiert, die Person wird so aufgehängt, dass die Füße den Boden nicht berühren, und zusätzlich mit Schlagstöcken geschlagen; Anm. d. Übs.], wesentlich brutaler geschlagen und „auf den Korridor gelassen wurde“ - dabei läuft der Mensch nackt über den Flur, an den Seiten stehen OMON-Leute und knüppeln, wohin sie treffen. Sie sagten, wir seien Faschisten, dass wir das Land in die Katastrophe führen wollen. Aus irgendeinem Grund sagten sie, dass wir ihre Familien und sie selbst töten wollten und dass sie diese ganze, Verzeihung, Scheiße aus uns heraus prügeln würden. 

Gab es etwas, was die Aggression von Seiten der Polizisten hervorrief? 

Jeder Satz provozierte Aggression. „Gebt uns was zu trinken“ - Aggression. „Wir wollen auf die Toilette“ - Aggression. Nicht jede Aggression endete mit Prügel, aber jedes unserer Worte mit Beleidigungen und Erniedrigungen. Zum Beispiel ließen sie uns alle in Unterhosen in der Zelle sitzen. 

Wozu? 

Um uns zu erniedrigen. Es gab so einen Fall: Einen jungen Kerl führten sie in Unterhosen ins Gericht und verurteilten ihn zu 14 Tagen. Sie brachten ihn aus der Zelle und führten ihn in „Schwalbenhaltung“ in Unterhosen ins Gerichtsgebäude nebenan über die Straße. 

Waren Sie die ganze Zeit ohne Kleidung? War es kalt dort? 

In der Zelle hatte ich keine Kleidung, aber da, wo man die Häftlinge spazieren gehen ließ, hatte wir Gott sei Dank welche. Wir hatten uns schon mit dem Gedanken abgefunden, dass wir diese kalte Nacht unter freiem Himmel verbringen müssen, weil das Dach da offen ist. Alle begannen schon zu besprechen, dass wir uns irgendwie als Haufen legen müssten, um uns mit unseren Körpern zu wärmen, damit wir nicht krepieren. Aber da brachten sie uns in die Zelle, wo es eine andere Plage gab, da war es umgekehrt unheimlich schwül und heiß, aber wenigstens gab es einen Wasserhahn, wo man trinken konnte, so viel man wollte. Dort waren sechs solcher Bettstellen, aber wieder ohne Matratzen, einfach Metalllatten, die dir, wenn du dich drauflegst, so in den Körper drücken, dass es einfach nicht auszuhalten war. Die Menschen haben einfach auf dem Boden geschlafen. 

Nach der Festnahme versuchten einige Kollegen, Sie telefonisch zu erreichen, ein Unbekannter nahm den Hörer ab und stellte sich als Freund vor. Wissen Sie, wer das war? 

Ein Mitarbeiter aus dem ZIP. Als wir dort in der Zone für Spaziergänge waren, warf man alle Sachen der Festgenommenen auf einen Haufen. Ich höre, wie mein Telefon klingelt. Da kommt der ZIP-Mitarbeiter und fragt, wem das Samsung-Telefon gehört. Ich antwortete, dass das wahrscheinlich meines ist. Er sagte: „Die haben da angerufen und gefragt, ob ihr alles gemacht habt, was ihr machen solltet.“ Später erfuhr ich, dass der Mitarbeiter mit meinem Kollegen Vladimir Shilkin gesprochen hatte. Und natürlich war dieser Mitarbeiter nicht mein Freund.

 Hatte die Tatsache, dass Sie russischer Staatsbürger sind, irgendeinen Einfluss auf die Handlungen der Polizisten? 

Hatte sie, es stachelte sie an, sie waren begeistert, einen russischen Staatsbürger zu quälen. Sie sagten: „Wir wissen, warum du hier bist – um bei uns Revolution zu machen.“ 

Gab es irgendeinen Mitarbeiter, der eine Art von Mitgefühl zeigte? 

Nein, den gab es nicht. Aber mir hat sich ein Polizist eingeprägt, der uns etwas mehr erlaubte, als die anderen: Er gestattete uns, ein bisschen über den Platz zu laufen und nicht auf den Knien mit dem Gesicht zur Wand liegen zu müssen. Das war in diesem Moment für uns ein großes Glück. 

Wie ging Ihre Freilassung vor sich? Warum entließ man Sie nicht gemeinsam mit Igor Rogov am 11. August, sondern behielt Sie länger? 

Möglich, dass man aus mir einen größeren Missetäter machte, weil ich eben älter bin und eine aktivere politische Haltung habe, was man in meinen sozialen Netzwerken sehen kann. Nach drei Tagen sind sie verpflichtet, entweder Anklage zu erheben, einen ins Untersuchungsgefängnis zu überführen oder freizulassen. Ich wartete mit unheimlichem Schrecken auf diesen Moment – mit Furcht auf der einen Seite, mit Hoffnung auf der anderen. Ich wusste schon, dass Rogov zu diesem Zeitpunkt freigelassen worden war. Man sagte mir, ich solle mit meinen Sachen aus der Zelle kommen und führte mich ins Erdgeschoss. Dort unterschrieb der Ermittler in meinem Beisein das Papier zur Entlassung aus dem IVS. Wir setzten uns in ein gewöhnliches Zivilfahrzeug, fuhren zur Abteilung des Untersuchungskomitees für den Sowjetbezirk der Stadt Minsk, da hatte ich noch ein Gespräch mit dem Ermittler, der mir irgendeine Mappe zeigte und sagte: „So, da sind Sie gekommen, dorthin gefahren, da haben Sie eine Sim-Card gekauft, dort gewohnt, gegessen, geschlafen. Da waren Sie und da waren Sie nicht. Wir haben alle Unterlagen geprüft und sind zu dem Schluss gekommen, dass Sie nicht an den Massenunruhen teilgenommen haben.“

Ich habe mich natürlich sehr gefreut, obwohl ich echt eingeschüchtert war und dachte, bei meinem Pech werden Sie es sich jetzt gleich nochmal überlegen. Dann kamen Mitarbeiter der Botschaft und wir fuhren dorthin, füllten Papiere aus und dann brachten sie mich schon nach Smolensk, wo mich Freunde abholten. Übrigens muss ich die Arbeit der Botschaftsmitarbeiter erwähnen. Sie waren wirklich aufrichtig froh, dass sie mich befreit hatten. Und das war für sie nicht einfach eine Formalität. 

Können Sie diese Polizisten dort mit unseren vergleichen? 

Vielen wird nicht gefallen, was ich sage, aber unsere Sicherheitskräfte verhalten sich im Vergleich zu den belarussischen Milizionären geradezu überkorrekt. Im Vergleich ist es dort einfach nur der Horror. Es gibt eine schreckliche, grausame Logik der Folter, wenn man von dir Informationen oder irgendwelche Aussagen will. Aber wenn man dich prügelt, foltert, moralisch vergewaltigt einfach aus Vergnügen... . Ich weiß nicht, vielleicht gibt es solche Fälle in Russland auch, aber ich bin nicht sicher, dass sie einen derartigen Massencharakter haben. Doch ich habe das Gefühl, wenn wir den belarussischen Weg gehen, ist es vollkommen möglich, dass das, was gerade in Belarus geschieht, in Russland in vier Jahren passieren wird. 

Was haben Sie bei diesen Wahlen als Beobachter gesehen? 

Ich habe Massen an unzufriedenen Menschen gesehen, die jegliche Möglichkeit ergreifen, unter anderem auch diese Wahlen, um dem derzeitigen Präsidenten ihre zivilgesellschaftliche Unzufriedenheit zu zeigen. Die Situation in den Wahlbezirken im Zentrum unterschied sich auffallend von der an den Stadträndern, in den Pendelbezirken. Als wir ankamen, waren dort riesige Menschenschlangen, die in den Wahlbezirken ihre Stimme abgeben wollten. Die Wahlkommissionen hatten keine Wahlzettel mehr – das erste Anzeichen einer Wahlfälschung. Am 8. August begannen bei ihnen alle Autos zu hupen, die Menschen erhoben aus den Autos ihre Hände mit der geballten Faust, alle, die vorbeiliefen, machten diese Geste auch. Das ist ein Symbol des Protests, der Solidarität, der Unzufriedenheit mit dem, was im Land vor sich geht. Ich habe das Gefühl, dass ganz Minsk kategorisch gegen diesen Präsidenten ist.

 

17./31. August 2020

 

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