Vor einigen Monaten erschien im Rahmen einer Gesprächsreihe mit NGO-Mitarbeitern über ihre Arbeit im zivilgesellschaftlichen Bereich das nachfolgende (hier geringfügig gekürzte) Interview von Elena Dolzhenko mit Alexandra Polivanova, Leiterin zahlreicher Projekte bei Memorial in Moskau und Vorstandsmitglied von Memorial International.

 

Foto: Slava Samyslov, ASI

 

Schwedische Denkweise

 

Sie haben an der RGGU (Russisches Universität für Geisteswissenschaften) studiert und hatten eine Aspirantur im Institut für Weltliteratur der RAN (Russische Akademie der Wissenschaften). Was hat Sie bewogen, Skandinavien zu erforschen und Schwedisch zu lernen?

 Nach der Schule, im Alter von 17-18 Jahren, wusste ich nicht genau, wo und was ich studieren sollte. Damals war die Uni für Geisteswissenschaften in Mode, es war schick, Geschichte und Philologie zu studieren. Ich ging dahin wie in ein Institut für adlige Mädchen, ein wenig auch wegen meiner Freunde.

Irgendwann werden wir alles erfahrenWarum gerade Skandinavistik weiß ich bis heute noch nicht, offenbar war ich mir nicht im Klaren darüber. Es war mehr oder weniger eine Zufallsentscheidung. Wir lernten alle automatisch russische Literatur und Geschichte, allgemeine Geschichte, Weltliteratur, Latein. Zugleich wählten wir noch eine Fremdsprache. In den Englisch- und Französisch-Gruppen waren sehr viele, und ich hatte diese Sprachen schon früher gelernt. Schwedisch konnte ich überhaupt nicht. Im September entdeckte ich diese Sprache und sah, dass die betreffende Studenten-Gruppe klein war. Offenbar schien mir das exotisch und interessant.

Haben Sie diese Entscheidung nicht bereut?

Nein. Nach irgendeinem Kurs bin ich zum Studium nach Schweden gegangen. Ich hatte nicht den ausdrücklichen Wunsch, Übersetzerin oder Lehrerin für schwedische Literatur oder Literaturwissenschaftlerin zu werden. Aber Schweden begann mich allmählich zu interessieren, die Denkweise, die Lebensweise...

 

Foto: Slava Samyslov, ASI

 

Hat Sie der dortige Umgang mit den Menschenrechten beeinflusst?

Damals habe ich an all das überhaupt nicht gedacht. In meinem bewussten Leben habe ich nur wenig mit der Sowjetmacht zu tun bekommen, ich kam gar dazu, unter ihr zu leiden. Alles Schreckliche dazu gab es in Büchern und in den Erzählungen der Eltern. Das klingt jetzt etwas infantil, aber in jenen Jahren hatte ich den Eindruck, dass alles Schlechte auf natürliche Weise zu Ende gegangen war und dass das Gute gesiegt hatte: Bald wird in Russland alles gut werden, wie in der gesamten zivilisierten Welt. In den Jahren, als ich nach Schweden ging, Ende der 1990er Jahre, schien mir die Demokratie aus Wahlen und Mehrparteiensystem zu bestehen, und all das gab es in Russland mehr oder weniger, also war mit der Demokratie alles in Ordnung. Ich wusste vom Krieg in Tschetschenien, aber das hielt ich für einen bedauerlichen Fehler, der ebenfalls bald sein Ende finden wird.

Ich merkte, dass in Schweden das gesamte Leben vom Standpunkt der Demokratie und der Menschenrechte aus gesehen wird, es gibt eine ständige Diskussion. Schweden schien sich schon lange auf diesem Weg zu befinden, worüber sollten sie sich streiten. Manchmal war es sogar enervierend. Aber allmählich wurde klar, dass Demokratie nichts Gegebenes ist, dass sie keineswegs nur aus einem Parlament und Wahlen besteht. Sie erfordert eine ständige Reflexion über das alltägliche Leben, das einen umgibt - in der Universität, im Geschäft, im Museum, in den Zeitungen, überall.

Ich hatte eine Freundin mit Kindern, auf die ich in dem Jahr in Schweden manchmal aufpasste. Mir scheint, ich habe damals vieles über die Stellung des Kindes in der Familie, in der Gesellschaft und von den Rechten des Kindes begriffen.

Was hat Sie konkret überrascht?

Ich habe das Kind hier als völlig gleichberechtigtes Familienmitglied erlebt, das gleichberechtigt seine Meinung äußern und an Entscheidungen teilnehmen konnte. Jetzt bewerte ich meine ganze Erfahrung dort natürlich bewusster, weil ich mich nach meiner Rückkehr nach Russland weiterhin für all diese Probleme interessiert habe.

Was die skandinavische Literatur betrifft, so hat sie mich nicht vom rein philologischen Standpunkt aus interessiert, sondern eher wegen ihres sozialen Engagements - als Ort für soziale Kritik, des Nachdenkens über die Gesellschaftsordnung, die Stellung des Menschen in der Gesellschaft, die Moral in der modernen Gesellschaft und beim Rückblick auf die Vergangenheit.

 

Was haben Sie nach dem Studium gemacht?

Nach Abschluss des Studiums habe ich als Übersetzerin aus dem Schwedischen ins Russische gearbeitet und dieses Fach auch an der RGGU unterrichtet. Als Dolmetscherin habe ich schwedische Familien, die Kinder adoptieren wollten, in Waisenhäuser, nach Dmitrov und in andere Internate in Moskau und Umgebung begleitet. Ich half den Eltern, mit den Kindern, dem Personal und den Ärzten bekannt zu werden. Das war eine persönliche Erfahrung, ich tat das, um Geld zu verdienen, aber zugleich war es eine sehr wichtige Lebenserfahrung – ich lernte das sowjetische oder vielmehr das postsowjetische System kennen.

 

Foto: Slava Samyslov, ASI

 

(…..)

Hier möchte ich noch über einen Vorfall berichten (...) 1997 hörte der schwedische sozialdemokratische Premierminister Johan Person im Radio von einer Umfrage, die unter schwedischen Jugendlichen durchgeführt worden war. Es stellte sich heraus, dass die Schüler sehr wenig vom Holocaust wussten. Er war darüber erschrocken und beschoss, dafür zu sorgen, dass dies in das Bildungsprogramm aufgenommen wird. Damals wurde die staatliche Initiative „Forum – Lebendige Geschichte“ ins Leben gerufen, damit die Schweden einen Begriff davon bekamen, was der Holocaust war. Das Forum brachte einen Band über die Geschichte des Holocaust in Europa heraus mit dem Titel: „Erzählen Sie das Ihren Kindern“. Er wurde so zahlreich gedruckt, dass jedes schwedische Schulkind ein Exemplar bekommen konnte. Dann haben die Schweden diesen Band ins Englische, Iwrith, ins Arabische, Russische und noch weitere Sprachen übersetzt, damit die schwedischen Botschaften und ihre Partner diese Bildungsprogramme weltweit durchführen konnten.

2006 gingen die Liberalen in Schweden als Sieger bei den Wahlen hervor. Sie waren der Auffassung, dass jetzt alle Schüler über den Holocaust und die Verbrechen der Nazis Bescheid wüssten. Es sei nunmehr an der Zeit, sie sowie die gesamte schwedische Gesellschaft über die Verbrechen der kommunistischen Regime aufzuklären (teils mit dem Ziel politischer Bildung, teils war das auch eine Folge ihrer politischen Vorbehalte gegen die Verlierer der Wahl, die Sozialdemokraten und andere, noch weiter links stehende Parteien). Es ging um die Regime in der Sowjetunion, China, Kambodscha und anderen Ländern sowie auch darum, wie die schwedischen Kommunisten diese Verbrechen verschleiert hatten. Dasselbe Forum „Lebendige Geschichte“ entwickelte nun Aufklärungsprogramme über die Geschichte der Verbrechen kommunistischer Regime. In dieser Zeit fing ich an, in der Botschaft zu arbeiten.

Das neue Programm war wesentlich weniger umfangreich als das zum Holocaust, und es war nicht für den Export gedacht, aber mich hat es sehr interessiert, weil es Russland betraf.

Mit der [schwedischen] Botschaft habe ich verschiedene Städte bereist, von Jekaterinburg und dem Wolgagebiet bis zum Nordkaukasus. Die Mitarbeiterinnen in den Bibliotheken, Schullehrer und verschiedene Personen, mit denen ich schwedische methodische Bildungsseminare über den Holocaust durchführte, sagten: „Wie schön, dass sie dort über die Verbrechen der Nazis berichten, die unsere heldenhafte Rote Armee besiegt hat.“ Als ich im zweiten Teil des Seminars auf die Verbrechen der kommunistischen Regime zu sprechen kam, sagten dieselben Leute: „Was denn für Verbrechen? Und was geht das überhaupt die Schweden an?!“

Natürlich bin ich auch früher durch Russland gereist, aber mehr als Tourist, und ich war nicht so oft außerhalb von Moskau oder Petersburg. Und jetzt bekam ich eine Menge Eindrücke, ich begegnete sehr vielen Bibliothekaren, Lehrern, Museumsmitarbeitern, Schülern, Studenten. Und diese intelligenten Leute sagten mir: „Warum zum Teufel stecken die Schweden ihre Nase in die Verbrechen des Kommunismus?“ Das bedrückte mich, war zugleich aber ungemein interessant.

Sie haben in Harvard studiert. Warum sind Sie in die USA gegangen?

Ich wollte forschen und sehen, welche Erfahrungen einer – horribile dictu – „Sozialtherapie“ es gibt, der Arbeit mit Erinnerung, mit Traumata, mit dem Aufdecken der Lüge. Ich dachte darüber nach, dass man in Schweden frei mit Kindern über alles spricht, über alle Probleme des Lebens, Scheidungen, Todesfälle von Angehörigen. In Russland sagt man dagegen, wenn jemand von den Großeltern stirbt, er sei verreist, oder man sagt überhaupt nichts. Ich glaube, das hängt mit der sowjetischen Erfahrung des Verschweigens zusammen. Ich wollte wenigstens einige theoretische Forschungsarbeiten lesen und verstehen, um mich nicht nur auf meine eigenen Beobachtungen zu stützen.

(…)

Ich bewarb mich um ein Sacharov-Stipendium für Menschenrechte. In Harvard studierte ich Sozialtherapie, ich hörte, wie Programme kollektiver Rehabilitierung für Menschen in Afrika und Amerika selbst funktionieren.

Mich interessierten verschiedene Aspekte der Sozialphsychologie. Es gab ein Zentrum der Harvard Medical School, das Gehirnwäsche erforschte, und zwar auf ganz praktischer Ebene. Sie entwickelten Methoden der Rehabilitierung amerikanischer Soldaten, die in Vietnam und anderen Ländern in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Außerdem halfen sie, Menschen aus totalitären Sekten zu lösen. Man kann sagen, dass sie Methoden zur „Deprogrammierung der Gehirne“ entwickelten.

Gerade damals in Amerika habe ich mir das Projekt ausgedacht, das später die Bezeichnung „Zweiter Akt. Die Enkel“ erhielt. Ich dachte darüber nach, wie sich die Erfahrung der sowjetischen Vergangenheit in einem Menschen niederschlägt, dessen Eltern für die Verbrechen des Stalinschen Sowjetregimes verantwortlich sind und der sich darüber Rechenschaft gibt.

 

Foto: Slava Samyslov, ASI

 

Und gibt es welche, die das nicht tun?

Ja. Und solche, die darüber gar nicht nachdenken. Aber mich interessierte nicht, was stalinistische Enkel über stalinistische Großväter dachten. Unsere Gesprächspartner vertraten humanistische Wertvorstellungen, die Verbrechen des Sowjetregimes waren auch in ihren Augen Verbrechen. Und sie waren sich darüber im Klaren, dass nicht irgendjemand, sondern ihr geliebter Großvater oder ihre geliebte Großmutter sie begangen hatten. Es waren Enkel, Kinder oder Urenkel hochrangiger stalinistischer Funktionäre, Lagerkommandanten im GULAG. Mit meinem Kollegen Michail Kaluzhskij habe ich daraus ein dokumentarisches Theaterprojekt entwickelt.

Es war interessant, wie konkrete Personen ihre familiäre Kollision lösen. Hier ist der Großvater, der einen geliebt, einem Schokolade geschenkt und vor dem Einschlafen vorgelesen hat. Und zugleich hatte er furchtbare Verbrechen begangen. Die Reflexion unserer Gesprächspartner ließ sich offenbar aus der persönlichen Erfahrung auf die kollektive Ebene extrapolieren, damit die Gesellschaft ein Modell zu sehen bekam, in dem dies anerkannt wird und es gewissermaßen zu Versöhnung mit sich selbst kommt: Ja, wir haben ein Land, wir alle lieben es, es ist unsere Heimat, wir sind Patrioten, wenn dieses Wort unbedingt nötig ist. Aber der Staat hat sich furchtbare Verbrechen zuschulden kommen lassen. Wie auch immer, das waren unsere Vorfahren, sie haben Verbrechen zu verantworten, und wir sind für die Wahrheit über diese Verbrechen verantwortlich. Wir haben den „Zweiten Akt. Die Enkel“ zwei Jahre lang gezeigt, hauptsächlich in Moskau, wir haben aber auch Gastspiele gegeben. Nach zwei Jahren mussten wir es aus dem Repertoire nehmen, aber ich komme zu diesem Thema auf verschiedenen Wegen immer wieder zurück.

 

Schwierige Fragen für Schüler

(…)

Hier muss ich nochmal kurz abschweifen. Ich war einmal mit dem Zug von Budapest nach Krakau unterwegs. 40 Minuten vor Krakau hielt der Zug in Auschwitz. Eine Schulklasse aus Deutschland stieg zu. Sechs setzten sich neben mich und meinen Freund, und der Lehrer mit den anderen Kindern war in einem anderen Abteil. Ich spreche nicht Deutsch, aber mein Freund übersetzte mir alles.

Sie diskutierten über Auschwitz. Sie waren im Alter von 15-16 Jahren. Ich war verblüfft darüber, wie frei sie sich äußerten, wie sie einander zuhörten, wie sie sich, ohne vom Lehrer danach gefragt worden zu sein, daran erinnerten, was ihnen die Eltern erzählt hatten, was ihre Vorfahren im Dritten Reich gemacht hatten. Nach diesen 40 Minuten, die ich mit ihnen im Zug unterwegs war, war ich perplex.

 

Foto: Slava Samyslov, ASI

 

In Moskau habe ich dann eine Talk-Show und Debatten für Schüler über die sowjetische Geschichte und andere schwierige Fragen auf einem Buchfestival organisiert. Meine Freundinnen und ich waren Kuratoren eines Bildungsprogramms für Kinder. Wir sprachen mit den Jugendlichen über verschiedene Themen und dachten uns Formate aus, um die Kinder anzuregen, sich zu äußern, miteinander zu sprechen und nachzudenken.

Welche Themen haben Sie zur Sprache gebracht?

Themen zur sowjetischen Geschichte, so etwa das Thema: „Ich bin 15. Bin ich ein Erbe der Sowjetunion?“

Wir bewerteten die Vor- und Nachteile der Sowjetmacht. Die Kinder nannten als Minuspunkte, dass Menschen erschossen wurden, dass man nicht ins Ausland reisen konnte, an niemanden glauben durfte außer an Lenin, sowie die geringen Renten. Positiv wurde angerechnet, dass Sprudel nur drei Kopeken kostete und unsere Weltraumflüge. Dann stimmten wir ab, was ihrer Meinung nach überwog – das Gute oder das Schlechte. Sie meinten – gleichermaßen. Das schien mir zwar abwegig, aber mir kam es sehr viel mehr darauf an, dass sie überhaupt darüber nachdachten und dass wir ihnen viele Fragen für die Zukunft mit auf den Weg geben konnten. Ich bin sicher, dass sie das später revidiert haben.

Dann führten wir noch viele weitere Talk-Shows und andere Formate zu verschiedenen Themen durch – über Menschen und Gesellschaft, freiwillige und erzwungene Verantwortlichkeit, Mensch und Staat, die Berliner Mauer und noch etliches andere.

 

Geschichte im Raum

 

Wie sind Sie zu Memorial gekommen?

Ende 2011 lud mich ein Bekannter, der hier schon lange arbeitet, ein, als Kurator der Kulturprogramme im neuen Gebäude zu arbeiten, wohin Memorial gerade erst umgezogen war. Aber ich hatte schon vorher mit Memorial gemeinsame Projekte durchgeführt.

Memorial verfügt über ein gigantisches Ausmaß an Forschungsarbeiten und sowie über ein eigenes Archiv. Meine Aufgabe war, das in einer eher populärwissenschaftlichen Form zu vermitteln. Wir wollten Theaterstücke aus Archivmaterialien und Forschungen zusammenstellen, Exkursionen und Ausstellungen durchführen, Filme zeigen usw.

Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde klar, dass man nicht immer nur das popularisieren kann, was andere Kollegen vorbereitet haben. Z. B. stand bei Memorial immer der Mensch im Mittelpunkt, seine Biographie, sein Name und sein Schicksal. Untersuchungen der Verbrechen der Sowjetmacht zielten auf die Opfer ab, auf das System und die Verantwortlichen: Deshalb gibt es die Listen von Opfern politischer Verfolgungen, die Aktion „Rückgabe der Namen“, den Schülerwettbewerb „Der Mensch in der Geschichte“, die Nachschlagewerke zu NKVD-Mitarbeitern und andere Projekte.

Irgendwann ging es dann darum, die Geschichte nicht nur an einer Chronologie und Biographien festzumachen, sondern auch im Raum, in dem der Mensch gelebt hat: Seht her, all das Schreckliche, was passiert ist, ist hat sich gerade hier abgespielt – innerhalb dieser Mauern, auf diesen Straßen.

Unsere Großeltern erinnern sich vielleicht nicht, weil das alles geheim gehalten wurde, aber die Mauern wissen noch, wie furchtbar das war. Die Menschen gingen ins Kino und zur Arbeit und waren so blinde Zeugen dessen, was in Moskau geschah. Wir wollten das Ergebnis der Forschungen unserer älteren Kollegen auf einer Moskauer Karte eintragen, aber in einigen Fällen reichten die vorhandenen Daten nicht aus, vieles musste revidiert und ergänzt werden unter Einbeziehung der topographischen Optik.

Mit der Zeit begannen auch wir mit Forschungen und blieben nicht mehr allein bei der Aufklärung. Natürlich haben uns die Kollegen sehr geholfen, in erster Linie und am meisten Arsenij Roginskj. So entstand das Projekt „Das ist unmittelbar hier“. Das war nicht lange nach den Protestkundgebungen von 2011 und 2012, als die Leute riefen: „Das ist unsere Stadt, geh auf die Straße, nimm dir deine Stadt zurück“. Unser Projekt war einerseits ein Forschungs-, andererseits ein zivilgesellschaftliches Projekt. Wir wollten die Stadt physisch, wenn nicht verändern (denn Einfluss auf das Stadtbild zu nehmen ist nicht so einfach), so doch den vergessenen und versteckten Gehalt der Stadt wiedergewinnen, seine latente Erinnerung erschließen.

 

Foto: Slava Samyslov, ASI

 

Wollten Sie diese Häuser markieren, die zum Projekt „Die letzte Adresse“ gehören?

„Die letzte Adresse“ ist ein geniales Projekt. Es ist ebenfalls hier, bei Memorial entstanden, etwas später als unseres. „Die letzte Adresse“ berichtet von der Stadt aus der Perspektive des Menschen, dem sein Leben genommen, der der Stadt entwendet wurde. Und jede Gedenktafel gibt zwar nicht den Menschen, aber die Erinnerung an ihn zurück, sie zeigt die Leere an Stelle des entfernten Menschen. Jedes Mal, wenn man die Tafel einer „letzten Adresse“ sieht, bedeutet das, dass Freiwillige mehr oder weniger alle Einwohner des Hauses aufgesucht und sie gefragt haben, ob sie etwas einzuwenden haben, dass diese Tafel an ihrem Haus angebracht wird. Und sobald sie einmal da ist, bedeutet das, dass sich alle im Haus einig sind: Man darf niemanden töten. Das ist eine gemeinsame Werthaltung der Menschen gegen das systematische Morden.

Das Projekt „Das ist unmittelbar hier“ ist in diesem Sinne etwas komplexer: Es erzählt mehr vom System, das den Raum um einen herum verändert, vom System des Terrors.

Wir berichten oft über Standorte, an denen sich Gefängnisse befanden, in denen Menschen umgebracht wurden, wo der menschliche Wille gebrochen wurde. Aber das sind keine Wohnhäuser, die meisten dieser Gebäude gehören immer noch dem FSB, und der FSB wünscht nicht, dass dort vermerkt wird, dass hier früher gefoltert und gemordet wurde. Das würde ja bedeuten, dass sie sich geeinigt hätten, dies nicht mehr zu tun, und eine solche Werthaltung liegt bei ihnen nicht vor.

Einer der furchtbarsten Plätze in Moskau, wo bis zu 15.000 Menschen erschossen wurden, ist der Hof und die Garage in der Warsonofjev-Gasse. Es liegen schriftliche Zeugnisse von Personen vor, die daran teilgenommen hatten: Sie wurden später verhaftet, und in den Vernehmungsprotokollen wird diese Erschießungs-Garage beschrieben. Aber wir können bis heute diesem Ort nicht einmal in die Nähe kommen.

 

„Irgendwann werden wir alles erfahren“

 

Was Fonds und Archive betrifft - wie leicht ist es jetzt, Zugang zu bekommen, um Informationen zu erhalten?

Man kann nicht sagen, dass alles verschlossen ist. Vieles, was wichtig und notwendig ist, ist nicht zugänglich, aber sehr vieles ist auch offen und einsehbar. Zum Beispiel hat ein Kollege umfangreiche Recherchen zum Thema GULAG in Moskau angestellt. Er hat über 190 Lagerabteilungen, Lagerpunkte des GULAG innerhalb Moskaus und des Moskauer Gebiets gefunden. Man wusste davon aus Solzhenizyns Büchern, er hat als Gefangener ein Gebäude am Lenin-Prospekt mitgebaut. Aber wo sich diese Lager befanden und wieviele Objekte von Gefangenen in Moskau gebaut wurden – darüber wusste man kaum etwas. Und es wurde jetzt bekannt, weil die Parteiarchive zugänglich sind. In jedem Lager gab es eine Parteizelle und dadurch ließ sich die Geschichte rekonstruieren.

Mit indirekten Quellen zu arbeiten, macht sehr viel Arbeit, es ist interessant und ermüdend, aber vieles wird dabei natürlich nicht vollständig aufgeklärt. Dazu gehören Dinge, die uns sehr wichtig sind, etwa die Notizen über Verhöre während des Untersuchungsverfahrens in den Gefängnissen, ja überhaupt der Fonds der Gefängnisabteilung im FSB-Archiv. Eines Tages werden wir sicher alles erfahren, aber sicher nicht unmittelbar jetzt.

 

Foto: Slava Samyslov, ASI (Auf dem T-Shirt ist der - damals noch inhaftierte - Leiter von Memorial in Groznyj, Ojub Titiev, abgebildet)

 

Die Vernichtung von Archivinformation – geschah das in böser Absicht oder eher aus Dummheit?

Mir scheint, das war eine Mischung aus Bewusstem und Unbewusstem. Einerseits meinen die Menschen, es sei besser, alles zu verbergen. Es ist die Gewöhnung an Abgeschlossenheit, an Intransparenz und die fehlende Verantwortlichkeit des Staates vor der Öffentlichkeit. Auf alles heißt die Antwort - „Nein“. Leider teilen selbst Archivmitarbeiter diese Position. Manchmal kommen Nutzer nicht einmal dazu, einen Passierschein ausfüllen und Akten zu bestellen – und schon sagt irgend eine Garderobenfrau, dass „alles unter Geheimhaltung steht“. Aber wir haben eine Verfassung und das Recht auf Zugang zu Informationen. Alle meinen einfach, ein Archiv müsse im Archiv aufbewahrt werden, schon das Wort „Archiv“ bedeutet Verschlossenheit und nicht nur sichere Aufbewahrung, deren Sinn ja darin besteht, dass es leicht zugänglich ist und dass die Möglichkeit für jeden besteht, jederzeit die erforderliche Information zu finden. Das ist es, was wir überwinden und ändern müssen.

Ist das auch ein sowjetisches Erbe?

Im Wesentlichen ja, aber auch ein vorsowjetisches.

Der Leiter der Dritten Abteilung Benckendorff konnte es auch nicht leiden, dass Puschkin immerzu die Archive aufsuchen wollte. Das schien ihm äußerst suspekt: Die hundert Jahre zurückliegende Geschichte Peters I. war eine eindeutige Gefahr für die nationale Sicherheit unter Nikolaj I.

 

Es ist wichtig, weiter auf die Straße zu gehen

 

Sie arbeiten auch an Theaterprogrammen. Macht es Ihnen aus rein menschlichen Gründen nicht Angst, sich in neue Bereiche zu begeben – Theater, zeitgenössische Kunst, Ausstellungen?

Das einzige „Theaterstück“, in dem ich als Regisseurin genannt wurde, war „Der zweite Akt. Die Enkel“. Das ist ein dokumentarisches Theaterprojekt, vielleicht gar nicht im eigentlichen Sinne Theater. Ich denke überhaupt nicht, dass sich nur jemand, der ein Studium an einem Theaterinstitut absolviert hat, mit Theater beschäftigen kann. Natürlich befasse ich mich nach den „Enkeln“ nicht mehr allein mit diesem Gebiet, einfach weil ich das nicht schaffe, aber wir haben immer Freunde und Kollegen aus Theatern dazu gebeten, und es war sehr interessant, mit ihnen gemeinsam zu arbeiten. Wir haben interessante Geschichten produziert. Und wir haben eine Unmenge von Materialien, die als Grundlage für szenische Versuche dienen können. Um auf Ihre Frage zu antworten, nein, Angst hatte ich nicht.

Was Ausstellungen betrifft, so machen wir gewöhnlich den wissenschaftlichen und konzeptionellen Teil. Für die plastischen Lösungen haben wir uns immer um professionelle Künstler und Architekten bemüht. Unsere Ausstellungen haben die Architekten Sergej Sitar, Alexander Brodskij, Nadja Korbut und Kirill Ass und Juri Avvakumov – das ist einer der besten Ausstellungsmacher in Moskau – betreut. Aber insgesamt habe ich da keine Angst – das Gebiet der Kunst ist mir nicht fremd, das ist auch ein Medium für Gespräche über dieselben Werte. Ich bin sicher, dass es auch für die Kunst uninteressant wäre, elitär und rein professionalistisch zu sein, daher denke ich, dass wir uns hier aufeinander zubewegen.

Die letzte Frage – Welche Pläne haben Sie für die nächste Zukunft?

Ich möchte weniger neue Pläne schmieden, auch wenn ich darauf nicht ganz verzichte, sondern eher das ganze Gepäck alter realisierter oder noch unrealisierter Pläne in Ordnung bringen und aktualisieren, die Kommunikation nach außen sowie die interne verbessern, die Kanäle der Zusammenarbeit von Memorial und Gesellschaft unterstützen und modifizieren.

Als Memorial entstand, fing alles mit einer Unterschriftensammlung auf den Straßen an. Es ging um den Appell, ein Denkmal für Opfer politischer Verfolgungen zu errichten. Damals bestand eine ständige Kommunikation auf verschiedenen Ebenen, vor allem aber auf der ganz unteren. Und damals wusste Memorial ganz genau, worin sein Auftrag und welches Bedürfnis in der Gesellschaft bestand, woraus Memorial hervorgegangen war. Jetzt hat sich Memorial aus der von unten hervorgegangenen Selbstorganisation institutionalisiert, nicht ohne Verluste, aber es hat 30 Jahre zahlreicher Prüfungen durchgehalten, was ihm zweifellos als Institution zur Ehre gereicht. Allerdings ist es sehr wichtig, auch weiterhin auf die Straße zu gehen, tagtäglich zuzuhören und sich deutlich selbst zu erklären, diese ursprüngliche innere Horizontale zu hegen und zu pflegen, die sich verändernden Kontakte mit der sich wandelnden Gesellschaft zu halten, es kommt darauf an, im Kampf um das Überleben der Institution nicht zu vergessen, dass Memorial ohne unmittelbaren Kontakt mit der Gesellschaft seinen Sinn verliert.

Es ist alles andere als einfach, die Demokratie in einer einzigen Organisation bei einem keineswegs demokratischen Regime aufrecht zu erhalten, wenn unmittelbarer gezielter Druck ausgeübt wird. Sehr viel einfacher ist es, die von außen suggerierte konische Vertikale zu reproduzieren und Entscheidungen vertikal zu treffen, aber soweit wir von der Gesellschaft und nicht vom Regime abhängen, haben wir, soweit ich sehe, durchaus eine Chance.

 

Quelle: https://www.asi.org.ru/article/2019/03/22/aleksandra-polivanova/, 22. März 2019.

Wir danken Elena Dolzhenko für die Erlaubnis, Text und Fotos zu verwenden.

 

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