Am 17. Oktober schnitten sich bei einem weiteren Verhandlungstag im Prozess „Novoe Velitschie“ die beiden Angeklagten Vjatscheslav Krjukov und Ruslan Kostylenkov demonstrativ die Venen auf.

Am 15. März 2018 waren in Moskau zehn Personen unter der Anklage, eine extremistische Vereinigung namens „Novoe Velitschie“ (Neue Größe) gegründet zu haben, verhaftet worden. Die Ermittler legen ihnen einen Staatsstreich zur Last. Die Anwälte der Angeklagten erklärten, „Novoe Velitschie“ sei von einem eingeschleusten Mitarbeiter der Sicherheitskräfte ins Leben gerufen worden. In dem Prozess gab es mittlerweile erste Urteile, ein Teil der Angeklagten steht unter Hausarrest. Vjatscheslav Krjukov und Ruslan Kostylenkov befinden sich nach wie vor in Untersuchungshaft. In einem Brief nun erklärt Vjatscheslav Krjukov die Motive der Aktion. Wir veröffentlichen den Brief gekürzt.

 

Am 17. Oktober habe ich mir im Verhandlungssaal eines Moskauer Bezirksgerichts vor aller Augen die Venen aufgeschnitten. Warum ich mich entschied, das zu tun? Weil ich nicht mehr anders kann. Ich bin so müde, es ist moralisch und physisch schwer, unschuldig im Gefängnis zu sitzen. Und wer auch immer was sagt – ich bereue nichts. Und ich bitte auch nicht darum, mich zu bedauern. Mehr als die Hälfte der im Verfahren „Novoe Velitschie“ Angeklagten sind in Freiheit, während diese mir und einigen anderen entzogen wird. Und das, obwohl man allen im Prozess „Novoe Velitschie“ Angeklagten dieselbe Anklage vorgelegt hat, allen ein und derselbe Paragraph zur Last gelegt wird. Als die Öffentlichkeit ernsthaft kämpfte und Bewegung in die Sache mit den verhafteten Mädchen (Anja Pavlikova und Mascha Dubovik) brachte, entließ man sie damals aus der Haft.

Die übrigen hat man fast vergessen. Wir – Krjukov, Kostylenkov, Karamzin, Poletaev – sind immer noch hinter Gittern. Aber sind wir denn in irgendeiner Hinsicht schuldiger als sie? Oder ist die ganze Sache einfach die, dass wir keine 'jungen Mädchen' sind? Unser ganzes Verfahren – das ist doch eine Art Zirkus, und das sehen und verstehen alle, vom einfachen Zuschauer bis zu den Richtern selbst. Aber warum befinden wir uns dann in diesen schrecklichen Haftbedingungen? Wir sind keine Verbrecher und haben das nicht verdient. Wie lange wird diese Verhöhnung noch andauern? Ich bin sicher, dass der Richter des Bezirksgerichts Aleksandr Maslov das alles bestens begreift. Er hat das volle Recht, dieses Unrecht jederzeit zu beenden und uns wenigstens aus der Untersuchungshaft zu entlassen, wird dies aber in keinem Fall tun. Denn er ist ein typischer Richter des Systems, genau so einer, wie die erdrückende Mehrheit der Richter in der Russischen Föderation, die es gewohnt sind, sich nach Befehlen zu richten.

Vor allem in politischen Prozessen, wenn die Entscheidung von oben kommt, und nicht unabhängig durch die Richter selbst auf Grund ihrer eigenen Eindrücke und Überzeugungen getroffen wird. Das hat unser verehrter Richter ein weiteres Mal am 17. November 2019 bewiesen, indem er einen Antrag der Angeklagten, die Untersuchungshaft aufzuheben, ohne Begründung und völlig unbeirrbar ablehnte.

Als Zeichen des Protests habe ich mir dann die Venen aufgeschnitten. Lärm erhob sich, Panik entstand. Ruslan Kostylenkov, der sich ebenfalls in die Arme geschnitten hatte, und ich wurden sofort aus dem 'Glaskasten'  geführt. Die Wachen versuchten Erste Hilfe zu leisten, aber es gab weder Bandagen noch Gurte oder überhaupt irgendetwas anderes. Die Wächter selbst waren schockiert, einige fielen beinahe in Ohnmacht. Fast sofort eilte die gesamte oberste Leitung herbei. Der Krankenwagen kam als letztes. Die Sanitäter leisteten qualifizierte Hilfe. Nach einer Weile wurden wir ins Krankenhaus gebracht. Trotz meines schlechten Zustandes bestand die Polizeieskorte darauf, mich aus dem Krankenhaus zu entlassen und berief sich auf den Befehl von oben. Die Ärzte aber bestanden darauf, mich wenigstens bis zum nächsten Morgen im Krankenhaus zu behalten. Ich wurde in ein Krankenzimmer gebracht und mit Handschellen ans Bett gefesselt, drei Polizisten gleichzeitig an meiner Seite, die sich nicht auch nur einen Schritt weg trauten.

Am 18. Oktober kam ich zurück ins Untersuchungsgefängnis. Während ich das alles beschreibe, habe ich starke Schmerzen in den Armen, das Schreiben fällt mir schwer. Die Leute mögen unsere Handlung unterschiedlich bewerten, aber ich bin der Ansicht, dass sie nötig war. Wenn man die Wahrheit nicht mit den üblichen Mitteln erreichen kann, muss man auch zu solchen verzweifelten Maßnahmen greifen.

Der Vorfall wurde in Windeleile in allen Haftanstalten in ganz Moskau bekannt, viele Häftlinge wandten sich dadurch gegen uns, ebenso Mitarbeiter der Polizei. Wir entschuldigen uns bei allen, viele von ihnen verhielten sich uns gegenüber immer völlig normal. Ich möchte noch einmal betonen: Unsere Handlung vor Gericht richtete sich ausschließlich gegen die gerichtliche Willkür. Das ist das größte Problem, das wir nur alle zusammen bewältigen können. Ich bitte die Öffentlichkeit, uns zu helfen und sich gegen die Willkür zusammenzuschließen. Freiheit!

Oktober 2019

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