Der zweite Tschetschenienkrieg dauert bereits mehr als drei Jahre, ein Krieg, in dem es - wie in anderen auch - keinen Sieger geben wird. Den Tod Tausender russischer Soldaten und Offiziere sowie zehntausende Opfer unter der Zivilbevölkerung, die Zerstörung ganz Tschetscheniens sind weder mit einer "staatlichen Notwendigkeit" noch mit Überlegungen über die Bedrohung durch den "weltweiten Terrorismus" zu rechtfertigen. Weder die Verluste an Menschen und Material noch die moralischen Verluste sind in ihrer Höhe hinnehmbar. In den letzten Jahren wurde uneingeschränkte Anwendung von Gewalt zur Norm der Staatspolitik, die Kalaschnikow zum Verständigungsmittel zwischen den Völkerschaften.

Das Drama im Theater an der Dubrowka war eine Antwort auf die Gewalt und ein Beweis für die Niederlage der imperialen Politik Russlands im Kaukasus. Die Führung des Landes trifft, wie es uns scheint, eine falsche Wahl, wenn sie sich jeglicher Friedensinitiative verweigert und auf einem Krieg "bis zum siegreichen Abschluss" besteht. Aber das Andenken an die Opfer im "Nord-Ost" fordert keine Rache, sondern eine andere Lösung des Problems: nur ein beiderseitiger Verzicht auf militärische Aktionen kann neue sinnlose Opfer vermeiden helfen. Die Führung Russlands muss diesen politischen Schritt vollziehen und den Verhandlungsprozess in Gang setzen. Geschieht dies nicht, erwarten uns alle ein Mehr an Angst und gegenseitigem Hass, ein endloser Partisanenkrieg, neue "Säuberungen" und neue Terrorakte.

Russland und Tschetschenien sind des Krieges müde, sie brauchen Frieden. Grausamkeit findet keine Rechtfertigung, unabhängig, ob sie von Tschetschenen oder Russen ausgeht. Die Banditen auf beiden Seiten dürfen nicht ohne Strafe davon kommen. Wenn die russische Seite zu Recht die Grausamkeit der (tschetschenischen) Kämpfer verurteilt, muss sie gleichzeitig von den barbarischen "Säuberungen", den Folterungen, den Hinrichtungen ohne Prozess, allen sinnlosen Strafaktionen und dem ständigen Anwerben neuer Anhänger in den Reihen der Separatisten Abstand nehmen.

Nach Angaben von Soziologen tritt die Mehrheit der Russen für eine Beendigung des Krieges und für Verhandlungen ein. Die russische Führung braucht den Willen zum Frieden und darf sich nicht nach dem Trägheitsgesetz vom Krieg treiben lassen. Die Regierung muss die ersten Schritte hin zu einer Aussöhnung machen. Das verlangen sowohl das rationale Denken, als auch das Recht und schließlich die schlichte Humanität, ohne die eine jegliche staatliche Politik ihre Rechtfertigung und ihren Sinn verliert. Nicht die Resolutionen des Europarats, sondern die eigenen humanistischen Traditionen der russischen Kultur müssen zum Maßstab der staatlichen Politik werden. Dann müssten wir nicht wieder unsere Wege in der Geschichte mit Eisen und Blut zeichnen. Wir rufen unsere Landsleute dazu auf, Passivität und Gleichgültigkeit abzulegen. Der Staat - das sind wir! Unser Land ist so, wie wir es gestalten! Jeder Einwohner Russlands kann auf den Gang der Ereignisse Einfluss nehmen, wenn er offen seinen Friedenswillen zum Ausdruck bringt, wenn er sich an gewaltlosen Antikriegsaktionen, am Sammeln von Mitteln für die humanitäre Flüchtlingshilfe beteiligt, wenn er für die Politiker der "Partei des Friedens" stimmt und den Führern der "Kriegspartei" seine Unterstützung versagt.
Wir wenden uns insbesondere an unsere Kollegen aus den Bereichen Kunst und Wissenschaft. Wir schlagen ihnen vor, sich diesem zur Unterzeichnung offen liegenden Appell anzuschließen, sich an neuen humanitären, zum Frieden führenden Initiativen zu beteiligen und ihren ganzen Einfluss darauf zu verwenden, Fremdenfeindlichkeit, aggressivem Nationalismus und Chauvinismus zu widerstehen - im täglichen Leben und in der großen Politik.

Juri Arabow, Juri Afanassjew, Lija Achedshakowa, Bella Achmadulina, Anatoli Achutin, Leonid Bashanow, Leonid Batkin, Michail Berg, Andrej Bitow, Alla Bossart, Jewgeni Bunimowitsch, Pjotr Wail, Arkadi Waksberg, Boris Wassiljew, Wladimir Wischnewski, Georgi Wladimow, Wladimir Woinowitsch, Sergej Gandlewski, Alexandr Gelman, Illarion Golizyn, Alexandr Gorodnizki, Lidija Grafowa, Lew Gudkow, Wladimir Daschkewitsch, Weronika Dolina, Denis Dragunski, Ion Druze, Wadim Shuk, Wiktor Jerofejew, Michail Slatkowski, Leonid Sorin, Igor Irtenjew, Fasil Iskander, Garri Kasparow, Juli Kim, Galina Kornilowa, Alexej Kortnew, Juli Krelin, Grigori Krushkow, Alexandr Mirsajan, Daniel Mitljanski, Juri Norschtejn, Gleb Panfilow, Jewgeni Rejn, Mark Rosowski, Lew Rubinschtejn, Olga Sedakowa, Wiktor Slawkin, Alexandr Tkatschenko, Pjotr Todorowski, Natalija Trauberg, Ljudmila Ulizkaja, Alexandr Fillipenko, Vater Georgi Tschistjakow, Inna Tschurikowa, Dmitri Schachowski, Wiktor Schenderowitsch, Sergej Jurski, Alexej Jablokow, Igor G. Jakowenko.
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